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Zeitfragen | Beitrag vom 08.10.2020

RatgeberliteraturWie gut ist Selbsthilfe bei Nackenschmerzen?

Von Lydia Heller

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Mann hält sich den Rücken an einer Leiter (Illustration) (imago images / Ikon Images / Ilana Kohn)
So verbreitet Rücken- und Nackenschmerzen sind, so verbreitet ist auch Ratgeberliteratur zu dem Thema. (imago images / Ikon Images / Ilana Kohn)

Nacken und Schulterschmerzen hat fast jeder irgendwann mal. Jede Menge Ratgeber versprechen, dass der Geplagte sein Leiden selbst kurieren kann. Helfen die physiotherapeutischen Heilbücher wirklich?

Sommer 2020: Ich sitze in der S-Bahn und lese Texte auf dem Handy. Dann will ich aufschauen und: Es knackt. Der Hals ist steif. Medizinern zufolge hat jeder zweite Erwachsene mindestens einmal im Leben Schmerzen in Nacken und Schultern, jeder dritte mindestens einmal im Jahr.

Doch was dagegen tun? Ich versuche es mit Selbsthilfe-Literatur. Zum Thema "Schulter und Nacken" stoße ich allein bei der Online-Suche auf mehr als 30 verschiedene Ratgeber-Bücher – zur Lockerung, zur Entspannung, gegen Schmerzen. Ich wähle: "Das Nacken- und Schulterheilbuch" von Inka Jochum mit Übungen, die auf Atemtherapie, Yoga und Qi Gong basieren und alltagstauglich sein sollen.

"Setzen Sie sich auf einen Hocker, Füße parallel, hüftbreit auseinander. Ihr Nacken ist lang, das Kinn leicht gesenkt", heißt es da – und weiter: "Sie erspüren über ihrem Scheitelpunkt das Lot = Energiekanal vom Scheitelpunkt zum Dammpunkt." Schon werde ich unsicher. Was bedeutet das? Und wenn ich das nicht weiß, mache ich die Übung dann falsch? Kann das schädlich sein?

Alles besser als keine Bewegung

Ich gehe mit dem Buch zu Silke Bannier. Seit fast 15 Jahren arbeitet sie als Physiotherapeutin. Zusammen gehen wir die Übung noch einmal durch:

"So der Nacken ist länger als der Hals. – Ja, das merke ich auch oft bei mir in der Praxis: Das ‚Nacken lang’ wird oft nicht verstanden. Da hilft meistens eher: Man soll sich vorstellen, einen Faden am Hinterkopf zu haben, der einen oben aufhängt. Da wird der Nacken eher lang. Zeig mal! Ja, ich glaube, das meint sie."

Ich habe offenbar erst einmal nichts falsch gemacht. Aber selbst wenn: Auch bei Nacken- und Schulterbeschwerden gilt, so höre ich: Bewegung ist besser als keine Bewegung, auch wenn sie nicht gleich ganz akkurat ausgeführt wird. So ein Ratgeber könne da schon Orientierung bieten.

Gute Ratgeber weisen auf Risiken hin

In der Praxis nimmt die Physiotherapeutin sich allerdings mindestens 15 Minuten Zeit für eine Anamnese, bevor sie sich für eine Behandlung entscheidet. Denn Ursachen für Nacken- und Schulterschmerzen gibt es verschiedene: "Es kann ein Bandscheibenvorfall sein oder ein eingeklemmter Nerv oder ein anderes entzündliches Geschehen, was vielleicht auch nicht gutartig ist."

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Wenn solche Ursachen ausgeschlossen werden können, sagt Silke Bannier, sind Übungen aus Selbsthilfe-Literatur zu empfehlen. Gute Ratgeber erkennt man daran, dass sie – ähnlich wie ein Medikamenten-Beipackzettel – Ausschlusskriterien für die Anwendung benennen und auf Risiken und Nebenwirkungen hinweisen.

Wissenschaftliche Grundlage von Ratgebern meist ungewiss

"Das Problem ist, dass bei diesen Ratgebern oft nicht ganz klar ist, auf welcher Grundlage sie entstanden sind", sagt Cordula Braun im Skype-Chat. Die Professorin für Physiotherapie sichtet und bewertet am Cochrane Institut in Freiburg die Studienlage zur Wirksamkeit physiotherapeutischer Behandlungsmethoden.

"Also inwieweit sie eine wissenschaftliche Grundlage haben oder – wie wir immer so schön sagen – "eminenzbasiert" sind. Das heißt, die Empfehlungen, die darin ausgesprochen werden, vielleicht ausschließlich auf den Erfahrungen oder auf dem Fachwissen der Person, die das geschrieben hat, basieren."

Wirksamkeitsstudien sind bei Physiotherapie schwierig

Allerdings: Einen sogenannten "Body of Evidence" für bestimmte Behandlungsmethoden zusammenzutragen – also: mehrere, große und überprüfbare Studien, die die Wirkung eines Ansatzes belegen – das ist in der Physiotherapie schwierig, sagt Cordula Braun. Zum einen, weil das Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten enorm breit ist und es schlicht nicht genug Forschung zu einzelnen Verfahren gibt. Zum anderen aber auch, weil der Behandlungserfolg in der Physiotherapie stark von der jeweiligen Zusammenarbeit von Therapeut und Patient abhängt. Klassische randomisierte Blindstudien, in denen weder Therapeut noch Auswerter wissen, welches Verfahren bei wem angewendet wurde, sind daher nur schwer durchzuführen.

"Und das kann aber bedeuten, dass so etwas wie eigene Vorstellungen, Erwartungshaltungen an ein Ergebnis und Präferenzen – welche Behandlungen finde ich am besten – in das Ergebnis reinspielen und damit das Ergebnis verfälschen."

Idealerweise, sagt Cordula Braun, kennen Physiotherapeuten den aktuellen Stand der Forschung und greifen zugleich auf ihre Erfahrung zurück und passen dann beides an die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten an.

Wenn es nicht besser wird, zum Arzt gehen

Zurück zum Nacken-Dreh-Programm: "Also, ich nehme den Kopf nach links und merke rechts unten im unteren Rücken, dass es zieht." – "Naja, bei dir ist es auch so: Du rotierst den ganzen Oberkörper nach links." – "Das wäre mir aber gar nicht aufgefallen."

Auch wenn ein Ratgeber-Buch dem Forschungsstand entspricht, fehlt dennoch das Feedback, so wie Silke Bannier es mir gibt. "Es gibt Übungsprogramme, das nennt sich dann ‚funktionelle Bewegungslehre‘ oder was wir so in der Ausbildung gelernt haben. Und so ein paar klassische Übungen mache ich meist auch. Aber da hab ich dann auch oft gemerkt: Das machen die wenigsten so korrekt zu Hause und da werden die lustigsten Sachen draus."

Zur Selbstfürsorge seien die Ratgeber dennoch geeignet. "Aber wenn es dann nicht besser wird, macht es schon Sinn, zur Physiotherapie zu gehen oder zum Arzt." Oder – radikale Variante: "Ich mache den Job nicht mehr. Das ist ganz wichtig."

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