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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.10.2011

Rausch aus Ornamenten und Mustern

Craig Thompson: "Habibi", Reprodukt Verlag, Berlin 2011, 672 Seiten

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Zeichnung aus dem Comic "Habibi" von Craig Thompson (Reprodukt Verlag)
Zeichnung aus dem Comic "Habibi" von Craig Thompson (Reprodukt Verlag)

Craig Thompson gehört zu den renommiertesten Comic-Autoren weltweit. Den Durchbruch hat der US-Zeichner 2003 mit "Blankets" geschafft, das in der US-Provinz spielte. Acht Jahre später legt er ein Werk vor, das den Leser auf seinen 700 Seiten in ein fiktives arabisches Land entführt.

Craig Thompson ist mit einem Donnerschlag auf die Bühne getreten. Schon sein zweites Buch, "Blankets", hat ihn 2003 an die Spitze der internationalen Comicautoren gesetzt. Für dieses expressive und zutiefst berührende Epos vom Aufwachsen in der amerikanischen Provinz hat Thompson mit 28 Jahren den Eisner-Award für das "beste Album" und als "bester Künstler" bekommen, das ist der definitive Ritterschlag in der Comicszene. Acht Jahre später legt Craig Thompson nun sein nächstes großes Buch vor: "Habibi".

Von außen wirkt dieses massive, fast 700 Seiten starke Buch wie eine Koran-Ausgabe. Schon auf den ersten Seiten taucht man ein in einen Rausch aus Ornamenten und Mustern, Schriftzeichen und Buchstabenspielen. Landschaften aus Zeichen gehen über in gezeichnete Landschaften, so wie Erzählung und Wirklichkeit ineinander übergehen, das ist ein zentrales Motiv dieses Buches, das auch von der Kraft der Geschichten handelt.

Dodola und Zam sind die beiden Hauptfiguren in "Habibi", zwei Kinder in einem fiktiven arabischen Land. Sie leben lange Zeit allein auf einem in der Wüste gestrandeten Schiff, die ältere Dodola prostituiert sich bei vorbeiziehenden Karawanen und ernährt so die beiden. Ihr jüngerer Gefährte Zam ist ein Waisenkind, ihr geschwisterliches Verhältnis verwandelt sich mit den Jahren in ein latent erotisches. Bevor die beiden aber zum Paar werden, wird Dodola verschleppt, sie landet im Harem eines Sultans. Zam sucht verzweifelt nach Dodola, nach sechs Jahren findet er sie wieder, damit beginnen neue abenteuerliche Erfahrungen für die beiden. "Habibi" erzählt zuallererst eine Liebesgeschichte, allerdings eine ganz ungewöhnliche. Dodola wird immer wieder missbraucht und zur Ware gemacht, die Gewalt zwischen Mann und Frau ist der stets präsente Hintergrund dieser Erzählung. Zam läßt sich in einem Anfall wütender Scham kastrieren, als Eunuch kann er nicht zum Liebhaber von Dodola werden, aber vielleicht dennoch ihr Gefährte bleiben?

Craig Thompson hat als Schauplatz für diese Graphic Novel ein gleichzeitig modernes und archaisches Land geschaffen, "Wanatolien" genannt. Dieses Reich mit gigantomanischen Städten und berstenden Müllbergen ist das satirische Zerrbild einer arabischen Despotie. Gleichzeitig feiert Thompson in diesem Buch aber die arabische Kultur und ihre Verbindungen mit dem christlichen und jüdischen Glauben.

Thompsons Zeichenstil ist von der arabischen Kalligraphie durchdrungen, er zitiert immer wieder biblische Geschichten in der Fassung des Koran, er parallelisiert Dodolas Weg mit dem Aufstieg eines Propheten durch die Sieben Himmel der islamischen Vorstellungswelt. Craig Thompson hat mit diesem Buch eine Synthese aus christlichen und islamischen Traditionen geschaffen, auch als Geste der Abbitte für die Islamophobie in den USA, so hat er es in Interviews begründet. Dass aus der guten Absicht kein schaler Versöhnungs-Thesenroman geworden ist, das ist in erster Linie Thompsons überwältigend erfindungsreichen, präzisen und hypnotischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen zu verdanken.

Besprochen von Frank Meyer

Craig Thompson: Habibi
Aus dem Englischen von Stefan Prehn
Reprodukt Verlag, Berlin 2011
672 Seiten, 39,00 Euro


Links auf dradio.de:

Corso vom 14.10.2011: "Potenzial des Comics ist noch nicht annähernd ausgeschöpft" - Autor und Comiczeichner Thompson über die graphic novel "Habibi"

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