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Breitband | Beitrag vom 14.12.2019

Rassismus in den MedienDer Reflex im Kopf

Ferda Ataman und Malcolm Ohanwe im Gespräch mit Philip Banse

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Eine Person sitzt vor einem TV-Monitor und hat die Fernbedienung in der Hand. (Unsplash/ Pinho)
Regelmäßig finden in den Medien Debatten über Flüchtlinge statt, ohne eine Reproduktion von Stereotypen kommen sie selten aus. (Unsplash/ Pinho)

Kein Mensch darf, laut Grundgesetz, wegen seiner Abstammung oder politischen Anschauungen benachteiligt werden. Dennoch passiert es tagtäglich – auch in den Medien und das hat Folgen. Wir sprechen mit den Journalisten Ferda Ataman und Malcolm Ohanwe darüber.

Kein Mensch darf wegen seiner Abstammung, seiner Sprache, seiner Herkunft, seines Glaubens oder seiner politischen Anschauungen benachteiligt werden. Rassismus ist laut dem Grundgesetz verboten. Trotzdem werden Menschen in Deutschland aufgrund ihrer Herkunft und ihres Aussehens immer noch benachteiligt.

"Wir konsumieren Medien, und wenn man sich anguckt, wo kommen schwarze Menschen und auch Migranten, People of Color, vor, dann ist das meistens entweder in einem Kontext dieses alten Bilds in Afrika: Menschen, denen man helfen muss oder hier in der Gesellschaft sehr erkennbar als Kriminelle, als Bedrohung, als Gefahr", sagt die Journalistin und Ko-Vorsitzende des Vereins "Neue Deutsche Medienmacher", Ferda Ataman. "Das ist die Mehrzahl der Beiträge in Medien, in denen solche Menschen vorkommen, und weniger in normalen Rollen wie als Moderator, als Person, die irgendwas zur Krise sagt, zur Rentenfrage oder so. Solange diese Normalität nicht herrscht, ist der Reflex im Kopf, bei einer dunkelhäutigen Person an Probleme zu denken, weil alle Informationen, die man über diese Personen bekommt, in der Regel irgendwie problematisieren." 

Komplimente, die keine sind

Als Rassismus würden oft nur die Taten und Worte von extrem Rechten bezeichnet – fälschlicherweise, betonen beide Gesprächspartner. Doch Ausgrenzung und Alltagsrassismus seien eben genau das: alltäglich, wenn auch oft unabsichtlich.

"Das kann sich äußern durch direkte Zuschreibungen, irgendwelche Beleidigung, so wie man sich das vorstellt, oder Hänseleien in der Schule oder so", sagt Journalist Malcolm Ohanwe, der den Podcast "Kanackische Welle" betreibt. "Das kann auch sein, dass man, darüber habe ich mir letztens Gedanken gemacht, wenn dir jemand sagt, du seist so besonders eloquent. Oft siehst du dann so eine Art Verblüffung oder eine Art Überraschung. Und dann ist das vielleicht gut gemeint, weil sie dir eigentlich ein Kompliment machen möchten. Aber im Grunde genommen sagt es: 'Okay, Leute, die aussehen wie du, deinen Phänotyp haben, sind für gewöhnlich nicht eloquent oder können sich nicht gut ausdrücken.' Ich muss dann ganz lange drüber nachdenken. Er hat das ja mit einem Lächeln gesagt. Aber ich fühle mich total unwohl."

"Die Aussage, wir leben in einer rassistischen Welt ist absolut richtig, wenn man unter Rassismus versteht, dass wir nicht gleich auf alle Menschen blicken. Wir haben natürlich Bilder im Kopf. Eine junge Frau, da erwartet man nicht, dass sie in der Führungsposition ist, bestimmte Leute sehen für uns aus wie Praktikanten und bestimmte leute sehen aus wie Kriminelle. Und dieser Kurzschluss im Kopf, der ist ein ganz großes Problem. Da müssen wir auch ran", sagt Ferda Ataman.

Rassistische Frames werden übernommen

Medien haben in diesen Debatten eine besondere Verantwortung: Hier werden aktuelle Themen verhandelt, die mit Rassismus zu tun haben: Flüchtlinge, Islam, Racial Profiling, die AfD. Eine aktuelle Studie zeigt: Die Nationalität von Tatverdächtigen wird in der Berichterstattung über Gewaltdelikte deutlich überproportional genannt, auch im Verhältnis zu den Daten der polizeilichen Kriminalstatistik. 

Für den Journalisten Malcolm Ohanwe ist der historischen Kontext entscheidend: "Selbst wenn schwarze Menschen in Führungspositionen gehoben werden oder mehrheitlich in irgendeiner Gesellschaft sind, verändert das nicht die Geschichte. Das ist total wichtig, dass das auch im Schulunterricht Kontinuität ist und ein Kontext herrscht, dass man schwarze Menschen bewusst als unmenschlich stilisiert hat, um überhaupt kolonial vorgehen zu können. Das ist etwas, was noch heute wirkt. So oft wollen Psychologen, Psychologinnen sagen: 'Naja, der Mensch hat Angst vor dem Fremden, und was er nicht kennt.' Aber es gibt immer eine Richtung und die ist eine anti-schwarze Richtung. Es gibt keinen geschichtlichen Kontext, der weiße Menschen als Nicht-Menschen stilisiert."

Warum tun wir uns als Gesellschaft so schwer damit, Rassismus zu vermeiden? Warum scheitern so viele Gespräche über Rassismus? Und was können die Medien tun, um das zu verbessern?

"Diesen einen Satz, den kennt wahrscheinlich jeder: 'Hautfarbe ist mir total egal.'", sagt Ferda Ataman. "Das sagt man, weil man irgendwie sagen will, 'Ich bin weltoffen, ich unterscheide nicht zwischen Menschen. Aber dieser Satz sagt auch, dass man offenbar gar nicht weiß, dass Hautfarbe eben nicht egal ist für alle Menschen."

Ferda Ataman ist Mitbegründerin und Ko-Vorsitzende des Vereins "Neue Deutsche Medienmacher", sie veröffentlichte in diesem Jahr das Buch "Hört auf zu fragen. Ich bin von hier" und auf Twitter startete sie den Hashtag #vonhier. In den sozialen Medien berichteten Menschen daraufhin, warum sie die Frage "Wo kommst du her?" als ausgrenzend empfinden.

Malcolm Ohanwe betreibt seit mehr als einem Jahr zusammen mit dem Journalisten Marcel Aburakia den Podcast "Kanackische Welle", der sich monatlich mit Identität im Einwanderungsland Deutschland beschäftigt. Die zwei deutschen Journalisten mit palästinensischen Wurzeln sprechen darin über Popkultur, Rassismus und religiöse Spannungen.

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