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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.08.2012

Räuber an der Rampe

Antú Romero Nunes inszeniert "Die Räuber" am Maxim Gorki Theater in Berlin

Von Hartmut Krug

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"Die Räuber" sind das wohl meistgespielte Schiller-Stück. Und immer wieder haben Theatermacher versucht, den Konflikt der beiden Brüder Franz und Karl Moor aus heutiger Sicht zu interpretieren. Am Maxim Gorki Theater treten sie nun, auf leerer Bühne, in einen Dialog mit dem Publikum.

Viele Regisseure haben versucht, dem Aufbegehren von Karl und seiner Räuberbande einen heutigen Hintergrund zu geben. Schillers Räuber durften sich austoben in unterschiedlichsten sozialen und politischen Ungerechtigkeitssphären. Sie konnten sich gegen ihre Pubertät wehren, mit der Studentenbewegung denken, mit der RAF aufbegehren und schließlich sogar auf dem Mond landen.

Der 28jährige Regisseur Antú Romero Nunes aber sucht nicht nach einer aktuellen Definition des Revolutionsbegriffes für Schillers Stück, sondern befragt die Figuren des Stücks direkt. Nicht, indem er psychologische Charakterbilder entwirft, sondern, indem er sie in Erkenntnisdialoge mit sich und mit dem Publikum verwickelt.

Alles beginnt mit Franz. Der tritt, ganz in Schwarz mit Gehrock und Galoschen, an die Rampe vor das Publikum auf offener, leerer Bühne. "Ist Euch auch wohl", fragt er mit Schiller nicht seinen Vater, sondern das Publikum, das er in die Rolle des Vaters verweist. Und dann spielt er sich ganz allein, eine volle Stunde lang, durch Texte und Szenen des Stückes. Wenn er den Vater im Dialog mit Franz zeigt, wendet er dem Publikum den Rücken zu und macht den Alten mit greinender Diktion zum tapprigen Greis. Unentwegt zitiert er komisch wirkende, konventionelle Spielweisen.

Der junge Paul Schröder springt in seine Rolle, tritt aus ihr heraus und kommentiert, zitiert und spielt die anderen Figuren an. Wie er diesen Franz zum sophistischen Gedankenspieler werden lässt, der nach seinen Schranken und Entgrenzungen sowie nach Darstellungsmöglichkeiten sucht, das ist ein furioses und immer wieder urkomisches Spiel von mimisch-gestischer und körperlicher Beweglichkeit.

Nach ihm gehört allein Amalia die Szene. Wie bei Schiller bekommt sie nur wenig Raum. Aenne Schwarz streift als liebessehnsüchtige Amalia bald ihre körperlange schwarze Kleiderhülle ab und steht im purpurblauen Abendkleid da. Sie singt ein Liebeslied, durchfühlt die heroische Liebesgeschichte von Hector und Andromache und erzählt bewundernd von Karls Heldentum als Fahnenträger im Krieg.

Wenn nach ihrem Abgang das Saallicht angeht, glaubt das Publikum an eine Pause. Doch da bricht eine mächtige Knallerei los, - Theaterfeuer, sagt Franz Klammer als Karl, der aus Rauchschwaden an die Rampe tritt. Karl, der zum Räuberhauptmann wird, wird von Klammer als selbstreflexiver Entertainer gegeben. Dabei zitiert er andere Schauspieler und Inszenierungen, dann wieder sagt aber er wie seine Kollegen gelegentlich Schillersche Szenen an.

Wer allerdings seinen Schiller nicht kennt, der versteht in dieser Inszenierung die Geschichte nur schwer und hat bei den ironischen Anspielungen nur das halbe Vergnügen. Denn Klammer fragt in seiner gagreichen Performance: Wie kann man Schiller heute spielen und (nach)empfinden.

Wenn sich Karl als schließlich als Krieger darstellt, steht ein Kapuzen-Chor im Zuschauerraum auf und begibt sich als Räuberbande auf die Bühne. Doch am Ende ist Karl wieder ganz allein. Räuber, gegeben als drei Monologe in zweieinhalb pausenlosen Stunden ergeben ein unterhaltsames, hochintelligentes und einfallsreiches Theaterbefragungsspiel. Das Publikum war begeistert. Zu Recht.

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