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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 21.02.2020

Rassismuserfahrungen im AlltagGemeinsam gegen den Hass

Von Anh Tran

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Ein Demonstrationszug zieht in Gedenken an die Opfer vom rechtsextremen Anschlag in Hanau vom Hermannplatz zum Rathaus Neukölln, auf einem Schild steht: "Rechten Terror stoppen!", aufgenommen am 20.02.2020 in Berlin. (picture alliance/Geisler-Fotopress)
Es ist Zeit, sich für nicht-weiße Perspektiven zu öffnen, zuzuhören und gemeinsam gegen den Hass zu arbeiten, fordert Anh Tran. (picture alliance/Geisler-Fotopress)

Nach ihrer "Rasse" gefragt und als "Fidschi" beschimpft zu werden: Das widerfährt unserer Autorin Anh Tran im Alltag. Doch sie hat das Gewöhnen satt. Nach dem Terroranschlag von Hanau fragt sie umso dringlicher: Wann habt ihr euch daran gewöhnt?

In den ersten Medienberichten war immer wieder von "fremdenfeindlichen Motiven" die Rede. Doch Menschen wie ich sind keine Fremden in diesem Land. Wir haben Angst. Es geht um unsere Leben. Wir können es uns nicht leisten, schockiert zu sein.

Der Club der weißen Menschen

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Meine Eltern kommen aus Vietnam. Ich bin in Dresden groß geworden, in einem weißen Umfeld. Deswegen weiß ich, wie es ist, nicht zur deutschen Mehrheitsgesellschaft dazuzugehören.

Als Kind wollte ich immer wie meine Freunde sein: lustig, klug und deutsch. Aber Deutschsein ist schwer. Egal wie viele Peter-Alexander-Filme ich mit Omi geschaut habe, wie gut meine Deutschnoten waren, wie pünktlich ich zu Verabredungen erscheine: Ich komme nicht in den Club der weißen Menschen. Das ist ein beschissenes Gefühl.

Rassismus gehört zu meinem Leben wie die Luft zum Atmen. Ich habe ihn internalisiert.

Dass ich in einem Geschäft nach meiner "Rasse" gefragt wurde, weil die Verkäuferin fand, dass ich im Blümchenkleid wie eine Indianerin aussehe. Das ist meine Realität. Dass in der S-Bahn eine Frau mit dem Finger auf mich zeigt und sagt: "Ratten wie dich muss man alle erschießen." Das ist meine Realität. Dass mich in der dritten Klasse die Kinder der benachbarten Förderschule "Fidschi" nannten und nach dem Unterricht warteten, um mich zu bespucken und mit Steinen zu bewerfen. Auch das ist meine Realität.

Der Glaube, all das verdient zu haben

Lange Zeit habe ich solche Ereignisse als normal hingenommen. Weil sie nie meinen Freunden passiert sind, wuchs ich in dem Glauben auf, all das verdient zu haben. Für mich war es Usus, am 13. Februar, am Tag der Bombardierung Dresdens, wenn in der Stadt die Neonazis aufmarschierten, nicht rauszugehen.

Ich habe das nie hinterfragt, bis mich eine weiße Person fragte, warum ich sowas mit mir machen lasse. Ja, warum eigentlich?

Einst gab mir ein Lehrer den Rat, nachdem ich auf dem Schulweg rassistisch beschimpft wurde und weinend in den Unterricht kam: "In Vietnam wirst du immer die Deutsche sein und hier die Vietnamesin." Daran müsse ich mich gewöhnen. Ich habe das Gewöhnen so satt.

Wann habt ihr euch daran gewöhnt? Es ist Zeit, sich für nicht-weiße Perspektiven zu öffnen, zuzuhören und gemeinsam gegen den Hass zu arbeiten. Rechter Terror will uns ängstigen, will uns lähmen, will uns auslöschen in unserem eigenen Land. Lasst das nicht zu! Lassen wir das nicht zu.

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