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Lesart | Beitrag vom 28.05.2019

Ralf König: "Stehaufmännchen"Kulturpessimistische Alpha-Affen sitzen auf den Bäumen

Von Dirk Fuhrig

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"Stehaufmännchen" von Ralf König (Rowohlt Verlag/imago images/Westend61/Fotofeeling)
„Stehaufmännchen“ beschreibt den Drang der Menschheit, immer mehr zu wollen. (Rowohlt Verlag/imago images/Westend61/Fotofeeling)

Ralf König ist einer der bekanntesten schwulen Comic-Zeichner. Sein neuer Band "Stehaufmännchen" beschwört das Idyll eines Lebens im Einklang mit der Natur. Ein "echter König" - auch wenn der Zeichner schon mal wagemutiger war.

Wären wir doch nur auf den Bäumen geblieben! – Dann wären wir Menschen noch Affen, die friedlich in den Ästen schaukeln, Blätter kauen und zwischendurch nach Herzenslust Liebe machen.

Ralf Königs neuer Band "Stehaufmännchen" beschwört das Idyll eines Lebens im Einklang mit der Natur. Das Elend begann damit, dass der Menschen-Affe sich zum "homo erectus" erhob, also vom Vier- zum Zweibeiner wurde. Angetrieben von einem charismatischen, gut und "geil" aussehenden Anführer, der das selbstzufriedene Rudel mit Zukunftsvisionen aus der Ruhe bringt. Alle folgen ihm, weil er die dicksten Hoden und die größte Klappe hat.

Die Folgen: Abgrenzung von anderen Rudeln, Krieg, Nationalismus, Umweltzerstörung, die Mutation zum Fleischfresser und die Ablösung der ursprünglich promisken Homo-Sexualität durch die heterosexuelle Fortpflanzungsgemeinschaft, sprich: Ehe und Kleinfamilie.

König als Seismograph der liberalen Gesellschaft

Ralf König ist einer der weltweit bekanntesten schwulen Comic-Zeichner. Mit heiteren Szenen aus dem mitunter bizarren Seelen- und Liebesleben der Homosexuellen hat er sich in den vergangenen fast 40 Jahren seinen Namen als Seismograph der modernen, liberalen Gesellschaft gemacht, in der sexuelle Minderheiten stetig mehr öffentliche Anerkennung und Akzeptanz erlebt haben.

Gingen früher noch bayerische Politiker gegen scheinbar allzu offenherzige Männer-Darstellungen und sexuelle Praktiken vor, sind es heute gelegentlich vorgeblich fortschrittliche Feministinnen, die über die freizügigen, oft in karikierender Absicht besonders groß gezeichneten männlichen Glieder protestieren.

Die neue Prüderie braucht sich bei "Stehaufmännchen" keine Sorgen zu machen. Königs Menschenaffen-Szenario ist weder textlich noch zeichnerisch besonders provokativ. In dieser Hinsicht ist das Werk des 59-Jährigen ein Album für die ganze Familie. Ohnehin sind Ralf Königs Comics seit langem weit über die schwule Szene hinaus beliebt.

Dem Zeitgeist gemäß finden sich im Rudel der Menschenaffen sehr aufmüpfige Weibchen, die das aggressive Gehabe der Alpha-Tiere gehörig in Frage stellen. Mit der weiblichen Macht hatte König sich auch bereits in seinem herrlichen Frühwerk "Lysistrata" (1987) auseinander gesetzt.

Wie immer, klug und witzig

"Stehaufmännchen" beschreibt den Drang der Menschheit, immer mehr zu wollen, immer schneller und immer weiter zu gehen. Der Fortschrittsideologie von der ständigen technischen, gesellschaftlichen Innovation, zeichnerisch verkörpert durch den Macho-Affen Erec, stellt König die faulen "Kulturpessimisten" gegenüber, die alles beim Alten lassen – und lieber gemütlich Sex statt Krieg machen wollen.

Königs Buch ist, wie immer, klug und witzig. Graphisch ist es meisterhaft, wie von ihm zu erwarten: Die dicken Nasen, die glasigen Männeraugen, aus denen die Geilheit springt, die liebevoll gezeichneten Geschlechtsteile. Auffallend ist diesmal, wie schön er nicht nur Menschen karikieren kann, sondern auch Tiere: Seine Savanne ist bevölkert von eleganten Giraffen, majestätischen Säbelzahntigern und niedlichen Antilopen.

Das Covermotiv des neuen Buchs "Stehaufmännchen" von Ralf König zeigt in überzeichneter Form einen Menschenaffen mit Stein und brennendem Ast in der Hand. Im Hintergrund sitzen auf einem Blaum kleinere menschenartige Geschöpfe in typischer Ralf-König Anmutung. (Rowohlt/Ralf König (Ausschnitt))Das Covermotiv des neuen Buchs "Stehaufmännchen" von Ralf König. (Rowohlt/Ralf König (Ausschnitt))

Ein "echter König" also, auch wenn die Story etwas schwach wirkt. Das Szenario, in dem die Mechanismen der Evolution nachvollzogen werden, entwickelt keinen rechten Schwung, bleibt etwas allgemein und zerfasert, trotz des Rahmens, in dem ein kleinbürgerliches Ehepaar aus Duisburg auf Safari eine Rolle spielt. Ein heitere Lektüre, ohne Zweifel. Aber man hat Ralf König schon pointierter, wagemutiger – frecher erlebt.

Ralf König: "Stehaufmännchen"
Rowohlt Verlag, Hamburg 2019
192 Seiten, 24 Euro

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