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Religionen | Beitrag vom 09.08.2020

Raumfahrt als religiöse Erfahrung Abendmahl auf dem Mond

Von Klaus Deuse

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Ein religiöses Kreuz vor dem Nachhimmel, während einer totalen Mondfinsternis. Der rot erleuchtete Mond scheint das Kreuz zu berühren. (Getty Images / David McNew)
Ein Abendmahl auf dem Mond, das gab es längst. Aber die Raumfahrt stellt die Theologie auch vor neue Herausforderungen: Haben Aliens eine Seele? (Getty Images / David McNew)

Auch bei Weltraummissionen stellen sich theologische und ethische Fragen. Zum Beispiel, ob Gott auch außerirdisches Leben geschaffen hat und wie damit umzugehen wäre. Der evangelische Theologe Michael Waltemathe sucht Antworten.

Raumfahrt, sagt Michael Waltemathe, ist nicht nur Technik und Naturwissenschaft. Wenn Menschen ins All fliegen, dann komme auch Religion ins Spiel. Als Beispiel führt der evangelische Theologe von der Ruhr-Universität Bochum den Flug von "Apollo 8" am 24. Dezember 1968 um den Mond an: "Und das erste, was die drei Astronauten machen, Jim Lovell, Frank Borman und Bill Anders, ist – kommen aus dem Radioschatten raus und lesen aus der Bibel vor. Lesen die Schöpfungsgeschichte: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." 

Segnung aus dem All

Und dann segneten sie aus dem All auch noch die Bevölkerung der Erde, was allerdings die amerikanische Atheisten-Union auf die Palme brachte, die dann prompt die Raumfahrtbehörde NASA verklagte – wegen der Verschwendung von Steuergeldern für das Senden religiöser Botschaften. Als 1969 Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond landeten, bat Aldrin das Raumfahrtzentrum in Houston um eine kurze Auszeit, so Waltemathe: "Er möchte eine Zeit der Stille haben, um über die Ereignisse des Tages reflektieren zu können. Und dann packt er einen mitgebrachten Kelch aus. Und Wein. Und dann feiern die beiden Abendmahl auf dem Mond."

Blick auf die Erde inspiriert Spiritualität

Aus guten Gründen wurde diese religiöse Zeremonie im All nicht über die Funkverbindung kommuniziert. Thomas Weber, der einen der Vorträge von  Walthemathe besucht hat, beschreibt sich selbst als nüchternen Menschen, der die Mondlandung vor allem als technische Glanzleistung betrachtet. Gleichwohl räumt er ein: "Die Betrachtungsweise, in der Mondumlaufbahn auf die Erde zu schauen, muss gewaltig und überwiegend emotional sein. Und religiöse Gedanken, kann ich mir vorstellen, könnten kommen."

Zur Ergänzung: Dass der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin dem damaligen Kremlchef Nikita Chruschtschow auf Nachfrage bestätigt haben soll, er habe Gott im All nicht entdecken können, ist übrigens nur eine aus systempolitischer Abgrenzung resultierende Anekdote. Diese Konversation hat es nie gegeben.

Frage nach dem Sonderstatus des Menschen

Waltemathe hat im Rahmen seiner Arbeit viele Kontakte geknüpft. Zu Mitarbeitern der NASA, der European Space Agency (ESA) und zu Theologen verschiedener Religionen, um sich mit ihnen über Fragen auseinanderzusetzen, die sich aus dem Vordringen der Menschen ins Weltall ergeben. Unter technischen und naturwissenschaftlichen Aspekten.

Zum Beispiel ob sich unter Umweltgesichtspunkten nicht schon jetzt zu viel Weltraumschrott im Orbit befindet. Und was Waltemathe besonders interessiert: über den Schutz anderer Planeten vor den Menschen. "Wie doll muss ich so ein Raumfahrzeug sterilisieren, bevor ich irgendwo anders lande? Sage ich, das ist ein absoluter Wert, kein irdisches Leben darf ich auf andere Planeten bringen? Weil ich etwa wissenschaftliche Forschung schützen möchte, weil ich potenzielles außerirdisches Leben schützen möchte? Oder vielleicht weil Gott sie geschaffen hat? Oder sage ich: Das geht vor, was Menschen wollen, weil Menschen einen Sonderstatus haben?"

Aliens von Gottes Gnaden?

Und auf welches Leben könnte man stoßen? Zu dieser Frage zitiert Waltemathe den ehemaligen Direktor des Observatoriums des Vatikans, Jose Funes, der dazu feststellte: "Wir als Menschen können keine Grenzen für Gottes schöpferische Freiheit setzen. Da würde ich sofort mitgehen. Jetzt kommt‘s: Wir müssten damit rechnen, dass Gott andere Kreaturen im Universum geschaffen hat. Auch das leuchtet sofort ein. Und dann geht er einen Schritt weiter und sagt: Was ist denn, wenn wir die Ausnahme sind? Wir sind die gefallenen Kreaturen und die anderen sind noch in Freundschaft mit dem Schöpfer."

Tentakel egal, Hauptsache Seele

Funes' Nachfolger im Observatorium des Vatikans ist Guy Consolmagno. Von ihm weiß der Bochumer Theologe, dass der jedes Alien in seiner Kirche willkommen heißen würde: "Egal, wie viele Tentakel es hat. Aber es muss eine Seele haben. Und dann elaboriert er, was seiner Ansicht nach Seele ist. Nämlich es muss sich seiner selbst bewusst sein."

Eine Frage, die für Waltemathe theologisch letztlich aus dem All wieder zurück auf die Erde führt: "Ihr Kind fragt: Ist mein Meerschweinchen jetzt im Himmel?  Und dann haben Sie genau diese konkrete Frage: Wo hört die Geschöpflichkeit auf, wo fängt wie Geschöpflichkeit an? Wann gilt das Heilsversprechen für welches Geschöpf?"

Wann endet der Sabbat im Weltraum?

Also könne man diese Frage potenziell auch für außerirdisches Leben stellen. Auch in anderen Weltreligionen stellen sich Fragen zu dem Themenkomplex Religion und Raumfahrt. Und die sind manchmal sehr konkret. "Es gibt auch im Judentum die Überlegung, wie man den Sabbat hält im Erdorbit", erzählt Waltemathe. "Das Problem dabei ist, dass der Sabbat am Freitagabend mit dem Sonnenuntergang beginnt und endet mit dem Erscheinen der ersten Sterne am Samstagabend. Sterne sind in der Erdumlaufbahn immer zu sehen." Anlass dieser Frage war der Aufenthalt des ersten israelischen Raumfahrers Ilan Ramon auf der Internationalen Raumstation ISS, der dann bei der Explosion der Columbia zu Tode kam.

Bodenständige Lösungen für außerirdische Probleme

"Bevor er flog, hat er darum gebeten, dass man das religiös für ihn klärt. Es gibt tatsächlich ein Institut für Weltraum-Halacha, also für Weltraum-Jüdisches-Recht, wie man mit dem Sabbat da umgeht. Und die Lösung ist relativ einfach. Also, Problem ist: 24 Stunden auf der Erde, Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, das sind in der Umlaufbahn 90 Minuten. Machen sie jetzt sechsmal 90 Minuten Arbeit und dann 90 Minuten Pause? Nein, die religiöse Lösung ist im Prinzip: Gott hat die Erde mit 24 Stunden-Rotation geschaffen und warum soll das an der Stelle die Regeln ändern? Also hält man sich an die Zeit des Startortes und feiert wie vorher."

Für viele geradezu außerirdisch erscheinende Problem gibt es oft ganz bodenständige Lösungen. Das gilt auch für so im Wortsinne "abgehobene" Bereich wie die Astro-Theologie.

In unserem Hörfunkbeitrag wird der erste israelische Raumfahrer Ilan Ramon versehentlich Simon Ramons genannt. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.  

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