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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.03.2018

Rechte Verlage auf der Leipziger BuchmesseProvokationen und Proteste

Bastian Brandau im Gespräch mit Britta Bürger

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Tumulte bei der Veranstaltung des rechten Verlegers Götz Kubitschek (Deutschlandradio)
Starker Andrang mit Tumulten bei der Veranstaltung der rechten Verlger (Deutschlandradio)

Bei der Frankfurter Buchmesse im Herbst 2017 war es rund um rechte Verlage zu Tumulten gekommen. Entsprechend angespannt blickte man im Vorfeld auf die Leipziger Buchmesse 2018: Würden sich die Szenen wiederholen? Korrespondent Bastian Brandau berichtet von zwei Veranstaltungen.

Deutschlandfunk Kultur: Bastian Brandau, "Über Rechte schreiben" – das war der Titel einer Veranstaltung am Morgen. Veranstaltet von der Initiative "Verlage gegen rechts". Wie wurde denn da argumentiert?

Bastian Brandau: Sachlich und knallhart wollte man sich auseinandersetzen. Auf dem Podium saßen Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit, die konservative Publizistin Liane Bednarz, die über Neue Rechte schreibt, und der Verleger Christoph Links von der Initiative #verlagegegenrechts.

Sachliche Reaktion auf rechte Zwischenrufe

Sowohl Liane Bednarz als auch Andreas Speit stellten mit Blick auf die Debatte "Mit Rechten reden" fest, dass es bei den Rechten ein gewisses Beleidigtsein gebe, sobald sie Widerspruch erfahren.

Götz Kubitschek im Publikum bei der Veranstaltung "Über Rechte schreiben – Zwischen Aufklärung und Sensation" (Deutschlandradio)Götz Kubitschek (rechts) und Ellen Kositza (Mitte) im Publikum bei der Veranstaltung "Über Rechte schreiben" – Zwischen Aufklärung und Sensation" (Deutschlandradio)

Die Veranstaltung am Morgen wurde durch Zwischenrufe neurechter Protagonisten wie Götz Kubitschek oder seiner Frau Ellen Kositza gestört. Eben genau dann, als Andreas Speit sich wunderte, dass Rechte beleidigt reagieren, wenn ihre Argumente hinterfragt werden.

Andreas Speits Reaktion auf einen Zwischenruf von Antaios-Verlegerin Ellen Kositza:

"Das ist wunderbar, dass Sie das genauso fürs Publikum vorführen. Sie zeigen nämlich genau das: Sie beschweren sich, dass wir uns inhaltlich mit Ihnen auseinandersetzen und die Konsequenz kann eben auch sein, dass wir sagen: 'Bis hierhin und nicht weiter, weil das schlicht anti-demokratisch, anti-liberal, anti-westlich ist."

Brandau: Es gab mehrere solcher Zwischenrufe, die vom Podium ruhig und sachlich gekontert wurden. Auch widerlegte man auf dem Podium zum Beispiel die Aussagen von Uwe Tellkamp, doch da waren die Zwischenrufer schon wieder verschwunden.

Und es gab auf dem Podium auch den Hinweis darauf, dass die Konsequenzen rechten Denkens und Handels Menschen spüren, die nicht unbedingt auf der Buchmesse unterwegs seien, im Moment eben vor allem Flüchtlinge.

Hoher Andrang bei Antaios-Veranstaltung

Deutschlandfunk Kultur: Sie waren heute auch auf einer Lesung des rechten Antaios-Verlages, bei der es Proteste gab. Was genau ist da passiert?

Brandau: Bereits im Vorfeld war Protest angekündigt worden. Beim Verlagsstand und dessen Lesebühne gab es viel Publikum: Es war viel Presse unterwegs und auch Polizei. 

Es gab zunächst eine Aktion, bei der ein linkes Leipziger Bündnis sich gegen die Präsenz rechter Verlage auf der Messe ausgesprochen hat: Mehrere Redner vertraten die Meinung, dass den Rechten zuviel Aufmerksamkeit geschenkt würde.

Hanna Sandner, die Sprecherin des Bündnisses im O-Ton:

"Wir wollen Einfluss darauf nehmen, was gesellschaftlich als legitim oder illegitim erachtet wird. Wir konnten in den letzten Jahren feststellen, dass sich der Bereich des Sagbaren extrem nach rechts verschoben hat. Das ist gefährlich. Götz Kubitschek sagt in seinem Buch 'Provokation': 'Von der Ernsthaftigkeit unseres Tuns wird Euch kein Wort überzeugen, sondern nur ein Schlag ins Gesicht.' Mit solchen Leuten wollen wir hier nicht diskutieren. Wir wollen eine Debatte eröffnen. Aber nicht mit der Neuen Rechten, sondern über sie."

Brandau: Im Anschluss an diese Aktion wurde es unübersichtlich. Auf der rechten Seite Slogans wie man sie von Neo-Nazis kennt. Vor Ort waren auch Aktivisten der Identitären Bewegung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Eine harte Auseinandersetzung für die Buchmesse

Polizei war auch sehr präsent - das habe ich so auf einer Buchmesse auch noch nicht erlebt. Ich habe auch kurze Rangeleien gesehen, aber keine körperliche Gewalt, wie sie auf der letzten Frankfurter Buchmesse zu beobachten war. Aber trotzdem war das für die Buchmesse eine sehr harte Auseinandersetzung, die eher etwas von einer Demonstration hatte.

Götz Kubitschek im Gespräch mit einem Vertreter des Sicherheitsdienstes vor Beginn seiner Veranstaltung. (Deutschlandradio)Götz Kubitschek im Gespräch mit einem Vertreter des Sicherheitsdienstes vor Beginn seiner Veranstaltung. (Deutschlandradio)

Deutschlandfunk Kultur: Die Veranstaltung konnte aber stattfinden?

Brandau: Ja, sie konnte stattfinden. Der Andrang war groß, viele, auch viele Journalisten, kamen nicht mehr rein. Aber drinnen saßen auch einige Gegner der rechten Verlage, die auch Sprechchöre anstimmten. In einigen Metern Entfernung war von der angespannten Situation aber nichts mehr zu spüren. Der Großteil der Messebesucher dürfte von dieser Konfrontation nichts mitbekommen haben.

Die Meinungsfreiheit ist gewährleistet

Deutschlandfunk Kultur: Hat die Leipziger Buchmesse den richtigen Umgang mit rechten Verlagen gefunden?

Brandau: Über den wird diskutiert. Den einen Weg gibt es nicht. Klar ist: Die Lesungen rechter Verlage können stattfinden. Die Meinungsfreiheit, um die hier soviel diskutiert wurde, ist gewährleistet. Aber sie müssen eben mit Protest und Widerstand umgehen.

Das Ziel der Messeleitung dürfte es sein, solche Szenen mit Polizei wie heute zu verhindern. Doch wenn man fragt, wie genau, dann blickt man hier in sehr ratlose Augen.

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