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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.04.2015

Rechtspopulismus in FrankreichSchlips vs. Springerstiefel

Karin Priester im Gespräch mit Christopher Ricke und Anke Schaefer

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Jean-Marie Le Pen und seine Tochter Marine, Vorsitzende des rechtsextremen Front National (picture alliance / dpa / Foto: Yoan Valat)
Ein Bild aus besseren Tagen: Jean-Marie Le Pen und seine Tochter Marine, Vorsitzende des rechtsextremen Front National (picture alliance / dpa / Foto: Yoan Valat)

Streit in der Familie Le Pen: Nachdem Jean-Marie Le Pen einmal mehr den Holocaust erneut als "Detail der Geschichte" marginalisiert hat, hat seine Tochter, Front National-Chefin Marine, mit ihm gebrochen. Weil sie mehrheitsfähig werden wolle, sagt die Soziologin Karin Priester.

Dass "Front National"-Gründer Jean-Marie Le Pen die Gaskammern des NS-Regimes als "Detail der Geschichte" bezeichnet, hat ihm bereits mehrere Verurteilungen eingebracht. Jetzt hat er es sich wieder ähnlich geäußert und sich damit den Zorn seiner Tochter Marine, der Parteivorsitzenden des Front National, auf sich gezogen. 

Der Patriarch könne "einfach nicht loslassen" und pflege eine andere Vorstellung von der französischen Rechten als die Tochter, sagt die Münsteraner Soziologieprofessorin Karin Priester. Bei dem Streit gehe es letztlich darum, ob der Front National seine alte, rechtsextreme Identität bewahre oder ob er Abstriche mache, um mehrheitsfähig zu werden. "Das ist das strategische Kalkül von Marine Le Pen." Mehrheitsfähig könne diese nur werden, wenn sie abschwäche und bestimmte Positionen aufgebe. In gewissem Sinne sei Marine Le Pen moderater als ihr Vater, weil sie sich auf die Werte der französischen Republik beziehe und vorgebe, diese zu verteidigen. "Das hat meines Wissens der Alte, wenn ich ihn mal so nennen darf, nie getan."

Strategie der AfD: Die Lücke zwischen Union und NPD füllen

Was den Rechtspopulismus derzeit nicht nur in Frankreich, sondern in fast ganz Europa stark mache, sei zum einen das Immigrationsproblem, so Priester. "Und es ist auf der anderen Seite die Aversion gegenüber der EU grundsätzlich oder bestimmter politischer Aspekte der EU." So sei es auch die Strategie der deutschen AfD, sich einerseits rechts von der Union zu positionieren und gleichzeitig dem Rechtsextremismus eine Absage zu erteilen. "Wie ehrlich diese Absage ist und wie weit da nicht auch Trittbrettfahrer eine Rolle spielen, ist eine zweite Frage", so Priester. 

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