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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.01.2011

Raffiniert komponierte Kriminalgeschichten

Gilbert Keith Chesterton: "Der Club für bizarre Berufe", Elsinor Verlag, Coesfeld 2011, 160 Seiten

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Schauplatz der Geschichten ist das London des späten 19. Jahrhunderts. (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)
Schauplatz der Geschichten ist das London des späten 19. Jahrhunderts. (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)

Ein Richter gibt sein Amt auf und privatisiert fortan als Gelehrter, Mystiker – und als Detektiv. Dabei bekommt er es bald mit einem außergewöhnlichen Verbrecher-Club zu tun. Chestertons Kurzgeschichtenserie ist ein Kleinod an ausgefeilter Komik und Fantastik.

Gilbert Keith Chesterton (1874-1936) ist hierzulande bekannt für seine Father Brown-Krimis, abwegig verfilmt mit Heinz Rühmann, in denen sich auf unnachahmliche Weise britischer Humor, beißende Fortschrittskritik und warmherziger Gottesglaube zu Klassikern der Kriminalliteratur vereinen. Chesterton, Illustrator, Journalist, Dichter und Romancier, war anti-modern.

Von Militärtechnik über den Kolonialismus bis hin zu den Vorboten der Nazi-Ideologie, etwa zur Euthanasie – all diese Themen trieben ihn als Autor zahlloser Kolumnen und Feuilletons um. Als Literat spielt er oft mit den Grenzen des Fantastischen. 1922 konvertierte er zum Katholizismus und wurde postum vom Papst mit der Auszeichnung "defendor fidei", Verteidiger des Glaubens, geehrt.

Seine Kurzgeschichtenserie "Der Club der bizarren Berufe" von 1904 als Vorstufe zur Father Brown-Konstellation zu verstehen, hieße sie unterschätzen. Sie sind ein Kleinod an ausgefeilter Komik und Fantastik und verfügen mit dem ehemaligen Richter Basil Grant über eine Hauptfigur, die gewiss zu weiteren Geschichten inspiriert hätte, wäre nicht irgendwann Father Brown erdacht worden.

Der Richter ist im Amte übergeschnappt – jedenfalls sieht die spirituelle Veränderung, die in Grant vor sich geht, von außen betrachtet wie Wahnsinn aus. Eines Tages äußert er während einer Verhandlung nur noch unsinnige Laute, nicht ohne allen Anwesenden moralische Ermahnungen mit auf den Weg zu geben. Anschließend zieht er sich von allen öffentlichen Ämtern zurück und privatisiert als Gelehrter, Mystiker – und als Detektiv. Man muss Chestertons Schreibtechnik als postmodern avant la lettre verstehen, denn die Gattung wird durch eine ausführliche Conan Doyle-Kritik zu Beginn der Geschichten ironisiert.

Der Club für bizarre Berufe nimmt nur Mitglieder auf, die einen Beruf erfunden haben, den es noch nicht gab, die diesen ausüben und dazu noch den Lebensunterhalt damit verdienen. Alle "Verbrecher" entpuppen sich als Mitglieder dieses Clubs – und jede Geschichte stellt einen dieser wahrhaft erstaunlichen Gelderwerbe nach.

So gibt es in der zweiten Geschichte etwa einen mietbaren Schlagfertigkeits-Vermittler. Das bedeutet, dass ein gemieteter Schauspieler bei einem Salon dem Auftraggeber Stichworte oder dumme Bemerkungen gibt, so dass dieser ihn mit vorbereiteten Schlagfertigkeiten wirkungsvoll übertrumpfen kann. Dieser Unternehmung kommt nun Grant auf die Schliche – so dass am Schluss auch dieser Erzählung die Auflösung einer Krimihandlung ohne Verbrechen ist – Chestertons Spezialität.

Die Geschichten sind raffiniert komponiert, so dass sich am Ende alle in einen Kreis fügen. Nicht zuletzt hat der Leser die Möglichkeit, mit den Protagonisten durch das London des späten 19. Jahrhunderts zu spazieren.

Dem Coesfelder Elsinor Verlag ist diese gelungene Edition zu verdanken, der seit einigen Jahren eine Reihe von Chesterton-Werken herausgibt, sowie dem Übersetzer Jakob Vandenberg eine überzeugende deutsche Chesterton-Version, in der er das Cockney aus dem Original kurzerhand durchs Berlinerische ersetzt.

Besprochen von Marius Meller

Gilbert Keith Chesterton: Der Club für bizarre Berufe
Elsinor Verlag, Coesfeld 2011
160 Seiten, 14,80 Euro

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