Seit 20:03 Uhr Konzert

Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Fazit | Beitrag vom 15.10.2018

Rassismusvorwurf gegen Oper WuppertalErinnerung an Klischees der 50er-Jahre

Stefan Keim und Berthold Schneider im Gespräch mit Marietta Schwarz

Beitrag hören Podcast abonnieren
Szene aus Franz Léhars "Land des Lächelns" der Wuppertaler Inszenierung (Wuppertaler Bühnen / Claudia Scheer van Erp)
Szene aus Franz Léhars "Land des Lächelns" an der Oper Wuppertal: Was ist die Botschaft? (Wuppertaler Bühnen / Claudia Scheer van Erp)

Die Wuppertaler Premiere der Operette "Land des Lächelns" zeige herabwürdigende Karikaturen von chinesischen Dienern, sagt unser Kritiker Stefan Keim. Der dortige Intendant Berthold Schneider wehrt sich gegen den Rassismusvorwurf. Ein Streitgespräch.

Im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur sagte Kritiker Stefan Keim, dass Teile der Premiere von "Land des Lächelns" von Franz Léhar in der Wuppertaler Inszenierung für ihn vom Humor her geradezu ins Rassistische gegangen seien:

"Die Inszenierung von Guy Montavon versucht überhaupt nicht, das Stück zu reflektieren oder irgendwie in die Gegenwart zu transportieren."

Klamauk der 50er-Jahre

Dass auf der Bühne chinesische Soldaten als absolute Idioten dargestellt würden, habe ihn besonders geärgert - und an Filme der 50er- und 60er-Jahre erinnert:

"Das ist eine Form von rassistischem Klamauk, den wir eigentlich überwunden haben."

Ausgewogene Veralberung zweier Welten?

Diesen Rassismusvorwurf konnte der Intendant der Wuppertaler Bühnen, Berthold Schneider, beim Streitgespräch nicht nachvollziehen. Man habe die zwei Welten der beiden Liebenden, des chinesischen Prinzen Sou-Chong und der Grafentochter Lisa beschrieben: Peking und Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und natürlich habe man die chinesischen Soldaten überzeichnet und als Karikaturen dargestellt. Aber auch die Wiener seien in der Inszenierung extrem dargestellt. Daran habe Keim allerdings keine Kritik geäußert.

Berthold Schneider: "Wir sehen eine Wiener Hofgesellschaft, wo die höchste Elite des Landes gezeigt wird – natürlich alle mit viel Lametta an den Schultern. Und die Gräfin ist völlig betrunken. Wir sehen die Männer miteinander sprechen – sich in einem Satz fünf Mal voreinander verbeugen, weil das eben starres Zeremoniell ist – worüber die Zuschauer natürlich auch sehr gelacht haben."

Diese Inszenierung mache sich über beide Welten lustig, so Intendant Schneider. Der Rassismusvorwurf gegenüber den Österreichern sei von Keim allerdings nicht thematisiert worden.

Im Kern keine rassistische Vorlage

Kritiker Keim sieht aber hier eindeutig eine Ungleichheit. Die Botschaft dieser Operette ohne Happy End sei, dass man sich eben nicht mit Fremden einlassen solle. Die Beziehung der Protagonisten zerbreche und Schuld hätten die Chinesen:

"Gerade in der aktuellen Lage steckt in dem Stück die Botschaft 'Lass dich nicht mit Fremden ein, du gehst in dein Unglück.' Und das finde ich unheimlich problematisch, eine Inszenierung zu sehen, die dazu überhaupt keine Haltung entwickelt." 

Doch diese Kritik konnte Schneider nicht nachvollziehen:

"Wenn wir jetzt gemeinsam feststellen 'Dieses Stück ist nicht rassistisch', wieso müssen wir dann einen Kommentar abgeben, der es für uns leichter verdaubar macht? Der sagt, die Abonnenten sind doch zu dumm, denen müssen wir das vorverdauen, damit die nicht in die Falle tappen und denken 'Eine interkulturelle Liebe, da lassen wir doch lieber die Finger davon.'"   

"Das Land des Lächelns"Romantische Operette in drei Akten von Franz Lehár
Regie: Guy Montavon
Musikalische Leitung: Johannes Pell
Oper Wuppertal, Premiere am 14.10.2018

Mehr zum Thema

"Da ist wirklich eine Grenze erreicht"
(Deutschlandfunk Kultur, Thema, 21.01.2013)

Reset am Opernhaus Wuppertal - "Eine Kunstform wiederentdecken"
(Deutschlandfunk Kultur, Rang I, 17.09.2016)

Candice Edmunds mit "Carmen" an der Wuppertaler Oper - Diese Inszenierung ist ein großer Wurf
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 30.06.2018)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsTellkamp beklagt "Kulturdiktatur"
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp (picture alliance / dpa-Zentralbild / Sebastian Kahnert)

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp attackiert Medien und Kulturbranche, berichtet die "Welt". Er wirft ihnen vor, keinen Widerspruch zu ertragen - und reagiert damit auf Kulturinstitutionen, die sich zu einem Bündnis gegen Rechts zusammengeschlossen hatten. Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur