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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.09.2013

Rasantes Roadmovie für die Ohren

Jonas Jonasson: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand", Hörspielbearbeitung

Von Sigrid Menzinger

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Schräge Story: Ein Hundertjähriger flüchtet aus dem Fenster und erlebt Abenteuer. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)
Schräge Story: Ein Hundertjähriger flüchtet aus dem Fenster und erlebt Abenteuer. (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)

Das Buch war ein Bestseller, voll tiefschwarzer Komik und ganz schön verrückt: Ein Greis flüchtet aus dem Altersheim, findet einen Koffer voll Geld und zwei Kumpane. Denen erzählt er aus seinem langen Leben als Sprengstoffexperte, der in der Weltgeschichte mitmischte. Das Ganze gibt es jetzt als Hörspiel.

Ich heiße Alan Karlsson, vor wenigen Tagen hab ich meinen einhundersten Geburtstag gefeiert, das heißt ich hätte ihn gefeiert …

… ja, wenn er sich der Tristesse im Altersheim und dem Rummel um seinen einhundertsten Geburtstag durch die Flucht aus dem Fenster und über die Stiefmütterchenrabatte nicht entzogen hätte. So nachzulesen im Buch, gleich am Anfang.

Im Hörspiel über den "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand", fehlt diese Passage, und nicht nur sie. Der Autor Heinz-Dieter Sommer - seines Zeichens Hörfunkdirektor des produzierenden HR - hat Jonassons Romantext in seine Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt. Hat zudem - als sei‘s ein documentary - nahtlos historische Originaltöne eingefügt und sich erfrischend komische Spielszenen ausgedacht:

"- Sag mal, sind Sie etwa auf der Flucht hier? Es war einfach eine weite Reise und Allan hier ist für solche Strapazen einfach zu alt.
- Ich bin gestern hundert geworden.
- Hundert? Scheiß mir doch einer drauf Das gibt's doch gar nicht. Hundert Jahre? Von mir aus können Sie bleiben. "

Allan und sein neuer Kumpel Benny sind tatsächlich auf der Flucht - vor einer Diebesbande, die ihren Drogengeld-Koffer bei Allan vermutet . Zu Recht. Und vor der Polizei:

"Montag, 2. Mai, 2005. Polizeistation Flän. Der diensthabende Polizeimeister per Fax und E-Mail: Vermisst wird der hundertjährige Allan Karlsson aus dem Altersheim Nynköping. Bekleidet ist er mit einer braunen Jacke und einer braunen Hose und braunen Pantoffeln."

Was nun drei äußerst vergnügliche Stunden lang folgt, ist ein Krimi - mit Gangstern und Fluchtautos und ein paar - eher zufälligen - Morden.
Und: Rückblenden.

"Die unglaublichen Abenteuer des Schweden Alan Karlsson- Folge zwei. Robert Oppenheimer und Präsident Harry S. Truman oder wie Alan Karlsson die Bombe erfand.

Rums. Rrrrums. Ja ich erinnere mich, Oppenheimer hat rums gesagt. None of us doubt that with divine guidance, cooperation and hard work. We shall find an adequate answer to the problems history has put before us."

Sprach Harry S. Truman. Und so geschah‘s. Der von Jugend an mit Sprengstoff aller Art bestens vertraute Allan muss bloß auf seine reichlichen Erfahrungen zurückgreifen:

"Warte nur, du Scheißfuchs. Dich krieg ich. DETONATION. Soviel zum Fuchs. Ich hatte nur eine Kleinigkeit vergessen: Neben dem Hühnerhaus hatte ich den ganzen Dynamitvorrat gelagert – KRACH."

So hat Allan auch sein kleines Häuschen mit in die Luft gejagt - und zieht fortan eine Spur der Verwüstung hinter sich her:

"Alan Karlson und sein Freund Herbert fackelten nämlich unbeabsichtigt durch den nicht sachgerechten Gebrauch einer Leuchtrakete ganz Wladiwostok ab."

Ein weiteres Beispiel: Um Winston Churchill vor einem Attentat in Teheran zu bewahren, muss dort der ganze Polizeikomplex samt kettenrauchendem Chef dran glauben, und zwar dergestalt,

"dass ich eine Kaffeetasse mit Tinte und Nitroglyzerin präpariert hatte. Sie sah ganz natürlich und harmlos aus, als der Polizeichef seine brennende Zigarette in sie hineindrückte. DETONATION."

Mit überbordender Fantasie lässt der Autor Jonas Jonasson seinen furchtlosen Protagonisten frech in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingreifen. In der Gegenwart, im Mai 2005, jedoch sind dem Greis immer noch die Geld-Koffer-Diebe auf den Fersen:

SCHEISSGERÄUSCH (Elefant scheißt).

"Sitz! Sonja Sitz! Das war also Nummer zwei."

Eine Elefantendame namens Sonia erledigt den rachsüchtigen Verbrecher Nummer zwei. Und Nummer eins ist da schon längst auf dem Weg nach Abudabi:

"Die Ladung verbreitet einen pestilenzartigen Gestank. Der zur Bewachung eingestellte Mann geht der Sache auf den Grund, findet eine Leiche und wirft sie ins Rote Meer, nachdem er zuvor Papiere, Führerschein und Geld des Toten an sich genommen hat. - Killermaschine Karlsson unterwegs - Hundertjähriger Dreifachkiller - Der Irre aus dem Altenheim - Blutspur - ein Hundertjähriger sieht rot!"

Das nenne ich mal eine rundum gelungenen witzigen und spannenden Literatur-Film für die Ohren:

"BREMSGERÄUSCH - Bremsen, Benny! Das tu ich doch! - NEIN! KRACH.
Damit wäre wohl Nummer drei erledigt."

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
Hörspielbearbeitung: Heinz-Dieter Sommer
Regie: Leonhard Koppelmann
Mit: Matthias Habich, Walter Renneisen, Charly Hübner, Marion Beckwoldt u.a.
Musik: Manfred Honetschläger und die HR-Bigband
3 CDs, circa 180 Minuten
Der Hörverlag, Hamburg 2013, 19,99 Euro

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