Seit 20:03 Uhr Konzert

Donnerstag, 19.07.2018
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Zeitfragen | Beitrag vom 05.07.2018

Rassismus macht den Körper krankWie Tausende kleine Mückenstiche

Von Azadê Peşmen

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Mann schlägt seine Hände vor das Gesicht. (imago / Igor Stevanovic / Science Photo Library)
"Es ist wirklich körperliche Erschöpfung", schildert eine Betroffene die Auswirkungen von Mikroaggressionen. (imago / Igor Stevanovic / Science Photo Library)

"Du sprichst aber gut Deutsch!" Solche Äußerungen zeigen: Du gehörst nicht dazu. Mikroaggressionen werden sie genannt und sorgen dafür, dass die Betroffenen ihre Identität infrage stellen. Darunter leiden viele psychisch - aber auch physisch.

"Ich hatte mal einen interessanten Beitrag gesehen, in dem wurden Microagressions mit Mückenstichen verglichen. Also, man kann einmal gestochen werden und dann juckt es vielleicht –

und dann juckt es vielleicht einen Tag. Aber Microagressions funktionieren für Betroffene meist so, dass man immer wieder gestochen wird und immer wieder an der gleichen Stelle, sodass diese Stelle nie verheilt und am Ende vielleicht immer eine Wunde da bleibt", beschreibt Ash, die lieber anonym bleiben möchte. Mikroaggressionen ist sie häufig ausgesetzt, das erste Mal bewusst wahrgenommen hat sie diese erst in der Oberstufe.

"Als Fragen aufgetreten sind und Mitschülerinnen zwischen wir und ihr unterschieden haben und gefragt haben, wie ist es denn bei euch? Da ist es mir aufgefallen, es gibt ein ihr und wir und ich werde nicht in ein wir miteinbezogen."

"Ganz schon heiß heute, aber du kennst das ja"

Es sind solche und andere Aussagen, die in die Kategorie der Mikroaggressionen fallen und an Menschen adressiert sind, deren Zugehörigkeit aufgrund ihrer phänotypischen Merkmale abgesprochen wird, obwohl sie hier geboren und aufgewachsen sind.

"Du sprichst aber gut Deutsch!" – "Ganz schon heiß heute, aber du kennst das ja. Da wo du herkommst, ist es ja wärmer als hier." – "Wie du kannst kein Arabisch? Aber du siehst doch so aus!" – "Naja, so ganz schwarz bist du ja jetzt auch nicht."

Der US-amerikanische Professor und Psychiater Chester Pierce prägte den Begriff Mikroaggressionen.

"Zusammengefasst können wir sagen, das sind sehr subtile, unauffällige, verdeckte und latent aggressive Ausdrucksformen von Rassismus, die bewusst oder meistens auch unbewusst auftreten", erklärt Amma Yeboah, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, die zu den Auswirkungen von Rassismus auf die Gesundheit forscht und damit zu einer Minderheit gehört. Zumindest in Deutschland, wo in der Forschung Wissenschaftler selten dieser Fragestellung nachgehen.

Sich immer wieder neu erklären und infrage stellen

Die Debatte und der Ansatz, Mikroaggressionen zu definieren, hat aber nicht nur in den USA eine Relevanz. Mikroaggressionen treffen nicht nur Menschen, die rassistisch, sondern auch die, die wegen ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Der Psychologe Derald Wing Sue unterscheidet zwischen drei unterschiedlichen Formen von Mikroagressionen:

"Micro Assault nennt sich das, das heißt: ein Angriff, der schon expliziter ist und das kann zum Beispiel eine Bezeichnung sein, mit dem N-Wort. Es kann aber auch ein diskriminierendes Verhalten sein, das heißt, ganz explizit Menschen, die aufgrund ihres Aussehens oder ihrer vermuteten Herkunft anders und zwar nachteilig zu behandeln. Und dann gibt es die Kategorie zwei, die Micro-Insult, die Beleidigungen, die auf die Herkunft oder die Identität zielen. Es kann eine versteckte Beleidigung sein, zum Beispiel eine Stipendiatin zu fragen, wie hast du denn ein Stipendium bekommen? Und dann hätten wir die dritte Kategorie: Micro-Invalidation, die Ungültigkeitserklärung. Einfach die Erlebnisrealitäten negieren, zum Beispiel zu sagen, ja du hast diese Erfahrung gemacht, das kann gar nicht sein. Wir sind doch alle Menschen oder diese Behauptung zu sagen, ich sehe gar keine Farben, ich behandle alle Menschen gleich."

Mikroaggressionen stellen die Person, die Identität eines Menschen infrage und zwingen die Betroffenen dazu, sich immer wieder erklären zu müssen, die Vorannahmen und Vorurteile des Gegenübers richtigzustellen. Sich immer wieder für die eigene Existenz rechtfertigen zu müssen, ständig sich selbst beweisen zu müssen, hinterlässt Spuren.

 "Das heißt, du existierst nicht. Und diese Botschaft ruft natürlich Stress im Gehirn aus. Das heißt, es werden Stresshormone oder Neurotransmitter, im Volksmund sagen wir Hormone, Nervenbotenstoffe, die Stress darstellen, die werden ausgeschüttet und das Gehirn sendet Signale aus und sagt: Du kannst vernichtet werden. Und aufgrund dieser Antwort vom Gehirn können wir auch von einer biologischen Tötung sprechen, wenn es um racial Microaggression geht."

"Es ist wirklich körperliche Erschöpfung"

Ausgeschlossen zu werden, sich nicht dem Wir zugehörig zu fühlen, so beschreibt auch Ash das Gefühl, das ihr durch Mikroaggressionen vermittelt wird. Sie drücken sich aber auch physisch aus:

"Wie eine typische Erschöpfungserscheinung, wie nach dem Sport, wie nach viel arbeiten, dass man körperlich schlapp ist, dass man vielleicht am Wochenende länger liegt und nach der Arbeit sich länger hinlegt und sich denkt, jetzt muss ich Kräfte sammeln und bündeln. Es ist wirklich körperliche Erschöpfung wie nach körperlicher Anstrengung."

"Was diese Strategieebenen überfordert ist meistens Vereinzelung, wenn Menschen, People of Color oder Schwarze Menschen isoliert leben oder wenn sie isoliert in ihren Organisationen tätig sind. Dann können sie überfordert werden von racial Microagressions. Das heißt, Community Arbeit ist die erste Ebene von Empowerment", empfiehlt die Psychotherapeutin Amma Yeboah denjenigen, die Mikroaggressionen erfahren. Ash hat während ihres Studiums angefangen, sich tiefgehender mit der Thematik auseinanderzusetzen, herauszufinden, woher Mikroaggressionen kommen und welches System dahinter steckt. Sie hat aber auch begonnen sich Schutzräume zu suchen, in denen sie sich mit Menschen trifft, die ähnliches erfahren, mit denen sie sich über Strategien austauscht. Amma Yeboah ist es aber wichtig, nicht nur diejenigen in den Blick zu nehmen, die Mirkoaggressionen erfahren, sondern auch die Menschen zu fokussieren, von denen sie ausgehen.

"Bildung, Bildung und Bildung"

"Mich interessiert sehr, was racial Microaggressions mit weißen Menschen macht. Von ihnen kommen diese racial Microaggression. Und wenn wir sie nicht fokussieren, machen wir den Fehler, dass wir von den Menschen verlangen, die ohnehin Gewalt erfahren, selber Lösungen zu finden. Das heißt zusätzlich zu den Gewalterfahrungen sollen Sie Lösungen konzipieren, forschen und Rassismus lösen als Thema."

People of Color und Schwarze Menschen versuchen zwangsläufig einen Umgang mit Mikroagressionen zu finden, Strategien anzuwenden, wohingegen weiße Menschen sich überhaupt erst bewusst werden müssen, was Mikroaggressionen überhaupt sind. Für die meisten verläuft es unbewusst ab.
 
"Und wenn es unbewusst ist, dann ist es sehr wichtig, das bewusst zu machen. Und diese Bewusstwerdung kann nur stattfinden durch Aufklärung und durch Bildung, Bildung und Bildung."

Mehr zum Thema

Ausstellung "Unser Afrika" in Hamburg - Mit Werbeästhetik gegen Rassismus?
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 22.06.2018)

Alltagsrassismus in den USA - Beschimpfungen und Elektroschocks
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 29.05.2018)

Zeitfragen

Ärztemangel in der ProvinzNeue Wege in der Ausbildung
Angehende Ärztinnen üben in der Klinik Herford an Schweinehaut (Margarete Wohlan / Deutschlandradio)

Um dem Ärztemangel in der Provinz zu begegnen, kooperieren kleinere Kliniken mit der Uniklinik Bochum: Angehende Ärzte können ihre Ausbildung praxisnah abschließen. Für die Chirurgen bedeutet das Mehraufwand - aber das Projekt kommt gut an.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur