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Fazit | Beitrag vom 19.07.2019

Ragnar Kjartansson Ausstellung in StuttgartVergiftete Liebenswürdigkeiten

Von Rudolf Schmitz

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Ein Sänger mit Band vor rosa Vorhang. (Rafael Pinho / Kunstmuseum Stuttgart)
Immer wieder die gleiche Zeile singen: "God, 2007". (Rafael Pinho / Kunstmuseum Stuttgart)

Melancholie, Liebe, Sehnsucht: Der isländische Künstler Ragnar Kjartansson wirkt wie ein Romantiker des 19. Jahrhunderts, wären da nicht die Ironie, die Persiflage, die ständige Wiederholung. Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt eine umfangreiche Werkschau.

Noch während des Kunststudiums in Reykjavik inszeniert Ragnar Kjartansson sein erstes Video. Er steht mit seiner Mutter im elterlichen Wohnzimmer vor einer Bücherwand, seine Mutter spuckt ihm vor laufender Kamera wiederholt ins Gesicht, der Künstler quittiert es zunächst stoisch, dann zunehmend irritiert und um Haltung bemüht.

Alle fünf Jahre wiederholt Ragnar Kjartansson dieses Video, im gleichen Setting, macht eine Serie daraus. Die Protagonisten werden älter, die Aggression bleibt.

"Die Beziehung zu meiner Mutter ist kompliziert, wie man sehen kann. Aber ich liebe sie sehr und sie mich ebenfalls. Es ist, wie in jeder Eltern-Kind-Beziehung, immer kompliziert und immer voller Liebe", so Kjartansson.

Eine alte Frau spuckt einem jungen Mann ins Gesicht. (Ragnar Kjartansson / Kunstmuesum Stuttgart)"Me and My Mother 2015", in der der Serie lässt sich der Kjartansson immer wieder von seiner Mutter ins Gesicht spucken und filmt sich dabei. (Ragnar Kjartansson / Kunstmuesum Stuttgart)
Und dann mimt der Künstler den typischen Jazzsänger der 1950er Jahre. Begleitet von einem Jazzorchester, singt er immer wieder die Zeile "Sorrow conquers happiness"; "Der Kummer überwindet das Glück". 30 Minuten lang. Die Stimme wird brüchig, die Musiker bemühen sich verzweifelt, ein bisschen Variation ins Spiel zu bringen. 

Die Kunst der ständigen Wiederholung

"Ja, er ist in einer Theaterfamilie aufgewachsen, seine Mutter ist eine sehr bekannte isländische Schauspielerin, sein Vater ist Schauspieler und Autor, und er hat seine Kindheit hinter den Kulissen des Stadttheaters von Rejkjavik verbracht, und hat die ganzen Proben mitbekommen und alles, was er dort gesehen und erlebt hat, hat ihn sehr geprägt", sagt Ulrike Groos, Direktorin des Stuttgarter Kunstmuseums.

Sie meint damit die Wiederholungen, die Konzentration auf die eine Geste oder Szene, in extremer Verlangsamung immer wieder betrachtet.

In der Videoinstallation "Scenes from Western Culture" zeigt der Künstler stereotype Motive unseres westlichen Alltags: das Paar im französischen Bistro, die Bahnen ziehende Frau im Swimmingpool. Fast schmerzlich langweilig, aber so großartig arrangiert und gefilmt, dass man den Blick kaum lösen kann. Ragnar Kjartansson:

"Ich interessiere mich schon immer für Klischees. Wie es ein Freund so großartig formulierte: Das Klischee ist der ultimative Ausdruck. Ich habe in der Werbung gearbeitet und dort hieß es immer: Denke außerhalb der Schublade. Aber ich finde es interessanter, innerhalb der Schublade zu denken. Mein Thema sind die normalen, die anständigen Wünsche. Dieses Verlangen nach Wohlanständigkeit in der westlichen Kultur."

Verstörnde Installationen

Ragnar Kjartansson verabreicht seine Pralinés mit äußerster Liebenswürdigkeit. Erst beim längeren Verkosten merkt man das Arsen, das er reingemischt hat. Wenn da plötzlich in der Videoinstallation ein schwedisches Sommerhaus in Flammen aufgeht. Oder die Überreste einer Theaterloge zu sehen sind, als dramatisch lächerlicher Schutthaufen.

"Es war eine Loge, die Hitler sich 1941 im Admiralspalast in Berlin hat bauen lassen. Und im Rahmen von Umbaumaßnahmen in den 2000er Jahren gab's eine Investorengruppe, zu der auch der isländische Popstar Helgi Björnsson gehörte, der kennt Ragnar Kjartansson, die kamen ins Gespräch und irgendwann sagte Helgi zu Ragnar: Da gibt’s so eine Kiste mit Trümmern von Hitlers Loge. Und da hat Ragnar gesagt: Die möchte ich haben", so Ulrike Groos.

Und dann ist da noch die in Weiß gekleidete Dame mit der blutigen Wunde, die regungslos am Boden liegt, und, allmählich von rieselndem Kunstschnee zugedeckt, zu sterben scheint. Eine Schauspielerin. Alle zwei Stunden wird sie ausgewechselt, bekommt per Spritze frisches Kunstblut aufs Kleid. Eine neue Arbeit, extra fürs Kunstmuseum Stuttgart. Inspiriert von der Duellszene aus einem Puschkin-Roman. Muss man aber nicht wissen. Ist auch so großartig. Wie viele dieser Momente von Liebe, Sehnsucht, Trauer, Banalität, die der Film- und Performancekünstler aus Island bis zur schmerzenden Deutlichkeit zelebriert.

"Ragnar Kjartansson. Scheize - Liebe - Sehnsucht"
20. Juli 2019 - 20. Oktober 2019
Kunstmuseum Stuttgart

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