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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 09.05.2017

Rechte Gewalt in Ostdeutschland"An der Strategie hat sich nicht viel geändert"

Anetta Kahane im Gespräch mit Heidrun Wimmersberg

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Teilnehmer eines Aufmarsches der rechtsextremen Gruppierung "Der dritte Weg" am 01.05.2015 in Saalfeld (Thüringen)  (picture alliance/dpa/Jens-Ulrich Koch)
Neonazi-Demonstration in Saalfeld (Thüringen) (picture alliance/dpa/Jens-Ulrich Koch)

"Die 90er waren sehr brutal", sagt Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung in Bezug auf rechtsextreme Gewalt. Die Strategie der Ablehnung all dessen, was nicht ins Weltbild der Neonazis passe, habe sich nicht geändert, "sie ist nur nicht mehr so tödlich".

Vorfälle wie der Überfall auf die Elbterrassen in Magdeburg waren Anfang der 1990er-Jahre nahezu alltäglich, sagt Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung: "Die 90er waren sehr brutal, wir haben bis zur Mitte der 90er-Jahre sehr viele Tötungsdelikte gehabt."

Dahinter habe gestanden, dass die Neonazis alles zum Feindbild erklärt hätten, was von deren Norm abweicht oder nicht in ihr Weltbild passt. Mit brutalen Konsequenzen: "Alles, was sie provoziert hat, andere Lebensformen, migrantische Personen, befanden sich potentiell in Lebensgefahr. Das war das Erbe, das man aus der DDR mitgebracht hatte."

Nach wie vor viel einzelne Gewalt

Dazu kam der Kampf um kulturelle Hegemonie, der dazu führte, dass Menschen, die sich gegen den Willen der Neonazis verhalten, potentielles Opfer wurden.

"Das ist eine Strategie gewesen, die in den 90ern sehr weit verbreitet war und die bis heute in manchen Gebieten wirksam bleibt. Wir haben heute nicht mehr so viele Tötungsdelikte, aber wir haben sehr viel einzelne Gewalt. Wir haben nach wie vor Angriffe auf Menschen, die sich mit Flüchtlingen solidarisieren, wir haben Angriffe auf Flüchtlinge, auf Migranten, auf Einrichtungen engagierter Bürger. Das heißt, an der Strategie hat sich nicht viel geändert, sie ist nur nicht mehr so tödlich."

Anetta Kahane (dpa/picture-alliance/ Arno Burgi)Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung bei einer Pressekonferenz in Berlin (dpa/picture-alliance/ Arno Burgi)

Mehr rassistische Gewalttaten im Osten

Nach wie vor gebe es einen sehr viel höheren Anteil rassistischer Gewalttaten im Osten als im Westen, so Kahane. Das bedeute, dass die Wahrscheinlichkeit, Opfer rassistischer Gewalt zu werden, im Osten vielfach höher sei: "Das hat sich seit 2015 noch einmal verschärft, als die Flüchtlinge nach Ostdeutschland kamen, weil sie alle potentielle Opfer sind."

Im Osten sei so eine Stimmung entstanden, die Menschen aus den anderen Teilen der Bundesrepublik klargemacht hätte: "In den Osten möchte man nicht unbedingt so gerne, wenn es nicht unbedingt sein muss".

Flüchtlinge hätten aber keine andere Chance, so Kahane: "Die werden dahin vermittelt und die sind jetzt da, das heißt, die trifft die Gewalt besonders stark. Und auch in höherem Prozentsatz."

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