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Interview | Beitrag vom 17.03.2018

Reaktion auf Seehofer-Äußerungen zum Islam "Bin ich nicht Teil Deutschlands?"

Ali Baş im Gespräch mit Katrin Heise

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Das Bild zeigt eine Frau mit Kopftuch, die zwischen anderen Menschen im Publikum einer Veranstaltung sitzt. (picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
Unter Muslimen verstärken die umstrittenen Seehofer-Äußerungen das Gefühl der Ausgrenzung (picture-alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Bundesinnenminister Horst Seehofer hätte zunächst einmal über Heimat diskutieren sollen, statt die Gesellschaft zu spalten, sagt Ali Baş, der Vorsitzende der Alhambra Gesellschaft. Dem CSU-Politiker wirft er vor, auf Kosten muslimischer Bürger in Bayern Wahlkampf zu betreiben.

"Oh, nein nicht schon wieder", war Ali Başs erste Reaktion , als er von Seehofers jüngsten Äußerungen zum Thema "Islam in Deutschland" hörte. Der Grünen-Politiker Baş stammt selbst aus einer deutsch-türkischen Familie und ist Vorsitzender der Alhambra Gesellschaft, die sich als Debattenplattform für aufgeklärte Muslime versteht.

Mit seinem Satz, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, hatte der neue Bundesinnenminister Horst Seehofer eine alte Debatte neu entfacht. "Herr Seehofers Partei hat ja einen Wahlkampf zu bestreiten, aber aus muslimischer Perspektive kann ich nur sagen, bitte nicht auf unserem Rücken", sagte Baş im Deutschlandfunk Kultur.

Fragen in der Berufsschule

Der bayerische CSU-Politiker sei jetzt Bundesminister und müsste deshalb jetzt eher zusammenführen, statt zu trennen, forderte Ali Baş, der als Berufschullehrer Gesellschaftslehre unterrichtet. In diesem Zusammenhang erzählte er von Diskussionen mit seinen Schülern. Sie hätten wissen wollen, wie Seehofer seine Äußerungen gemeint habe. "Bin ich nicht Teil Deutschlands?", sei eine der Fragen gewesen.

Seehofer präsentiere das Bild einer "Zwei-Klassen-Gesellschaft" statt einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft, in der Menschen mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Glaubensvorstellungen dazu gehörten.

Sorge um die Integration

Baş sieht mit Sorge, dass sich beispielsweise türkischstämmige Muslime in Deutschland immer weniger akzeptiert sähen. In seinem Verein "Alhambra" versuche man den Heimatbegriff nicht einer politischen Richtung zu überlassen, sondern ihn offen zu diskutieren und zu prägen: "Das ist im Moment so ein bisschen auf der Kippe, weil wir eine sehr aufgeheizte politische gesellschaftliche Stimmung haben."

Deshalb habe er Seehofer auch geraten, zum Beginn seiner Amtszeit als Heimatminister zunächst einmal mit vielen gesellschaftlichen Gruppen über den Begriff Heimat zu diskutieren.


Das Interview im Wortlaut:

Katrin Heise: Also: Der neue Bundesinnen- und Heimatminister Horst Seehofer sagt zur "Bild"-Zeitung, der Islam gehört nicht zu Deutschland. Ganz sicher hat Seehofer gewusst und gewollt, dass er damit eine Diskussion heraufbeschwört. Selbst die Bundeskanzlerin hat sich ja inzwischen genötigt gesehen, zu widersprechen, und diese Muslime gehören auch zu Deutschland, und genauso gehört ihre Religion damit zu Deutschland, also auch der Islam. So. Das sagte die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin.

Die Frage, die bleibt, ist: Was wollte Horst Seehofer mit dem Satz kommunizieren, und was kommt davon bei wem an, zum Beispiel bei den Muslimen in Deutschland? Am Telefon ist Ali Baş, Berufsschullehrer, früher Abgeordneter der Grünen in Nordrhein-Westfalen und seit einem Jahr Vorsitzender der Alhambra-Gesellschaft, die hat er nämlich mitbegründet. Schönen guten Morgen, Herr Baş!

Ali Baş: Guten Morgen, Frau Heise!

Heise: Die Alhambra-Gesellschaft beschreibt sich so: Ein Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die sich als originärer Teil der europäischen Geschichte und ihrer jeweiligen europäischen Heimatgesellschaft verstehen. Wie war eigentlich Ihre erste Reaktion, als Sie Horst Seehofers Aussage gehört haben?

Baş: Meine erste Reaktion war "Oh nein, nicht schon wieder". Das war meine Reaktion in dem Moment.

München: Horst Seehofer (CSU), bayerischer Ministerpräsident, spricht nach seiner letzten Sitzung des bayerischen Ministerrats in einer Pressekonferenz in der Staatskanzlei am 13. März 2018  (Lino Mirgeler/dpa)Trotz seines Abschieds aus Bayern schielt CSU-Politiker Horst Seehofer auch von Berlin aus vor allem auf den beginnenden Landtagswahlkampf. (Lino Mirgeler/dpa)

Heise: Weil Sie wussten, dass Sie dann dauernd danach gefragt würden, was Sie denken?

Baş: Richtig, ja, und weil wir auch wissen, dass wir wieder in der Diskussion öffentlich wieder am Anfang stehen.

Heise: Das ist für Sie so, dass Sie das Gefühl haben, wir stehen immer wieder am Anfang? Weil vielleicht wollte er vor allem die Heimatgefühle seiner Wähler bedienen. Was hat er bei Ihnen ausgelöst?

Baş: Was hat das ausgelöst? Ich habe mir in dem Moment gedacht, ja gut, Herr Seehofers Partei hat ja einen Wahlkampf zu bestreiten, und so aus muslimischer Perspektive kann ich nur sagen, aber bitte nicht auf unserem Rücken. Also er ist da in einer anderen Rolle und Funktion. Er ist Bundesminister und müsste eigentlich eher zusammenführen als zu trennen in den ersten 24 Stunden seiner Amtszeit.

Heise: Also Sie haben es als was Trennendes empfunden. In Ihrem Umfeld beispielsweise, in der Berufsschule, unter den Schülern, gibt es eine Reaktion darauf? Haben Sie da was wahrgenommen?

Baş: Ja. Ich unterrichte ja das Fach Gesellschaftslehre, Politik, und die Schüler fragen natürlich, wie hat das der Politiker gemeint, und warum sagt er das? Bin ich nicht Teil Deutschlands? Und dann haben wir da auf jeden Fall ein Diskussionsthema in der Stunde.

Amputiertes Menschenbild

Heise: Weil Herr Seehofer hat ja eben auch gesagt, die in Deutschland lebenden Muslime, die gehören zu Deutschland. Das reicht aber nicht, um sich sicher zu fühlen?

Baş: Nein, das reicht nicht, weil ich sage es mal so: Muslime begreifen sich ja nicht nur als Menschen, die hier in Deutschland leben. Sie haben natürlich auch ihren Glauben, und der Glaube ist auch sichtbar und präsent. Wir haben Moscheen, wir haben verschiedenste Vereinigungen, inklusive unserer, die sich hier mit beteiligen. Und wir gehen ja auch nicht einfach wieder nach Hause irgendwo hin, sondern bleiben ja. Und der Gedanke, dass dann die Religion irgendwo außen vor bleibt und die Menschen hier sind, das finde ich doch ein wenig schräg. Und das hat auch ein wenig mit einem amputierten Menschenbild zu tun, was man da in dem Moment sieht.

Heise: Warum meinen Sie, dass da eine Trennung gesetzt wird, oder dass Sie eigentlich aufgefordert sind, Ihren Glauben vielleicht nicht öffentlich zu machen oder zu Hause zu lassen oder abzutrennen, wie Sie es gesagt haben? Denn es wird ja auch – Sie werden ja auch als Muslime akzeptiert. Es heißt bloß, der Islam gehört nicht zu Deutschland?

Baş: Das hat ein wenig damit zu tun, welches Gesellschaftsbild man hat und propagiert. Wenn man ein pluralistisches, liberales Gesellschaftsbild hat, ist klar, die Menschen mit ihren Kulturen, mit ihren Glaubensvorstellungen gehören gleichberechtigt dazu. Und wenn man halt eher so ein Bild hat und präsentiert, wie das Herr Seehofer tut, dann gibt es da eben eine Zweiklassengesellschaft, und das wollen wir eigentlich nicht haben.

Die Fassade der Koca-Sinan-Moschee in Berlin-Reinickendorf nach dem Brand. (dpa / Paul Zinken)Die Fassade der Koca-Sinan-Moschee in Berlin-Reinickendorf nach dem Brand vor wenigen Tagen. (dpa / Paul Zinken)

Der Aufschrei bleibt aus

Heise: Jetzt kommt diese Aussage ja auch zu einer Zeit, da es Anschläge auf Moscheen und Moscheevereine in den vergangenen Wochen gegeben hat. Ich will jetzt nicht auf die Täter hinaus. Wir reden über etwas anderes, nämlich über die Reaktion in Ihrer deutschen Heimat. Wie haben Sie die denn eigentlich empfunden?

Baş: Die Reaktion auf die Moscheeanschläge selbst – wir hatten den Eindruck, dass das ein wenig untergeht in der Öffentlichkeit. Es taucht in den Medien hier und da als Schlagzeile auf, aber der Eindruck in der Community ist eben, dass der Aufschrei ausbleibt, dass eben Übergriffe auf Gotteshäuser stattfinden. Und das haben wir ja nicht nur jetzt vor dem Hintergrund von Übergriffen auf Moscheen.

Das haben wir ja schon seit einigen Jahren, dass Übergriffe auf muslimische Einrichtungen und Menschen stattfinden, und wir hatten in den letzten Tagen ja auch eine Untersuchung, die als Anfrage an die Bundesregierung noch mal gestellt wurde, wo herauskam, dass wir Hunderte solcher Übergriffe in einem Jahr haben, wo aber relativ wenig in der Öffentlichkeit auftaucht. Und das verfängt in der muslimischen Community, weil so der Eindruck entsteht, man nimmt uns irgendwie nicht wahr oder man nimmt uns nicht ernst mit unseren Problemen.

(imago stock&people / Emmanuele Continix)Drei muslimische Frauen während des Dhuhr-Gebets in der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln . (imago stock&people / Emmanuele Continix)

Identifikation mit der Heimat

Heise: Und ich habe eben nach den Reaktionen in Ihrer deutschen Heimat gefragt, also ich habe bewusst das Wort "deutsche Heimat" benutzt, weil Sie in Ihrem Verein ja auch davon sprechen. Und wenn ich jetzt noch mal auch auf Ihre Schüler in der Schule zum Beispiel denke – fällt es Muslimen, deren Eltern oder Großeltern nach Deutschland eingewandert sind, eigentlich schwer zu sagen, ich bin Deutscher?

Baş: Ja, ich würde sagen, bei einem nicht unerheblichen Teil trifft das zu, vor allen Dingen auch, weil in den Herkunftsländern vieler Musliminnen und Muslime ja auch politische Umwälzungen stattfinden oder auch religiöse Diskussionen stattfinden. Und wenn ich mir, jetzt zum Beispiel mal den Fokus auf türkischstämmige Muslime angucke, merke ich halt eben, dass so dieser Rückzug in die alte Heimat in Anführungsstrichen stärker geworden ist, auch durch die politische Situation vor Ort, und dass halt immer weniger die Bereitschaft da ist, zu sagen, ich fühle mich hier akzeptiert in Deutschland, aber ich bin auch ein deutscher Muslim oder eine deutsche Muslima. Und das ist eine, finde ich, besorgniserregende Entwicklung.

Heise: Sie versuchen da durchaus was entgegenzusetzen in Ihrem Verein, sie diskutieren darüber, zum Beispiel kürzlich mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu über Heimat. Wie groß ist denn bei Ihnen die Hoffnung, dass der Begriff eigentlich auch mal eine weltoffenere Deutung bekommt?

Baş: Wie groß ist die Hoffnung – das hängt so ein bisschen davon ab, wie die Zivilgesellschaft – und wir als Alhambra-Gesellschaft, als Verein sehen uns ja als einen Teil dieser Zivilgesellschaft –, dass wir mit Bündnispartnern diesen Heimatbegriff halt nicht einer bestimmten politischen Richtung überlassen, sondern das offen zur Diskussion stellen und auch mit prägen wollen.

Und das ist im Moment, finde ich, so ein bisschen auf der Kippe, weil wir eine sehr aufgeheizte politisch-gesellschaftliche Stimmung haben, im Bundestag, aber auch in den Medien zum Beispiel. Und da versuchen wir durchzudringen und zu sagen, okay, dieses Land gehört uns genauso, und wir wollen hier auch mitbestimmen und mitwirken, und wir reden jetzt auch mal über den Heimatbegriff. Das hätte ich übrigens auch Herrn Seehofer angeraten, zu Beginn seiner Amtszeit mal mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen über den Heimatbegriff mal zu diskutieren.

Heise: Und dann aber auch zuzuhören, was andere unter Heimat verstehen. Das gilt natürlich für Sie oder für den Heimatbegriff eines CSUlers dann genauso. Den muss man sich auch anhören.

Baş: Absolut, ja.

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Kaum Zuwanderer in der Regierung

Heise: Noch ganz kurz am Schluss: In der neuen Regierung ist Katarina Barley die einzige, deren Eltern oder Großeltern eben nicht aus Deutschland kommen. Ist das auch eine Enttäuschung für Sie?

Baş: Auf jeden Fall ist das eine Enttäuschung. Wenn ich mir zum Beispiel die Reaktion der türkischen Gemeinde Deutschlands angucke oder auch anderer Migrantenselbstorganisationen, da ist auf jeden Fall Enttäuschung da, dass man halt eben im Kabinett, und sei es auch in der zweiten und dritten Reihe, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte so gut wie gar nicht berücksichtigt hat. Das ist leider auch ein fatales Signal an Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die ja immerhin über 20 Prozent ausmachen bei uns im Land.

Heise: Heimat Deutschland, Islam in Deutschland. Eine Reaktion war von Ali Baş war das, Vorsitzender der Alhambra-Gesellschaft. Danke schön, Herr Baş!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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