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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.07.2019

Rebecca Solnit: "Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens"Vom Rhythmus des Gehens und Denkens

Von Susanne Billig

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Cover von Rebecca Solnits Buch Wanderlust – Eine Geschichte des Gehens". (Deutschlandradio / Matthes & Seitz )
Dieses Buch wird zu einer vielschichtigen und klugen Reise, führt durch Wüsten und in funkelnde Städte, auf beschwerliche Pilgerwege und in die Frühzeit der menschlichen Evolution. (Deutschlandradio / Matthes & Seitz )

Thomas Hobbes besaß einen Wanderstock mit Tintenfass und Ludwig Wittgenstein wanderte beim Philosophieren in seiner Wohnung umher. Rebecca Solnit erzählt auf grandiose Art von der faszinierenden Verbindung zwischen Gehen und Denken.

Schlendern, schleichen, pilgern, schweifen, flanieren, promenieren, den aufrechten Gang demonstrieren: Wie das Wandern selbst legt die bekannte amerikanische Essayistin Rebecca Solnit ihr neues Buch "Wanderlust" an, erkundet die Natur- und Kulturgeschichte des menschlichen Gehens in großen Bögen und assoziativen Schleifen, wagt sich auf Umwege und schmale Grate, bis sie mit sicherem Tritt eingangs aufgeworfene Fragen wieder aufspürt und aufgreift.

Wandernde Sophisten

In 17 Kapitel ist das Buch gegliedert und schon die geheimnisvollen Überschriften zeigen, dass man es hier mit einer Lektüre zu tun hat, auf die man sich selbst einlassen muss wie auf einen Weg. "Der Verstand bei fünf Kilometern die Stunde" heißt es da zum Beispiel, "Die Beine William Wordsworths", "Mt. Finsternis und Mt. Ankunft" oder auch "Aerobic-Sisyphos und die Vorstadtpsyche".

Ausgangspunkt des Buches bildet eine Reflexion über die Wechselwirkungen zwischen der Fortbewegung auf zwei Beinen und dem Philosophieren. Rebecca Solnit, die selbst gern unterwegs ist und darüber viel zu erzählen hat, wird fündig bei wandernden antiken Sophisten, aber auch bei John Stuart Mill oder Thomas Hobbes. Letzterer besaß sogar einen Wanderstock mit eingebautem Tintenfass, um auf Wandertouren seine Ideen zu notieren. Immanuel Kant spazierte allabendlich durch Königsberg, Friedrich Nietzsche floh auf einsame Spaziergänge und Ludwig Wittgenstein tigerte verzweifelt in Wohnräumen hin und her.

"Übereinstimmung zwischen innerer und äußerer Bewegung"

Obwohl sie das Buch mit Lebensgeschichten randvoll packt, bleibt Rebecca Solnit doch nie beim Anekdotischen stehen, sondern spürt unterirdische Verbindungen und Netzwerke auf, etwa zum Konnex zwischen Gehen und Denken.

In ihrer exquisiten – und wunderbar ins Deutsche übertragenen – Sprache beschreibt sie, wie der Rhythmus des Gehens spezielle Denkrhythmen hervorbringt. Wer sich durch eine Landschaft bewegt, kann erfahren, wie sich das Erlebnis des Gehens im eigenen Denken spiegelt. "Es entsteht", so beobachtet die Autorin, "eine sonderbare Übereinstimmung zwischen innerer und äußerer Bewegung. Ein neuer Gedanke scheint oft wie ein Merkmal der Landschaft, das sich dort immer schon befunden hat, als ob Denken eher Reisen als Erschaffen wäre."

Wüsten und in funkelnde Städte

So wird auch dieses Buch zu einer vielschichtigen und klugen Reise, führt durch Wüsten und in funkelnde Städte, auf beschwerliche Pilgerwege und in die Frühzeit der menschlichen Evolution, folgt den Spuren reicher britischer Damen, die sich in hübschen Gärten verlustierten, und fragt, was sich da ereignet hat an kulturellen Verschiebungen bis zu dem gehetzten High-Tech-Trekkingboom heutiger Tage.

Nicht zuletzt findet Rebecca Solnit, die sich auch als politische und soziale Aktivistin versteht, immer wieder auch Bezüge zu politischen Themen und taucht, wenn sie über revolutionäre Wandervereine, Friedensmärsche und berühmte Massendemonstrationen schreibt, tief in die Feinheiten von Militarismus-, Feminismus- oder Rassismusdebatten ein. Dann meint man manchmal, sie tauchte nie mehr wieder auf. Tut sie aber – grandios.

Rebecca Solnit: "Wanderlust – Eine Geschichte des Gehens"
Aus dem Englischen von Daniel Fastner
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2019
384 Seiten, 30 Euro 

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