Seit 18:05 Uhr Wortwechsel

Freitag, 14.12.2018
 
Seit 18:05 Uhr Wortwechsel

Fazit | Beitrag vom 30.09.2018

Ralf Ziervogel in den DeichtorhallenApokalyptische Mahlströme der Gewalt

Von Anette Schneider

Beitrag hören Podcast abonnieren
28.09.2018, Hamburg: Ralf Ziervogel, Künstler, vor seinem Bild mit dem Titel: "Then" 2015 Gouache und Tinte auf Papier, in der Ausstellung "As If" der Deichtorhallen Hamburg/Sammlung Falckenberg. Foto: Georg Wendt/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance/dpa/Georg Wendt)
Ralf Ziervogel in der Ausstellung "As If" in den Hamburger Deichtorhallen. (picture alliance/dpa/Georg Wendt)

Die Werke des Zeichners Ralf Ziervogel sind nicht eben bescheiden: Riesengroß und mit verstörenden Bilderwelten. 130 Arbeiten des Künstlers zeigen jetzt die Hamburger Deichtorhallen: Beeindruckend und gewalttätig.

Klischees halten sich hartnäckig. Erst recht, wenn sie dem Kunstbetrieb als effektvolle Werbung dienen. Im Fall von Ralf Ziervogel sind das seine bis zu sieben Meter großen Zeichnungen, die aus tausenden winziger comic-artiger Figuren bestehen, die sich mit allen Mitteln des Trash und der Wirklichkeit zerfleischen, zerstückeln und in die Luft jagen.

Und "Zack!" - hatte der 43 jährige Künstler damit das erste Klischee am Hals.

Ralf Ziervogel: "Mit dem Klischee meine ich einfach, dass ich immer irgendwie über das Klischee stolpere, dass das ja eigentlich so eine testosteronverseuchte Kunst ist, die ich machen würde."

Aufräumen mit Klischees

Damit räumt Ziervogel jetzt auf. Vier große Fabriketagen sind ein idealer Ort für seine kleinen und metergroßen Zeichnungen und Gouachen sowie einige Installationen. Eine kleinformatige Gouache-Serie etwa zeigt nichts als unterschiedliche Formationen von Fingerabdrücken, wie wir sie auf einem Smartphone hinterlassen. Statt "individueller" Fingerabdrücke, gibt es nur noch fremdbestimmte.

Eine überlebensgroße Serie schemenhafter Körperabdrucksbilder thematisiert auf berührende Weise Vergänglichkeit. Und zwischendurch steht hier und da eine absurde Installationen - etwa ein gerupftes Huhn, das auf einem Kinder-Scateboard in einen Mehlberg fährt.

"'All in' heißt das Konzept. Nee, aber tatsächlich irgendwie so ist es super, dass es überhaupt gar kein Geheimnis gibt. Dass ich tatsächlich - natürlich nicht alle - aber viele Arbeiten zeige, und es keinen großartigen Verschleiß gibt, also keine Arbeiten, die wirklich im Lager wieder verschwinden."

28.09.2018, Hamburg: Eine Frau geht in der Ausstellung "As If" des Künstlers Ralf Ziervogel in der Deichtorhallen Hamburg/Sammlung Falckenberg an den beiden Bildern mit dem Titel: "untitled" 2012, Tinte auf Papier, vorbei. Foto: Georg Wendt/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance/dpa/Georg Wendt)Werke Ziervogels in der Ausstellung "As If" in den Hamburger Deichtorhallen. (picture alliance/dpa/Georg Wendt)
Viele Arbeiten Ziervogels ziehen durch ihre formale Ästhetik unmittelbar in den Bann. Auf einem großen Blatt etwa reihen sich sehr elegante, an Keilschrift erinnernde Zeichen aneinander. Erst einen Moment später erkennt man: Es könnten auch Strichmännchen sein - ineinander verhakt, übereinander herfallend, sich prügelnd - und damit eine abstrahierte Variante seiner barbarisch agierenden Comic-Figuren.

Die Welt, die uns täglich um die Ohren fliegt

Die locken auf jedem Stockwerk: Von weitem abstrakt-ornamentale Muster, muss man ganz nah an sie herantreten, bis sich diese Muster als apokalyptische Mahlströme der Gewalt entpuppen, als die Welt, die uns täglich um die Ohren fliegt. Bestehend aus tausenden winziger, messerscharf gezeichneter Figuren, für die Ziervogel Tag für Tag stundenlang am Boden auf dem Papier kauert.

"Es ist eine bestimmte Uhrzeit am Tag, in der ich völlig wach bin. Und das merke ich auch tatsächlich immer im Anschluss darauf. Wenn ich am nächsten Tag wieder an eine Arbeit rangehe, die ich am Vortag ja so gut wie nie zu Ende gemacht habe, weil es ja sehr oft große Blätter sind, die tatsächlich über Monate reifen, dann merke ich schon, dass meine Anstrengung oder meine Energie, die ich dort reingesetzt habe, die richtige war."

Tablets und Smartphones, die uns blöd machen

Männer, Frauen und Monster explodieren, sie zerfetzen und zerstümmeln einander. Sie stürzen in das Nichts des weißen Bildraums, umschwirrt und malträtiert von Versatzstücken unserer Zeit: von Waffen natürlich, vor allem aber von Notebooks, Tablets und Smartphones, die unser eigenes Denken zerstören, uns blöd machen können, dumpf und süchtig nach mehr.

Also fliegen auch Drogenspritzen über die Bildflächen oder stecken den Figuren in Fußsohlen und Köpfen. Und Politiker, die im Minutentakt Tweets absetzen, anstatt im Interesse der Menschen Politik zu machen, verwandelt Ziervogel schon mal in kriechende, fremdbestimmte Affen, denen ein Handy in der Schädeldecke steckt, und...

"... wo der Vogel in diesem Fall tatsächlich aus dem Mund rausschreit, aus dem Affen heraus, während der von zwei Messern von hinten an den Knochen gelenkt wird."

Unter der Oberfläche lauert die Gewalt

Die ebenso verstörende wie faszinierende Ausstellung zeigt, wie verharmlosend es ist, Ziervogels Werk auf "Testosteron gesteuerte Comics" zu reduzieren. Denn ob in den Fingerprints, der Keilschrift oder den Figurenbildern - stets lauert hinter den schönen Oberflächen die Gewalt unserer Zeit. Treffend heißt die Ausstellung "As If" - "als ob":

"Wenn man so tut als ob - wie bei Oskar Wilde, wenn man sich eine Maske aufsetzt -, dann würde man eher zur absoluten Wahrheit tendieren, so ähnlich wie wenn man sich unter Alkohol setzt wahrscheinlich."

Kurz vor der Französischen Revolution beschrieb Choderlos Laclos in seinen Roman "Gefährlichen Liebschaften" drastisch die Verrohung und den Zynismus der herrschenden Klasse, um so zum Widerstand gegen sie aufzurufen. Ähnlich wirkt Ziervogels Arbeit: In einer Art "dunkler Aufklärung" knallt er uns wieder und wieder den herrschenden Dreck um die Ohren. Seine formal ästhetischen Oberflächen offenbaren sich dabei für den, der genau hinsieht, als Lüge, als Ausdruck herrschender Antiaufklärung, Verrohung und Gewalt, denen nur beizukommen ist durch Vernunft, Aufklärung und Handeln.

"As If", Zeichnungen von Ralf Ziervogel, bis 27. Januar 2019 in den Phönixhallen der Deichtorhallen in Hamburg.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsTheater ist zum Zerfleischen da
Leander Haußmann in einer Szene auf der Bühne.  (dpa / Jens Kalaene)

Intendant sei ein Scheiß-Beruf, erklärt Regisseur Leander Haußmann in der Süddeutschen Zeitung, auf die Frage, ob er nicht die Berliner Volksbühne leiten möchte. Mit 59 Jahren sei er zu alt. Daran sollten sich lieber junge Regietalente abarbeiten.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur