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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 21.06.2020

Rassismus im EishockeySchwarze Spieler erheben ihre Stimme

Von Martin Hyun

Zwei Eishockeyspieler stehen auf dem Eis. Im Hintergrund sind Zuschauer. (picture alliance/dpa/The Canadian Press/Jeff McIntosh)
Afro-Kanadier Evander Kane, Stürmer des amerikanischen Eishockeyprofi-Klubs San Jose Sharks, engagiert sich gegen Rassismus in der NHL. (picture alliance/dpa/The Canadian Press/Jeff McIntosh)

Auch in der nordamerikanische Eishockey-Profiliga NHL sind schwarze Spieler immer wieder von Rassismus betroffen. Doch sie beginnen, sich dagegen zu wehren – so wie Evander Kane von den San Jose Sharks.

2017 ernannte Gary Bettman, der Commissioner der nordamerikanischen Eishockeyprofi-Liga NHL, die Afroamerikanerin Kim Davis zur Vizepräsidentin. Davis entwickelt Initiativen, um den Sport vielfältiger und inklusiver zu gestalten. Anders als American Football und Basketball wird Eishockey überwiegend von Weißen gespielt. Dennoch gibt es auch in dieser Sportart immer wieder rassistische Vorfälle. Kim Davis gilt als Hoffnungsträgerin innerhalb des Verbandes, Maßnahmen gegen Rassismus stärker anzupacken. 

Ein Mann und eine Frau stehen vor einem NHL-Logo. (Martin Hyun)Der Autor und ehemalige Eishockeyspieler Martin Hyun mit Kim Davis, die bei der NHL für den Bereich soziale Verantwortung zuständig ist. (Martin Hyun)
"Der Job bedeutet einfach, dass ich die Verantwortung für unsere Programme trage, die sich unter anderem mit der Jugend und dem Jugend-Eishockey beschäftigen, um dabei zu helfen, Talente zu fördern und junge Menschen stärker an unseren Sport heranzuführen. Angesichts der Art und Weise, wie sich unsere Welt verändert und wie demografische Veränderungen nicht nur in Nordamerika, sondern auf der ganzen Welt stattfinden, wollen wir Beziehungen zu Regierungen weltweit aufbauen, damit wir sie als Fürsprecher gewinnen können." 

Der Fall George Floyd hat auch Sportlerinnen und Sportler in den USA tief bewegt und aufgerüttelt. Unter ihnen den Afro-Kanadier Evander Kane, Stürmer des amerikanischen Eishockeyprofi-Klubs San Jose Sharks. Erstmals gab es auch kritische Stimmen von NHL-Vertretern. Ein Novum. Bislang hielt sich die Liga meist mit politischen Äußerungen zurück und schwieg lieber. So blieb der kollektive Aufschrei aus, als es rassistische Schmähungen gegen die dunkelhäutigen NHL-Spieler Wayne Simmonds, Devante Smith-Pelly und Akim Aliu gab.

Evander Kane appelliert an schwarze Sportler

Kane, der aufgrund seiner Hautfarbe immer wieder rassistisch angegriffen wurde, war der erste amerikanische Eishockey-Profi, der sich öffentlich gegen Rassismus in seinem Sport und in der US-Gesellschaft generell aussprach. In einer Diskussionsrunde appellierte er an seinen Spielerkollegen Sidney Crosby und den wohl berühmtesten Football-Spieler der Welt, Tom Brady, gegen diese Ungerechtigkeit ihre Stimme zu erheben. 

"Wir brauchen mehr Athleten, die nicht so aussehen wie ich, die sich zu dieser Thematik äußern, und genau die gleiche Empörung empfinden, die ich verspüre. Diese Empörung sollten sie nutzen, um ihre Meinung zu äußern, um ihre Frustration zum Ausdruck zu bringen. Nur so wird sich etwas ändern. Wir sind seit Hunderten von Jahren empört, und es hat sich nichts geändert.

Es ist an der Zeit, dass sich Leute wie Tom Brady und Sidney Crosby und andere dazu äußern, was richtig und, in diesem Fall ganz klar, was unglaublich falsch ist. Denn das ist der einzige Weg, wie wir vereint Wut erzeugen, um den notwendigen Wandel herbeizuführen. Vor allem, wenn man von systemischem Rassismus spricht".

Mehrere Eishockeyspiel, die um den Puck kämpfen. (picture alliance/dpa/FR171450 AP/AP Images/Jeffrey T. Barnes)NHL-Spieler Wayne Simmonds von den Buffalo Sabres ist wie Evander Kane von rassistischen Beschimpfungen betroffen. (picture alliance/dpa/FR171450 AP/AP Images/Jeffrey T. Barnes)
Einen Tag nach Kanes Appell veröffentlichte die NHL eine Stellungnahme, in der sich die Liga solidarisch mit allen Akteuren erklärt, die sich aktiv gegen Rassismus, Hass und Gewalt einsetzen. Die NHL ermutigt Teams und Spieler, ihre Plattformen zu nutzen, um gemeinsam Veränderungen herbeizuführen. Kanes Aufruf stieß bei namhaften weißen Spielern auf ein positives Echo. Zu ihnen gehören der wohl berühmteste Eishockeyspieler der Welt, Sidney Crosby von den Pittsburgh Penguins, und viele weitere NHL-Stars wie etwa Blake Wheeler von den Winnipeg Jets: 

"Wir müssen uns genauso engagieren wie schwarze Athleten. Es kann nicht nur ihr Kampf sein. Ich wünschte, ich wäre früher involviert gewesen. Ich wünschte, dass ich nicht so lange benötigt hätte, um in diese Thematik einzusteigen. Ich möchte Teil der Veränderung sein, um vorwärtszukommen." 

Viele haben Angst, sich zu äußern

Die kollektive Solidarisierung vieler weißer Spieler bewegte den schwarzen ehemaligen NHL-Spieler Mark Fraser sehr:

"Blake Wheeler und Logan Couture begannen, ihre echte Empörung und ihren Ekel über das, was gerade in Amerika passiert, zu äußern. Zunächst war es neu für mich, aber zum ersten Mal hatte ich Lust, die Posts dieser weißen Eishockeyspieler zu lesen, die wirklich aufgebracht sind, wirklich aufgebracht und empört in ihrem Tonfall. Durch sie habe ich meine Stimme gefunden.

Für viele schwarze Spieler, die sich aus welchem Grund auch immer unterdrückt fühlen, ist es schwer, sich zu äußern, weil sie Angst haben, entlassen zu werden, Angst davor, eine Brücke niederzubrennen, Angst vor was auch immer. Als diese Spieler wie Blake Wheeler und Logan Couture das posteten, was sie posteten, hat mich das so tief berührt.

Zwei Eishockeyspieler freuen sich nach einem erzielten Tor. (picture alliance/dpa/Revierfoto)Mark Fraser: "Wir dürfen nicht aufhören, Lärm zu machen. Schweigen ist schlecht." (picture alliance/dpa/Revierfoto)
Es hat mich so tief berührt, dass ich mir wünsche, dass ich eines Tages die Gelegenheit haben werde, ihnen mitzuteilen, wie viel es mir bedeutet hat, denn die Perspektive eines weißen Spielers zum Thema Rassismus – eine echte, wahre, von Herzen kommende Perspektive –, ließ mich verstehen, dass auch ich dies sagen kann".

Mark Fraser fordert Teams und Spieler auf, aktiv gegen Rassismus im Eishockey und in der Gesellschaft zu vorzugehen: 

"Wir dürfen nicht aufhören, Lärm zu machen. Schweigen ist schlecht. Schweigen ist im Moment falsch. Wir müssen weiter Lärm machen. Die schwarzen Spieler werden weiterhin vom Rassismus betroffen sein."

Ein Sprachrohr für ihre Anliegen haben sie seit kurzem jedenfalls. Am 8. Juni gründete sich unter der Führung von Evander Kane die Hockey Diversity Alliance die sich für eine weltoffene und inklusive NHL einsetzt.

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