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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 23.02.2011

Rechnen in der Wolke

Wie Cloud Computing den globalen Warenverkehr beflügelt

Von Dirk Asendorpf

Daten in den Wolken: ein gigantischer Wachstumsmarkt (Angelico Brugnoli/unimi.it)
Daten in den Wolken: ein gigantischer Wachstumsmarkt (Angelico Brugnoli/unimi.it)

Cloud Computing ist das zentrale Thema der Computermesse Cebit. Doch deutsche Unternehmen tun sich noch schwer damit, die Kontrolle über ihre Daten aus der Hand zu geben. In den USA ist die Einstellung eine völlig andere.

Ein deutsches Schweineleben endet im Schlachthof. Schinken, Filet, Kotelett und Speck lassen sich hierzulande gut verkaufen, der Rest landet in Wurst oder Hundefutter. Dabei sind Schweinepfötchen, Schnauzen oder Ohren anderswo auf der Welt eine teure Delikatesse. Zum Beispiel in China.

"Der Bauer hat aber kaum die Chance, Schweineohren gesetzeskonform nach Peking zu kriegen, da gibt es viele Bestimmungen veterinärtechnischer Natur, aber auch zollabwicklungstechnisch, kühltechnisch. Er braucht also jemand, der ihm sagt, wie es geht."

Ulrich Springer und seine Kollegen vom Dortmunder Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik haben ein Online-Portal entwickelt, auf dem der Bauer alle Leistungen rund um den Schweinsohrexport per Mausklick ordern kann, genannt Logistics Mall. Neben der Beratung sind das auch Lagerkapazitäten, Kühlcontainer und Transportmöglichkeiten auf LKW, Schiff oder Flugzeug.

"Beides kommt in der Logistics Mall zusammen, nämlich zum einen jemand, der sagt wie's geht, und zum anderen der sagt: 'Ich hab die Lösung für den einzelnen Prozessschritt für dich.' Und das gebündelt gibt eben einen ausführbaren technischen Prozess, den der Bauer jetzt in der Logistics Mall buchen kann – und eben auch ausführen lassen kann. So kriegt er seine Schweineohren zu einem topgünstigen Preis ohne eigene IT von Dortmund nach Peking."

Die gesamte Datenverarbeitung und Speicherung findet in Großrechenzentren statt. Der Bauer muss sich nicht darum kümmern. Ein Laptop mit Internetzugang und Drucker ist vollkommen ausreichend. Lieferscheine, Zollerklärungen, Rechnungen und was sonst noch an Papierkrieg anfällt, werden im Hintergrund ausgefüllt und unterschriftsreif zugestellt, Finanztransaktionen direkt an ein Buchführungsprogramm weitergeleitet, das ebenfalls im Rechenzentrum läuft.

Die Dortmunder Logistics Mall ist das größte deutsche Forschungs- und Entwicklungsprojekt für sogenanntes Cloud Computing. Im Privatbereich haben wir uns längst daran gewöhnt, dass unsere E-Mail, unsere Urlaubsfotos und unser Facebook-Profil nicht mehr auf dem eigenen PC bearbeitet und gespeichert werden. Jetzt verschwinden auch Geschäftsvorgänge in der Rechnerwolke.

Cloud Computing ist das zentrale Thema der diesjährigen Computermesse Cebit. Der Branchenverband Bitkom erwartet, dass sich der Umsatz von derzeit 1,9 Milliarden Euro im Jahr bis 2015 mehr als vervierfachen wird. Denn mit Cloud Computing lassen sich Personal und Kosten sparen. Dirk Meyer ist Geschäftsführer der Logata, die die Rechnerwolke der Dortmunder Logistics Mall betreibt.

"Ein Beispielunternehmen, das komplett seine Logistik über die Mall abbildet, wird ungefähr so bei 5000 Euro im Monat liegen inclusive Hardware-Infrastruktur. Vorher, haben wir durchgerechnet, lag er bei 13.500 Euro inklusive Mitarbeiterkosten, und ich würde sagen: Da ist mehr als die Hälfte an Ersparnis da."

Mit ähnlichen Zahlen werben auch die großen amerikanischen Cloud-Computing Anbieter-um Kundschaft, allen voran Amazon, Google und Microsoft. Sie verfügen über riesige Rechenzentren auf allen Kontinenten und würden sie gerne besser auslasten. Doch deutsche Firmen zögern bisher. Über die Hälfte der von der Unternehmensberatung Deloitte befragten großen deutschen Unternehmen lehnen Cloud Computing noch prinzipiell ab. Hauptgrund ist die Angst, die Kontrolle über die eigenen Daten zu verlieren, wenn sie nicht mehr auf firmeneigenen Computern, sondern irgendwo in der Welt verarbeitet werden.

Paul Driscoll ist da ganz anderer Meinung. Als IT-Chef des britischen Abbruchunternehmens Erith musste er zusehen, wie sein eigenes Rechenzentrum einem Großfeuer zum Opfer fiel. Zum Glück hatte er einen Großteil der Daten gerade für Tests an einen Cloud-Computing-Anbieter überspielt.

"Das ist natürlich der schlimmste Albtraum. Aber alle, die an dem Cloud-Computing-Test beteiligt waren, konnten am nächsten Morgen einfach ihren Laptop aufklappen und bei McDonalds, bei Starbucks, überall, wo es ein WLAN gab, einfach weiterarbeiten, E-Mails checken, Dateien abrufen. Dieser 24-Stunden-Zugriff an 365 Tagen im Jahr ist fantastisch für uns. Ich muss mir keine Sorgen mehr über Rechnerausfälle machen. Ich glaube, in den letzten zwei Jahren war die Cloud eine einzige Stunde gestört."

Ein deutscher Bauer, der überzählige Schweinsohren nach China verkauft, ist nach hiesigem Recht allerdings dazu verpflichtet, alle personenbezogenen Daten ausschließlich innerhalb der EU zu verarbeiten. Ulrich Springer vom Fraunhofer Institut hält das auch bei allen anderen Geschäftsunterlagen für die bessere Lösung. Rechnerwolken seien zwar für die komplexen Aufgaben der Logistik wie geschaffen, trotzdem sollte man niemals den Überblick darüber verlieren, wo sich die eigenen Daten befinden.

"Ich glaube, im internationalen Vergleich sind wir Deutschen auch prädestiniert, so etwas zu tun. Wir haben immer noch so ein bisschen preußische Gene im Blut, die besonders gut mit Formularen und Verwaltungswesen umgehen können. Und das deutsche Datenschutzgesetz ist besonders sensibel und besonders anwenderfreundlich. Da ist man in anderen Staaten deutlich legerer. Vielleicht können wir deshalb Geschäftsprozesse etwas besser als unsere Kollegen drüben in Amerika."

Dort ist das Cloud Computing wegen des großen Angebots zwar etwas billiger als in Deutschland, dafür ist Datenschutz in den USA bis heute ein Fremdwort.

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