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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 04.11.2020

Rapper Dan WolfNeue Wege in der Erinnerungskultur

Von Clarisse Cossais und Christian W. Find

Dan Wolf performt vor jugendlichen Zuschauern. (Agnieszka Wanat)
In seinen Erinnerungsworkshops erarbeitet Dan Wolf mit Jugendlichen Performances. (Agnieszka Wanat)

Wie die Erinnerung an den Holocaust wachhalten, auch wenn es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird? Der Rapper Dan Wolf setzt dabei auf die Kunst: Er gibt Workshops für Jugendliche an Erinnerungsorten. Zum Beispiel in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück.

"Wenn du keine Erinnerungskultur hast, was versuchst du zu vergessen? Das ist zu einer großen Frage in meiner Arbeit geworden: Was versuchen wir immer zu vergessen?"  

Sommer 2019. In einem großen Raum in der Gedenkstätte Ravensbrück nördlich von Berlin. Dan Wolf begrüßt vierzig Jugendliche, die alle aus unterschiedlichen Ländern kommen. Eine Woche lang entwickeln sie mit ihm, mit Pädagoginnen, Pädagogen, Künstlerinnen und Künstlern eine Performance, die sie dann einem Publikum vorstellen. Klang, Tanz und Rap sind ihre Ausdrucksmittel. Und sie treffen Überlebende des KZ Ravensbrück, lernen sie persönlich kennen, um sich mit ihrer Geschichte und der des Ortes zu beschäftigen. Was hier geschieht, ist nicht einfach nur eine Führung durch eine Gedenkstätte.

Lange weiß Dan Wolf nichts von seinen deutschen Wurzeln

Dan Wolf ist Koordinator und künstlerischer Leiter dieses Projekts. Ein jugendlich wirkender Mann mit starker Stimme. Ein Energiebündel. Der 45-jährige US-Amerikaner lebt in San Francisco und ist Rapper. Seine Familiengeschichte hat ihre Wurzeln in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Lange Zeit wusste Dan Wolf wenig darüber. Von Vorfahren aus Deutschland und Polen hatte er gehört, aber nichts Genaueres. Erst 1999, als der Hamburger Filmemacher Jens Huckeriede auf ihn aufmerksam wurde und ihn aufsuchte, erfuhr er mehr über seine Familiengeschichte. Huckeriede, der inzwischen verstorben ist, wollte einen Film über "Die Gebrüder Wolf" machen. 

"Und ich habe dann recherchiert, dass die Gebrüder Wolf die ersten Unterhaltungsstars Hamburgs waren, die nicht nur in Hamburg bekannt waren, sondern auch ganz oft in Berlin gewesen sind und auch im Ausland aufgetreten sind. Und je mehr ich nachfragte, je mehr bekam ich die Antwort, dass niemand sich mehr an sie erinnern kann. Und das war für mich dann der Anfang dieses gesamten Projekts, ich sage das mal in dem Sinne von Joseph Beuys, eine "soziale Plastik" –  wie bringt man so vergessene, bedeutende Künstler zurück ins kollektive Gedächtnis einer Stadt?

Dabei sind die Gebrüder Wolf vor 100 Jahren in ganz Deutschland bekannt. Sie komponierten den Hamburger Gassenhauer "An de Eck steiht´n Jung mit´n Tüdelband". Die Marx Brothers aus Deutschland – unheimlich beliebt. 1938 mussten sie emigrieren. Als Juden waren sie vom NS-Regime verfolgt. Bei seiner Recherche fand Jens Huckeriede heraus, dass Leopold Wolf in San Francisco noch einen Urenkel hat: Dan Wolf.

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"Als Jens nach San Francisco kam, um mich zu treffen, da fragte er mich, ob ich wüsste, wer Ludwig Wolf war oder Leopold Wolf. Ich kannte die Namen nicht, also sagte ich, ich weiß nicht, und er fragte mich, wer die Gebrüder Wolf seien und ich sagte, keine Ahnung. Durch diese Fragen begann für mich eine ganze Reihe von Entdeckungen", sagt Dan Wolf.

"Damals war ich grade nach San Francisco gezogen, auf die eine Seite des Parks, und auf der anderen lebte meine Großmutter. Ich verbrachte viel Zeit mit ihr. Eines Tages leitete mir mein Vater eine E-Mail weiter, die meine Großmutter von diesem deutschen Filmemacher erhalten hatte. Sie sagte nur: ‘Ach was will dieser Deutsche von mir, lasst mich doch in Ruhe!‘ So war meine Großmutter, sehr direkt, was immer aus ihrem Mund rauskam, war wie ‘Tschumm‘! Und mein Vater sagte dann: ‘Dan, du bist der Künstler! Mach du das mit ihm.‘ Zur gleichen Zeit etwa gab mir mein Vater einen Brief von meinem Großvater Donat, der der Sohn von einem der Gebrüder Wolf war. Donat hatte 1977 begonnen, einen Brief an meine Schwester und mich zu schreiben, an dem Tag, als meine Schwester geboren wurde. Er beendete ihn 1984, im Jahr seines Todes. Der Brief war 42 Seiten lang, in denen er versuchte, uns seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich denke, er wusste, dass er am Ende seines Lebens war. Als ich den Brief öffnete, war das so voller Kraft für mich."
 
"An die Enkel Daniel und Jessica. Ich habe mich hingesetzt, um euch diesen Brief zu schreiben, einen Tag, nachdem Du, Jessica, geboren wurdest. Ich hoffe, dass er in eure Hände fallen wird zu einer Zeit, wenn ihr nicht nur die Worte lesen, sondern auch verstehen könnt, was ich versuche, euch zu erzählen." 

Dann die letzte Zeile. Die habe ihn zum Weinen gebracht, sagt Dan Wolf.  

"Es könnte sein, dass zu der Zeit, da ihr diesen Brief lest, dass ich, euer Großvater nicht mehr am Leben bin." 

"Hier ist der Stoff für dein nächstes Stück"

"Boah. Mein Vater sagte nur: ‚Hier ist der Stoff für dein nächstes Stück‘, als er mir den Brief gab. Ich las diese Einleitung, begann zu weinen. Wir gingen zum Abendessen und ich erinnere mich, dass ich nichts gegessen habe und wie ich nur da saß mit diesem Brief", sagt Dan Wolf.

"Weil das die erste Antwort auf meine Frage war, wer ich bin und wohin ich gehe. Und woher ich komme. 42 Seiten, auf denen er mir und meiner Schwester erzählte, wer er persönlich war. Wo er sich in Hamburg betrunken hatte, in welche Schule er dort ging, die Freundinnen und Freunde, die er in Hamburg hatte, vor dem Krieg. Der Verrat durch sie, die Freundschaft mit diesen Leuten, die nach dem Krieg abbrach, die Geschichte seiner ersten Liebe zu einem deutschen Mädchen, das er versuchte zu heiraten, und dann wurde es in einer Nazi-Zeitung veröffentlicht. Wie er sich dann in seine erste Ehefrau verliebte, die Geburt ihres Sohnes, der Tod seiner ersten Frau und des Sohnes. Dann das Treffen meiner Großeltern in Shanghai und dann die Ankunft in San Francisco."

Porträt von Dan Wolf. (Agnieszka Wanat)Der US-Amerikaner Dan Wolf lebt in San Francisco, doch seine Familiengeschichte hat ihre Wurzeln in Hamburg. (Agnieszka Wanat)
Zur selben Zeit, als Dan Wolf den Brief bekam, recherchierte Jens Huckeriede die Geschichte der Gebrüder Wolf. 

"Ich bin nach San Francisco geflogen und habe dort Dan Wolf getroffen. Und ich habe ihm erklärt, wer seine Vorfahren gewesen sind, weil er sehr wenig von seiner Geschichte wusste, und das war ziemlich interessant." 

"Ich fühlte mich etwas unsicher, ob ich zu diesem Treffen gehen und mich mit Jens befassen sollte", erinnert sich Dan.

"Mir war noch nicht bewusst, wer dieser Mann ist, der mir die Geschichte meiner Familie erzählt und der mein ganzes Leben grundsätzlich ändern würde. Der meinen Fokus bald ändern sollte auf all das, was für mich wichtig ist und wer ich als Erwachsener sein will."

"Ich weiß gar nicht, was er verstanden hat von dem, was ich erzählt habe über das Tütelbandlied und so weiter und so weiter", so Jens Huckenriede.

"Auf jeden Fall habe ich ihm gesagt, dass ich einen Film machen will, der mit Volksmusik anfängt und der dann im Hip-Hop heute endet und das fand er ganz aufregend, dann hat er erzählt, er wäre auch Hip-Hopper, gab mir eine CD und für mich hatte sich ein Kreis geschlossen."

Zwischen Wolf und dem Filmemacher springt der Funke über

"Noch zu dem Zeitpunkt wollte ich ja nur ein berühmter Schauspieler werden, ein berühmter Rapper, und so behandelte ich ihn wie einen Filmemacher, dem ich vorsprach", sagt Dan Wolf.

"Ich denke, das war es, was ihn und die Geschichte seines Films mit mir verband, denn die Gebrüder Wolf benutzten auch Rhythmus und Reime für ihre Geschichten, Freestyle mit theatralischen Mitteln, in denen sie über die Probleme und die Herausforderungen der damaligen Politik sprachen. Das war für Jens, denke ich, etwas, was die Generationen miteinander verband."

Der Funke zwischen Jens Huckeriede und Dan Wolf ist übergesprungen – und Dan setzte bald nach Hamburg über, für die Dreharbeiten zum Film "Return of the Tüdelband".

"Und dann - typisch Jens, sagte er nur: ‚Komm, wir gehen jetzt ins Museum.‘ Und ich sagte: ‚Ok, lass uns ins Museum gehen!‘ Es war das Museum für Hamburgische Geschichte. Da gab es eine Pressekonferenz mit dem Kultursenator. Ich ging da rein und dachte, das ist ein gewöhnlicher Museumsbesuch, und plötzlich waren alle so interessiert an mir und der Geschichte meiner Familie. Da wusste ich nur, das ist größer als einfach nur in die Stadt deiner Großeltern zu gehen. Da passiert mehr! Das war der Beginn meines Interesses an der Geschichte der Familie Wolf."

Dans Empathie und Energie reißen alle mit

Mittwochmorgen - Halbzeit beim einwöchigen Workshop in der Gedenkstätte Ravensbrück: Dan Wolf erklärt den Jugendlichen ein Spiel. Es geht um Aufmerksamkeit. Jeder muss jeden im Blick behalten, man klatscht sich zu und gibt das Klatschen weiter. Die Stimmung untereinander ist gut. 

Als künstlerischer Koordinator ist Dan Wolf in erster Linie für den Zusammenhalt der Gruppe verantwortlich. Die Jugendlichen sollen sich in diesen anstrengenden und emotional beladenen Tagen wohl fühlen. Er hilft bei der Entstehung der Performance, die das Ergebnis ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit diesem Ort zeigen will. An dem während des Zweiten Weltkriegs 120.00 Frauen, 20.000 Männer und 1.200 Mädchen gefangen gehalten und gepeinigt wurden. 

Es sind seine große Empathie und Energie, von der sich alle mitreißen lassen:

"Ich schaue in viele erwartungsvolle Augen, die auf mich gerichtet sind, wenn ich am ersten Tag über das Projekt spreche. Die Teilnehmenden kommen von überall her. Und ich? Ich bin einfach der verrückte Ami, der einzige US-Amerikaner im Raum und ich bin der Verantwortliche! Uhu! Sie könnten sich weigern, mitzumachen. Aber ich glaube, es ist diese Energie, die alle antreibt. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die ständig wegen Kleinigkeiten Stress machen. Ich denke, solange du nicht bequem bist und du ein Ziel vor Augen hast, geschehen die Dinge von selbst."

Gegen die Gralshüter der Erinnerungskultur

Auch Jens Huckeriede nahm sich bei der Arbeit mit den Jugendlichen immer auffallend zurück. Sein Konzept zu dieser neuen Form von Erinnerung und der persönlichen Aneignung von Geschichte entwickelte er aus seiner eigenen Beschäftigung mit der jüdischen Vergangenheit Deutschlands: 

"Ich habe 1993 eine damals 70-jährige Frau getroffen, die Tochter des letzten Rabbiners von Hamburg, Miriam Gilles-Kanebach, und habe mit ihr ein ganz bewegendes Interview geführt. Weil ich gar nicht wusste, welche Fragen ich dieser alten Frau stellen soll, deren Eltern und drei Kinder in Riga ermordet wurden. Und nach diesem Interview wurde mir eigentlich klar, was machen wir eigentlich mit der Erinnerungskultur in Deutschland, wenn diese Zeitzeugen nicht mehr da sind? Und seitdem arbeite ich eigentlich an den Formen, dass ich neue Wege suche, wie wir erinnern können. Und wo es nicht um politische Correctness geht und nicht das, was jetzt bestimmte - in Anführungsstrichen - Gralshüter, die eigentlich sagen, wie Erinnerungskultur in diesem Land laufen soll, dass man davon weggeht und ganz eigene Wege findet."

Er begann, an diesem Konzept zusammen mit Dan Wolf zu arbeiten, der jetzt öfter nach Hamburg reiste. Schließlich fuhren beide nach Neuengamme in die nahe gelegene Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers:

 "Ich kam nach Neuengamme und sah die Bäume und dachte über die Seelen der Frauen nach, die dort gewesen waren und wurde zu einem Rap inspiriert. Zu meinen Gefühlen, die ich in diesem Augenblick hatte. Ich filmte die Bäume im Wind und legte meine Stimme mit dem Wind und dem Rap darüber. Und ich denke, Jens sah, wie ich diese Idee der Erinnerung zu verkörpern begann. Noch bevor ich wirklich verstand, was das ist", sagt Dan Wolf. 

"Da wurde mir klar, welche Kraft darin steckt, wenn wir realisieren, wie wir die Vergangenheit nutzen können, um den Sinn der Gegenwart zu verstehen. Und hoffentlich hat das auch eine Zukunft. Das alles ging mir durch den Kopf, als ich hörte, was Jens wirklich meinte mit dieser neuen Form der Erinnerung. Denn er wollte für das Projekt Geld bekommen von Leuten, die meinten, dass zwischen Holocaust und Hip-Hop keine Verbindung bestehen kann."

Dan Wolf posiert vor den Teilnehmern seines Workshops. (Agnieszka Wanat)Wie sieht Erinnerungsarbeit aus, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt? Dan Wolfs Workshops geben darauf eine mögliche Antwort. (Agnieszka Wanat)
Beide nannten ihr Projekt "Sound in the Silence" und fanden 2001 mit dem Hamburger Kulturzentrum "Motte" eine Institution, unter deren Dach ihre Idee erste Formen annahm. Dessen Leiter Michael Wendt - ein enger Freund von Jens Huckeriede - war von dem Projekt ebenso überzeugt wie Griet Gäthke, eine Mitarbeiterin der Motte. Sie begann, den Kontakt mit vielen Schulen und Institutionen herzustellen, dokumentierte jeden Schritt der Arbeit und besorgte Fördermittel, was viel Überzeugungsarbeit kostete:

"Also ein Hip-Hop-Event an einer Gedenkstätte! Es gab Leute, die sofort verstanden haben, was wir wollen und dass es wichtig ist, neue Formen zu finden für die jungen Leute, um sie anzusprechen, zu interessieren. Aber gerade Historiker oder die klassischen Verbände waren erstmal ablehnend. Die haben gesagt, das können wir nicht machen, mit Kunst und dann noch mit Hip-Hop an die schwierigen Teile der Geschichte ranzugehen und dann noch an Gedenkstätten. Das war nicht vorstellbar."

Ein Hip-Hop-Event in einer KZ-Gedenkstätte

Die Verantwortlichen der Gedenkstätte Ravensbrück fanden es durchaus vorstellbar. Auch der Leiter des pädagogischen Dienstes Matthias Heyl kannte Jens Huckeriede schon aus Hamburger Zeiten: 

"Das war wirklich der Wunsch, nach einer anderen Form von Erinnerung zu suchen, nach einer Form, die auch an Grenzen geht. Aber mir war schon deutlich aus der Zusammenarbeit mit Jens Huckeriede, dass er zwar ein Grenzgänger ist, dass er aber auch immer ganz bewusst schaut, wo ein Jenseits der Grenze ist, auf das man nicht mehr gehen sollte."

Jens Huckeriede war glücklich, weitere Verbündete für seine Idee gefunden zu haben:

"Schüler lernen ja in der Schule, wie die Geschichte gewesen ist oder wie sie eben in den Büchern steht. Das kann man lesen, darüber kann man sprechen, das behält man oder auch nicht. Der wesentliche Unterschied in diesem Projekt ist, dass sie etwas emotional aufnehmen. Das nehmen sie mit, und das werden sie behalten."

2006 kam Dan Wolf das erste Mal mit seinen Rapper-Kollegen Tommy Shepherd und Mad Max in Ravensbrück zusammen, auf Einladung von Matthias Heyl.

"Ein weiterer wichtiger Moment war, als wir da in Ravensbrück in diesem Buchladen saßen, da am Eingang, wo man die Touren startet", erinnert sich Dan Wolf.

"Jens und Matthias schauten zu mir und sagten: ‚Okay, Dan starte mit deinem Hip-Hop-Workshop.‘ Tommy und Max begannen, ihre Gefühle im Rap auszudrücken. Sie sagten genau das, was ich sagen wollte. Sie wussten, was zu tun war. Ich spürte plötzlich, dass ich darüber noch nicht sprechen konnte, dass ich noch nicht die Sprache dafür hatte, aber dass ich mich hier ausdrücken könnte. Sie konnten es. Ich dachte nur, wir müssen zurückkommen und uns diesen Ort aneignen."

"Wer leiden kann und leben will, kann alles ertragen"

"Die Jugend fragt mich immer, wie kann man das überleben, und was ist meine Antwort? Wer leiden kann und leben will, kann alles ertragen. Wir müssen überleben, um der Welt zu erzählen, und die Welt zu warnen, dass so was sich nicht wiederholen kann. Wenn ich heute über Neonazis in Deutschland höre, wird mir schlecht."

Batscheva Dagan hat die Shoa überlebt. Sie war 15, als die Nazis sie aus Polen erst nach Auschwitz und dann nach Ravensbrück deportierten. Geboren in Polen, lebt die 95-Jährige heute in Israel. Sie hat sich mit ihrer Vergangenheit in vielen Büchern und Gedichten beschäftigt. 

Seit 2005 kommt Batsheva Dagan regelmäßig in die Gedenkstätte Ravensbrück, im Rahmen des Projektes "Generationenforum". Hier haben die Jugendlichen die Möglichkeit, Überlebende wie sie kennenzulernen und ihre Geschichten aus erster Hand zu erfahren. 

Porträt von Batsheva Dagan. (Picture Alliance / dpa Zentralbild / Ronny Hartmann)Die Shoah-Überlebende und Autorin Batsheva Dagan lebt heute in Israel. Bis heute besucht sie regelmäßig die Gedenkstätte Ravensbrück, um mit jungen Generationen ins Gespräch zu kommen. (Picture Alliance / dpa Zentralbild / Ronny Hartmann)
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte denken schon länger darüber nach, wie die Zukunft der Erinnerungsarbeit aussehen kann, wenn es eines Tages keine Überlebenden mehr gibt.

"Wir haben uns schwergetan, einen Ersatz für das Generationenforum zu finden mit der Überlegung, dass wir es den Überlebenden bald nicht mehr zumuten können, hierher zu kommen", sagt Matthias Heyl.

"Das war unsere Überlegung, gemeinsam mit ihnen den Übergang zu gestalten, von dem, was immer heißt, die kommunizierte Erinnerung, wo noch Überlebende erzählen, hin zur kulturellen Erinnerung, wo man versucht, kulturelle Formen der Erinnerung wachzuhalten. Und so haben wir letztes Jahr das Experiment gewagt, mit ihnen zusammen und den Künstlern um Dan Wolf herum etwas Neues zu machen."

Die Geschichten der letzten Überlebenden als Inspiration

Seit 2018 sind es die Geschichten der letzten Überlebenden, die das Generationenforum noch besuchen können, aus denen die Jugendlichen von "Sound in the Silence" ihre Inspiration schöpfen. Geschichten von Judith Varga-Hofmann aus Ungarn, Selma van de Perre aus London, Batsheva Dagan und Emmie Arbel aus Israel. Emmie Arbel wurde 1937 in Den Haag geboren und als Kind mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern nach Ravensbrück deportiert. Sie war sechs, als sie hierherkam, und acht, als sie mit ihren Verwandten nach Bergen-Belsen gebracht wurde, wo ihre Mutter 1945 kurz nach der Befreiung an Schwäche verstarb. Lange Zeit konnte sie nicht über ihre Erfahrungen im Lager sprechen, sie tut es heute mit großer Vorsicht und Bestimmtheit:

"Ich saß vorhin und habe zugeschaut, wie die Gruppe tanzte und ich habe mich gefragt, was mögen sie wohl denken, wenn sie tanzen… Und später kam ein Mädchen auf mich zu und sagte mir, es sei ihre Therapie hier. Es war, nachdem ich von meiner Geschichte erzählt hatte. Sie war sehr beeindruckt und sie sagte, dass es für sie sehr stark ist, wenn sie tanzt. Es hat mich gefreut, das zu hören."

"Ich liebe es, in der Gedenkstätte Ravensbrück zu arbeiten, weil die Türen immer offen sind", sagt Dan Wolf. "Ich möchte, dass die Jugendlichen tiefer in die Geschichte einsteigen. Wie zum Beispiel mit diesem Gedicht von Batsheva Dagan: ‚To those who hesitate to ask‘ - An die, die zögern zu fragen."

An die, die zögern zu fragen
Von Batsheva Dagan

Fragt heute,
denn heute
ist das Gestern
von morgen.

Fragt heute,
denn heute
gibt es noch Zeugen!

Fragt nochmals!
Fragt immer wieder!
Jetzt ist es Zeit!
Gestern kehrt nicht wieder.

"In dem Rap-Workshop haben wir beispielsweise mit dem Gedicht gearbeitet und einen Song daraus gemacht. Die Jugendlichen sagen uns, wie wichtig es für sie ist, dass es diesen Dialog zwischen den Generationen gibt und auch einen Dialog zwischen den verschiedenen Möglichkeiten, sich auszudrücken", erklärt Dan Wolf.

Jens Huckeriede meint: "Das Wesentliche an dieser Arbeit ist eigentlich durch diese künstlerischen Formen, dass jeder Jugendliche, je nachdem, wo er steht, einen eigenen Zugang zur Geschichte finden kann. Und sich eben dann emotional ausdrücken kann und es nicht so ein Gefälle gibt wie in theoretischen Diskussionen, wo die, die mehr wissen, eben auch mehr sagen."

Erst mit dem plötzlichen Tod von Jens Huckeriede 2013 endete ihre Zusammenarbeit. Seitdem übernimmt Dan Wolf die künstlerische Leitung und tritt in die Fußstapfen seines Mentors.

Auch in den USA wäre solche Arbeit notwendig

Generalprobe in Ravensbrück. Fünf Tage lang konnten vierzig Jugendliche an ihrer Performance arbeiten. Stiftungen und die öffentliche Hand kommen für Unterkunft, Verpflegung und Programm auf. Die Betreuung der Teilnehmenden übernimmt die Gedenkstätte. Von solchen idealen Bedingungen kann Dan Wolf für seine Arbeit in den USA nur träumen: 

"Ich habe mich gefragt, wie man diese Art von Arbeit in den USA machen könnte und habe mit anderen Gleichgesinnten geredet. Alle sagten: ‚Ja! Wenn eine Gruppe eine andere unterdrückt, brauchst du diese Art von Arbeit, die du mit Sound in the Silence machst.‘ Es gibt wohl keinen Ort auf der Welt, der dieses Projekt nicht braucht. In den USA mit all den schwarzen Communitys und den Ureinwohnern Amerikas, die immer noch durch den Kolonialismus unterdrückt werden, da gibt es noch diesen Rassismus. Die amerikanische Kultur der Ureinwohner ist in meinem Land ein Fetisch. Thanksgiving zum Beispiel ist kein friedvolles Essen, sondern die Wiederholung eines Essens, das Weiße feierten, nachdem sie die Ureinwohner abgeschlachtet hatten. Wir haben hier eine Community, die noch mitten in der Geschichte ihrer Unterdrückung steckt."

Porträt von Dan Wolf, der seine Hand in Richtung Kamera ausstreckt. (Jed Jacobsohn)Überzeugt von seinem Ansatz, aber ohne missionarischen Eifer: Die Arbeit von Dan Wolf kommt bei den Jugendlichen gut an. (Jed Jacobsohn)
Am Ende einer intensiven Arbeitswoche sitzen an einem Samstagmorgen Ende August 2019 etwa 100 Gäste in einem großen Raum in der Gedenkstätte Ravensbrück. Der pädagogische Leiter Matthias Heyl begrüßt das Publikum und übergibt das Mikro an Dan Wolf. Die Jugendlichen bilden eine Gruppe, aus der sie einzeln nach vorne kommen, um ihre Gedichte, Texten und Raps vorzutragen. Zum Beispiel Aicha:

"Ich fühle mich leer, taub, innerlich zerrissen, die Gedanken in meinem Kopf, lassen mich nicht los, ich weiß nicht, wohin mit diesem Gefühl, es ist schön hier, es ist bedrückend hier, es ist krank…"

Kunst kann die Herzen für etwas Größeres öffnen

Später ziehen sie mit dem Publikum gemeinsam über das Gelände, sie tanzen und rappen zu Klängen auf dem großen Platz vor der ehemaligen Kommandantur. 
Hannah und Rosa haben bei der Performance mitgemacht: 

"Als ich in dieses Camp kam, dachte ich, das wird bestimmt wieder so, dass ich ein paar Tage atemlos bin, und das war überhaupt nicht der Fall. Ich glaube, dass es auch dadurch ist, dass ich einen Song geschrieben habe, in dem ich die Geschichte einer Überlebenden habe, die ich singe. Dadurch konnte ich meine Gefühle zeigen", sagt Hannah.

Und Rosa meint:

"Dan ist ein sehr beeindruckender Mensch. Also er ist nicht so ein missionarischer. Aber er versucht schon alle davon zu überzeugen, warum jetzt grade Hip-Hop eine gute Idee ist, über diese, ja, Geschichten zu sprechen. Kann er schon sehr gut rüberbringen und ist auf jeden Fall davon überzeugt."

"Ich mag immer dieses Bild der 1920er-Jahre in Paris, wo all die größten Künstler an einem Tisch zusammensitzen. Ich wünsche mir immer diese Energie auch in meinem Leben", betont Dan Wolf.

"Es hat immer mit menschlicher Interaktion zu tun und damit, deine Künste dafür zu verwenden, die Herzen und Gemüter der Leute für etwas Größeres im Leben zu öffnen."

Die Mitwirkenden
Es sprachen: Maria Hartmann, Nico Holonics & die Autoren
Regie: Clarisse Cossais
Technische Realisation: Hermann Leppich
Redaktion: Susanne Arlt

 

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