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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.11.2011

Rebellionskino

Filmfestival in Berlin nimmt die Spuren des arabischen Frühlings auf

Von Wolfgang Martin Hamdorf

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Realität überholt Kino: Wenn bei aktuellen arabischen Filmen die Klappe fällt. geht die Handlung weiter. (Stock.XCHNG - Mathias Mazzetti)
Realität überholt Kino: Wenn bei aktuellen arabischen Filmen die Klappe fällt. geht die Handlung weiter. (Stock.XCHNG - Mathias Mazzetti)

Weg von den Stereotypen: Beim 3. Festival des arabischen Films in Berlin soll nicht der "cholerische, gewalttätige Araber" gezeigt werden, der nach Meinung der Filmemacher die TV-Kanäle dominiert. Im Vordergrund stehen der arabische Frühling und arabischer Humor.

Aufstand im Zentrum Kairos. Demonstranten werden von der Polizei verfolgt, Unbeteiligte werden zu engagierten Regimegegnern, Kritiker der Regierung werden gefoltert, ein alter Mann und sein Enkel finden nicht mehr nach Hause: Der Eröffnungsfilm des Festivals "18 Days" erzählt in zehn Kurzspielfilmen Episoden der Revolte. Der ägyptische Regisseur Sherif el Bendary stellte das Projekt in Berlin vor. Die Arbeit sei aus einer unmittelbaren Betroffenheit entstanden:

"Es nicht einfach, einen Film über ein so großes Ereignis wie unsere Revolution zu machen, wenn die Ereignisse eigentlich noch nicht abgeschlossen sind. Du hast keinen Überblick, du weißt nichts und du verstehst nichts, du musst dich auf deine eigenen spontanen Gefühle verlassen, und nur das kannst du im Film vermitteln. Du kannst kein abschließendes Urteil über die Revolution fällen, du kannst nur deine spontanen Emotionen in den Film einbringen."

18 Spiel- und Dokumentarfilme laufen im Hauptprogramm. Manche vor dem "Arabischen Frühling" entstandenen Spielfilme wirken heute fast wie eine Ankündigung kommender Veränderungen, andere sind Metaphern staatlicher Repression und gesellschaftlicher Stagnation. Daneben steht die direkte Auseinandersetzung mit den Umbrüchen und Revolten im Dokumentarfilm: So zeigt "No more fear" ("Keine Angst mehr") in Form von Interviews das neue Gefühl der Freiheit in Tunesien, und der ägyptische Dokumentarfilm "Forbidden" setzt sich sarkastisch mit den Verboten und Einschränkungen im alltäglichen Leben Kairos auseinander. Bei der Auswahl der Filme war die politische Situation immer präsent, sagt Programmgestalterin Claudia Romdhane:

"Da ist einfach unheimlich viel Bewegung im Moment in der arabischen Welt, und das greifen wir auf, und das möchten wir auch gerne hierher bringen und hier zeigen, weil es auch noch mal einen Unterschied gibt zwischen den Nachrichten, die man im Fernsehen verfolgen kann, und den Filmen, in denen diese Themen verarbeitet werden."

Zwei Frauen sitzen in der Sinai-Wüste: Eine Beduinenfrau, die ihren Weg zwischen Tradition und Moderne sucht und die Filmemacherin Iman Kamel, die ursprünglich aus Kairo kommt, aber in Berlin lebt. In "Nomads Home" erzählt sie von ihrer Annäherung an die Kultur der Beduinen, der Beduinenfrauen. Sehr poetisch vermittelt sie dabei auch viel über die Rolle der Frau im modernen Ägypten. Im Moment bereitet Iman Kamel einen neuen Film über die Demonstrationen und den politischen Umbruch in Kairo vor. Dafür will sie sich allerdings die nötige Zeit nehmen:

"Weil, was das passiert ist, ist ja wirklich sehr gewaltig und ich empfinde, dass man da wirklich auch mit sehr viel mehr Respekt daran gehen muss und auch viel mehr und viel intensiver daran arbeiten muss, dass in einer filmischen, kinematografischen Form einzufangen."

Kontrapunkt und Ergänzung zum "Arabischen Frühling" ist ein Programmschwerpunkt zum arabischen Humor. In den 19 Filmen wird deutlich, wie stark Humor in der arabischen Kultur verankert ist - was sich, so die ägyptisch-deutsche Filmwissenschaftlerin und Filmemacherin Viola Shafik, auch etwa bei den Demonstrationen und Protestveranstaltungen gegen das Mubarak Regime gezeigt hat, aber von den westlichen Medien nicht wahrgenommen worden sei:

""Und so muss man eigentlich sagen, dass aber im Westen, das Bild des Arabers, also das des gewalttätigen, des cholerischen Arabers, des Terroristen, sich aufgrund der politischen Zusammenhänge, also sprich eigentlich auch das Bild der arabischen Diktatoren und Diktaturen ist. Und dieses Bild wurde einfach auf den Araber projiziert, während man die Völker dahinter vergessen hat."

Auch in ihrem eigenen Dokumentarfilm, der auf dem Festival seine Uraufführung erlebte, geht es Viola Shafik um die Dekonstruktion alt vertrauter Stereotypen: In "My name is not all" erzählt sie vom Leben und Sterben des Marokkaners El Hedi Ben Salem, der als Protagonist des Fassbinder-Films "Angst essen Seele auf" aus dem Jahre 1973 gemeinsam mit der deutschen Schauspielerin Brigitte Mira Filmgeschichte schrieb. Viola Shafik konstruiert aus Archivbildern und Interviews ein faszinierendes Porträt einer Reise zwischen den Kulturen, erzählt vom Unverständnis, von Unkenntnis, aber auch von Vorurteilen und latentem Rassismus hinter vermeintlicher Fürsorglichkeit.

Das "Festival des Arabischen Films" konfrontiert den Zuschauer mit einer facettenreichen Realität ganz unterschiedlicher Gesellschaften - und ist eine notwendige Ergänzung zu einer oft allzu vereinfachenden Fernsehberichterstattung über die arabische Welt.

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Arabisches Filmfestival in Berlin

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