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Kompressor | Beitrag vom 27.08.2018

Rechter Aufmarsch in ChemnitzTrettmann: Latenten Rassismus gab es schon in der DDR

Stefan Richter im Gespräch mit Gesa Ufer

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Polizisten laufen nach dem Abbruch des Stadtfestes Chemnitz über eine Straße.  (dpa-Bildfunk / Andreas Seidel/)
Ermittlungen nach spontaner Demo in Chemnitz (dpa-Bildfunk / Andreas Seidel/)

Der Aufmarsch hunderter Rechtsradikaler in Chemnitz am Sonntag sei Ergebnis einer jahrzehntelangen falschen Politik, sagt Hip-Hopper Trettmann. Die Landesregierung habe es über Dekaden verschlafen, etwas gegen rechte Strukturen zu tun, meint der gebürtige Chemnitzer.

Nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen wurde das sächsische Chemnitz am gestrigen Sonntag zum Schauplatz eines beängstigenden Aufmarsches hunderter Rechtsradikaler. Über die sozialen Netzwerke hatten sich in kürzester Zeit 800 bis 1000 rechte Demonstranten in der Innenstadt versammelt. Augenzeugen berichteten von regelrechten Hetzjagden auf Migranten.

Dass in kurzer Zeit so viele Rechtsradikale mobilisiert werden konnten, liege an einer jahrzehntelangen falschen Politik, sagt der Hip-Hop-Musiker Trettmann alias Stefan Richter im Deutschlandfunk Kultur. Er stammt ursprünglich aus Chemnitz, lebt mittlerweile in Leipzig.

Die Landesregierung habe es über Dekaden verschlafen, etwas gegen rechte Strukturen zu tun. Außerdem gelte: "Der Feind steht immer links." So trete auch die Polizei auf. Dazu komme noch ein besonders gewalttätiges Fußball-Klientel.

Die "bösen Jahre" der Nachwendezeit

Bereits während der DDR-Zeit habe es einen "latenten Rassismus" gegeben, erklärt der 1973 geborene Trettmann. Und nennt Beispiele:

"Da wurde beim Fußball der schwarze Spieler als Brikett bezeichnet."

Es habe auch Gewaltexzesse gegeben zwischen Heavy-Metal-Fans und Punks.

"So richtig los ging das erst mit den Wendejahren - als das System quasi gescheitert war."

Damals sei "alles, was links, rot oder nach Sozialismus oder Kommunismus aussah", geächtet worden. Die Nachwendezeit sei dann "richtig schlimm" gewesen: mit der Belagerung von Jugendclubs, "Fascho-Überfällen". Man sei nie davor gefeit gewesen, "aufgrund eines Basecaps aufs Maul zu bekommen."

"Ich kenne wenige Positivbeispiele"

Ob er mit seinem Umzug nach Leipzig die Hoffnung für Chemnitz aufgegeben habe? "Das ist so ein grundsätzliches Ding", sagt Trettmann. "Inwieweit lernt der Mensch denn aus Geschichte - und wie viele Menschen haben vergessen, was sich in unserer Geschichte abgespielt hat?".

Wenn er das über die Jahre hinweg erörtere, verliere er den Glauben an die Menschheit. "Denn ich kenne wenige Positivbeispiele."

Er habe tiefen Respekt vor Leuten wie der Band Kraftklub und allen Leuten, "die was tun, und in diesen Enklaven kämpfen". Die Chemnitzer Band engagiert sich gegen Rechtsextremismus. Aber wie lange man sein Leben diesem Kampf widme, müsse jeder selbst entscheiden. Schon alleine, es als Künstler zu thematisieren, sei ein Mittel, um etwas dagegen zu tun.

"Ich würde mir wünschen, dass die Leute auf die Straße gehen und zeigen: Chemnitz ist unsere Stadt!"

(abr)

Hören Sie auch ein Gespräch mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer und unserem Sachsen-Korrespondenten Bastian Brandau zu: Was ist am Samstag und Sonntag in Chemnitz passiert? 

Hören Sie unseren Sachsen-Korrespondenten Bastian Brandau zu weiteren Entwicklungen in Chemnitz nach den Vorfällen vom Wochenende: 

Fazit

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