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Fazit | Beitrag vom 13.04.2021

Rassismus-Debatte am Schauspiel DüsseldorfPeople of Color fordern Rechte ein

Marco Damghani im Gespräch mit Vladimir Balzer

Das Schauspielhaus in Düsseldorf mit einem roten Banner (dpa / picture alliance / Martin Gerten)
Rassismus gebe es nicht nur am Schauspielhaus Düsseldorf und sei ein strukturelles Problem, sagt der Regisseur Marco Damghani. (dpa / picture alliance / Martin Gerten)

In der Debatte um Rassismus kritisieren 1400 Theaterschaffende mit einem offenen Brief die Äußerungen des Dramaturgen Bernd Stegemann. Schauspieler mit migrantischem Hintergrund hätten alle Rassismuserfahrung, sagt der Regisseur Marco Damghani.

Mit einem Video hat sich der Schauspieler Ron Iyamu vor einigen Wochen über Rassismus am Düsseldorfer Schauspielhaus beklagt. In der Debatte hat sich vergangene Woche auch der Dramaturg Bernd Stegemann in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" geäußert.

Doch dessen Einlassung wird nun von 1400 Theaterschaffenden in einem offenen Brief kritisiert. Auch der Regisseur Marco Damghani gehört zu den Unterzeichnenden.

Schauspielhaus Düsseldorf kein Einzelfall

Damghani sagt, er glaube, dass der Fall in Düsseldorf kein Einzelfall ist, sondern dass jeder Schauspieler mit migrantischem Hintergrund schon einmal Rassismus am Theater erfahren habe.

"Diese Geschichte, die da dem Kollegen Iyamu passiert ist, die rührt an etwas, was viele von uns bewegt." An vielen Theatern in Deutschland laufe diesbezüglich "einiges schief", so Damghani.

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Dass unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit alles gemacht werden dürfe, sei ein leidiges Thema. Dies öffne Regisseuren Tür und Tor, machen zu können, was sie wollten, sagt er.

"Ist es Freiheit, wenn ein Mensch auf der Probe konstant mit Übergriffen konfrontiert ist und eingeschränkt wird, in seiner Freiheit, sich frei äußern zu können?"

Menschenwürde auch im Probenraum behalten

Eine Probensituation sei etwas anderes als eine Kunstperformance, bei der man klar trennen könne zwischen Kunstfigur und handelnder Person oder handelnder Privatperson, sagt Damghani.

"Wenn man sich als Regisseur grenzüberschreitend verhält, dann finde ich es einen sehr leichten Ausweg, einfach zu sagen, das ist ja durch die Kunstfreiheit gedeckt. Das kann ich jetzt alles machen, weil sonst kann ich mich nicht entfalten." Denn damit werde die Freiheit anderer eingeschränkt.

Theaterschaffende müssten ihre Menschenwürde auch im Probenraum behalten. Als Schauspieler begebe man sich nicht in die Rolle eines Leibeigenen. Und das auch etwa im Kontext eines deutschen Stadttheaters, wo Schauspieler oft prekär beschäftigt seien: "Wo ich meist einen älteren weißen Intendanten vor mir habe und mich trotzdem frei entfalten möchte."

Diversitätsbeauftragte ohne Macht

Es gebe zwar – auch am Schauspielhaus Düsseldorf –  Diversitätsbeauftragte, damit auch People of Color zu ihrem Recht kommen könnten. Doch diese seien mit wenig Kompetenzen ausgestattet, so Damghani. Der einzige Souverän sei nur der Intendant und dieser entscheide eben über die Besetzung der Rollen, die Autoren und die Regieposition.

Damghani sieht ein strukturelles Problem, das seit Jahrzehnten existiere: "Wir sind an einem Punkt angekommen, wo ganz viele Menschen sagen, dass sie gehört werden möchten. Das ist eigentlich der Grundpunkt der Diskussion." Doch auch dieser Wunsch werde klein gemacht und bagatellisiert. Und darum müsse man diese Theaterschaffenden unterstützen.

"Ich kenne so gut wie niemanden, der im Theater arbeitet, der äußerlich nicht ein rein weißes deutsches äußeres Erscheinungsbild hat und von sich sagen kann: Rassismus habe ich noch nie gehört, habe ich noch nie erlebt", sagt Marco Damghani.

(mle)

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