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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 19.06.2020

RassismusRassen? Gab es nie!

Ein Standpunkt von Jasamin Ulfat-Seddiqzai

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Ein Schild in den USA um 1940 markiert einen Park zum Picknicken – nur für Weiße.  (Getty Images / Archive Photos)
Die Idee, dass es verschiedene Menschenrassen gäbe, hat sich zu großen Teilen erst in der Zeit des Kolonialismus durchgesetzt, sagt Literaturwissenschaftlerin Ulfat. "Der Glaube, dass Rassismus damals einfach in Ordnung war, ist also nicht richtig." (Getty Images / Archive Photos)

"Früher war es normal, die Menschen in Rassen einzuteilen" – das denken viele. Stimmt aber nicht, sagt die Literaturwissenschaftlerin Jasmin Ulfat-Seddiqzai: Erst der koloniale Raubzug habe diese Einteilung notwendig gemacht. Unumstritten war die Idee jedoch nie.

Es gibt keinen alten griechischen, römischen oder hebräischen Text, in dem der Begriff "Rasse" vorkommt. Oft denken wir, es handele sich beim Rassismus um ein uraltes Konzept, das man deswegen nur sehr schwer aus den Köpfen der Menschen herausbekommt.

Tatsächlich ist diese Annahme falsch und ein Zeichen dafür, wie erfolgreich sogenannte Rassetheoretiker ihre damals bereits sehr umstrittene und von vielen seriösen Wissenschaftlern wie Darwin stets abgelehnte Theorie zur fundamentalen Unterschiedlichkeit der Menschen verbreiten konnten.

Menschenrassen gibt es nicht. Nicht im biologischen Sinne und auch das Wort selbst ist relativ neu. Tatsächlich bezeichnete die "Rasse" lange Zeit einfach die familiäre Abstammung. Gehörte man zu einer bestimmten, meist adligen oder royalen Familie, war eben dies die "edle Rasse", die man im Blut trug. Das sogenannte "blaue Blut" kennt man auch heute noch als altes, völlig überkommenes Konzept. Niemand würde ernsthaft nach einer genetisch anderen Struktur bei Prinz William suchen.

Wir stammen alle von einer "mitochondrialen Eva" ab

Menschen verschiedener Herkunft aus verschiedenen Ländern wurden schon immer als unterschiedlich wahrgenommen. Aber zu einem großen Teil unserer westlichen Geschichte – selbst dem kolonialen Teil – gingen wir davon aus, dass wir alle von Adam und Eva abstammen. Zwar lässt sich die Geschichte mit der Schlange nur schwer wissenschaftlich beweisen, neue Erkenntnisse zeigen jedoch, dass es so etwas ähnliches wie eine "mitochondriale Eva" gegeben haben muss, also eine Vorfahrin, deren Erbgut wir alle in uns tragen.

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Auch Sklaverei war nie "normal". Am Beispiel des britischen Empire kann man sehr gut sehen, wie Rassentheorien dann wichtig wurden, sobald man politischen Nutzen aus ihnen ziehen konnte. Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts bezogen Teile der britischen Upperclass ihr Vermögen auch aus Sklaverei. Damit ging man jedoch nicht hausieren. In Jane Austens "Mansfield Park" tritt die Heldin in ein Fettnäpfchen, als sie ihren Onkel nach den Sklaven befragt, die ihm seinen Reichtum in Antigua erwirtschaften. Als Antwort herrscht "Totenstille". Man nutzte die Sklaverei, sprach aber nicht darüber. Weil es sich nicht gehörte.

Als Christ war man eigentlich gegen Sklaverei. Daraus speiste sich der Abolitionismus, der Sklaverei schließlich im Jahr 1833 im gesamten britischen Empire abschaffte. Das hieß natürlich nicht, dass es Sklavenarbeit nicht mehr gab. Sklavenartige Ausbeutung gibt es bis heute.

Die Einteilung in "Rassen" war nützlich, aber immer  umstritten

Erst als das Empire sich immer weiter ausbreitete, brauchte man ein neues Menschenbild, um das Stehlen von Land und Reichtum zu rechtfertigen. Da das Christentum verbot, seine Mitmenschen zu bestehlen, musste man aus schwarzen Menschen, die man bestehlen wollte, eben Unmenschen, Kreaturen machen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts suchten die Briten noch Gemeinsamkeiten mit den Völkern, die sie zu ihrem Empire hinzufügten. Je mächtiger sie wurden, desto aggressiver wurde die Rhetorik, desto nützlicher wurden die Rassetheoretiker.

Der Glaube, dass Rassismus damals einfach in Ordnung war, ist also nicht richtig. Im gleichen Jahr, in dem Rudyard Kipling das Gedicht "The White Man’s Burden" schrieb, parodierte ihn sein weißer Zeitgenosse und Landsmann Henry Labouchère. Während Kipling also 1899 lamentierte, dass der weiße Mann nicht genug Lob für seine Kolonialisierung der Welt erhielt, stellte Labouchère klar, dass der Imperialismus braunen und schwarzen Menschen doch etwas mehr abverlangte als ihren Besatzern.

Rassismus ist nicht das Diskriminieren verschiedener Rassen, denn verschiedene Menschenrassen gibt es nicht. Rassismus ist der Glaube, dass es verschiedene Rassen gäbe. Vielleicht sollte man das im Hinterkopf behalten, wenn man über die Streichung des Begriffs aus dem Grundgesetzt debattiert.

Jasamin Ulfat-Seddiqzai posiert für ein Pressebild. (Foto: privat)Jasamin Ulfat-Seddiqzai (Foto: privat)Jasamin Ulfat-Seddiqzai lehrt und forscht an der Universität Duisburg- Essen zu britischer Literatur im 19. Jahrhundert. Ihre Schwerpunkte umfassen dabei Themen wie Orientalismus, Stereotypenbildung und Männlichkeitsbilder, insbesondere im Kontext der Anglo-Afghanischen Kriege, über die sie derzeit ihre Dissertation schreibt. Ihre journalistischen Texte behandeln Xenophobie, Frauen im Islam oder das Kopftuch und erschienen bisher in der "taz" und der "Rheinischen Post".

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