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Fazit | Beitrag vom 05.07.2020

Rassismus bei der PolizeiSo ganz genau will man es nun doch nicht wissen

Rafael Behr im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Der Bundesinnenminister Horst Seehofer, hinter ihm stehen Polizisten. (dpa / Marijan Murat)
Horst Seehofer findet eine Studie zum Thema Rassismus bei der Polizei unnötig. (dpa / Marijan Murat)

Bundesinnenminister Seehofer hat die angekündigte Studie zum "Racial Profiling" bei der Polizei wieder einkassiert. Der Gegenwind sei wohl zu groß gewesen, mutmaßt der Polizeiwissenschaftler Rafael Behr - und Seehofer sei das Thema auch nicht wichtig genug.

Auch in Deutschland wird momentan über Rassismus bei der Polizei diskutiert. Die Bundesregierung plante sogar, eine Studie zum sogenannten "Racial Profiling" in Auftrag zu geben. Doch Bundesinnenminister Horst Seehofer blies das Vorhaben jetzt überraschend ab - mit der Begründung, er halte eine solche Studie nicht für sinnvoll, da Racial Profiling in der polizeilichen Praxis ohnehin verboten sei.

Rafael Behr ist enttäuscht von dieser Kehrtwende. Der Professor für Polizeiwissenschaften an der Akademie der Polizei Hamburg hatte gehofft, "dass es endlich gelingt, diese Einzelfallthese, die These der schwarzen Schafe zu durchbrechen und anzuerkennen, dass es mit systemischen Dingen zu tun hat, was da passiert".

"Cop Culture" als Kultur der Gemeinsamkeit

Die Einzelfallthese setze voraus, dass es sehr viele weiße Schafe gebe, die sich ein ganzes Leben lang nichts zuschulden kommen ließen, so Behr. Dies sei aber eine falsche Annahme: "Denn jeder kommt in Situationen, in denen er sein Gewissen beschädigt, und darüber darf nicht gesprochen werden."

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Die sogenannte "Cop Culture" sei keine Kultur, "in der man alleine vor sich hin werkelt". Ganz im Gegenteil: Es handle sich um eine Kultur der Gemeinsamkeit, der Identität und der gemeinsamen Gespräche, rassistische Gedanken fielen dabei zwangsläufig auf. Doch ein "Code of Silence" verhindere, dass Kollegen verraten würden.

In letzter Zeit bekomme er Anrufe von jungen Polizisten und Studierenden, die darüber sprächen, dass sich ihre Kollegen rassistisch verhielten. Auch deswegen komme er zu dem Schluss, dass es sich nicht nur um Einzelfälle handle, sagt Behr.

Druck durch die Berufsvertretungen

Der Polizeiwissenschaftler vermutet zwei Gründe für Seehofers Kehrtwende. Einerseits sei der Gegenwind durch die Berufsvertretungen zu groß. Diese lehnten prinzipiell Studien ab, in denen es um die mögliche Täterschaft von Polizisten und die Verantwortung der Polizei gehe, erklärt der Professor.

Andererseits sei dem Minister das Thema wohl nicht wichtig genug, um sich damit zu profilieren. Auch weil momentan die Verantwortlichen davon ausgingen, dass die Polizei zu den Guten gehöre - und sich selbst reinigen könne.

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