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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 09.10.2011

Rätselhafte Liebe

Neuer Film mit Juliette Binoche kommt in die Kinos

Jörg Taszman im Gespräch mit Ulrike Timm

Szene aus dem Film: "Die Liebesfälscher" (picture alliance / dpa / Alamode Film)
Szene aus dem Film: "Die Liebesfälscher" (picture alliance / dpa / Alamode Film)

"Die Liebesfälscher" handelt von einem britischen Autor und einer französischen Kunstexpertin, die in der Toskana aufeinandertreffen. "Es ist ein Film, der Fragen stellt nach der Liebe und dem Unterschied zwischen Männern und Frauen", sagt die Hauptdarstellerin Juliette Binoche.

Ulrike Timm: "Die Liebesfälscher" von Abbas Kiarostami mit Juliette Binoche in der Hauptrolle kommt am Donnerstag in unsere Kinos und mein Kollege Jörg Taszman hatte die Gelegenheit, mit Juliette Binoche zu sprechen, das dürfte dann doch zu den aufregenderen Erlebnissen im Leben eines Filmjournalisten gehören! Jörg Taszman, Juliette Binoche, einer der wenigen wirklichen Stars des europäischen Kinos seit fast 30 Jahren: "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", "Die Liebenden von Pont-Neuf", "Der englische Patient", um nur ein paar Filme zu nennen, und jetzt eben "Die Liebesfälscher". Hat der Filmstar Juliette Binoche es Ihnen leicht oder schwer gemacht im Gespräch?

Jörg Taszman: Ach, sie hat es mir nicht schwer gemacht. Sie ist hoch professionell, sie ist aber auch sehr schnell sehr sympathisch und ich glaube, sie wartet erst mal so ein bisschen ab, was da kommt, wie so die Fragen sind. Und wenn sie die Fragen dann einigermaßen passabel findet, dann geht sie auch sehr schnell aus sich heraus und redet dann einfach auch sehr gerne mit einem, aber natürlich in erster Linie über ihre Arbeit, das ist etwas, worüber sie wirklich gerne bereit ist zu reden. Und insofern hat sie es mir nicht schwer gemacht.

Timm: "Die Liebesfälscher" ist ein Film, wo man nie so recht weiß: Wer spielt da, wer flirtet, wer lügt wirklich, daher auch der Titel. Wie hat sie zu diesem Film gestanden, was haben Sie darüber erfahren?

Taszman: Na, im Original heißt ja dieser Film "Copie conforme", also das könnte man übersetzen mit "Eine anerkannte oder eine akzeptierte Kopie". Der deutsche Verleih hat aber was ganz Hübsches daraus gemacht, nämlich mit diesen "Liebesfälschern" liegt er gar nicht so falsch, weil man ja nie genau weiß, spielen die beiden jetzt ein Ehepaar oder sind sie ein Ehepaar? Und da habe ich natürlich auch Juliette Binoche gefragt, was da ihre Interpretation wäre?

O-Ton Juliette Binoche: Wir haben nicht versucht, das Rätsel zu lösen. Die Wahrheit des Augenblicks soll beim Zuschauer eine Überraschung auslösen und ich werde es Ihnen jetzt auch nicht verraten. Aber es ist auch gar nicht so wichtig zu wissen, ob die beiden nun ein Paar sind oder nicht, sondern es geht um das Bedürfnis dieser Frau, geliebt zu werden und, ja, zu heiraten. Es ist ein Film, der sein Geheimnis bewahrt, der Fragen stellt nach der Liebe und dem Unterschied zwischen Männern und Frauen. Gibt es dieses Zusammensein überhaupt oder ist das nur eine Erfindung des Menschen?

Auch wenn wir unterschiedlich sind, verschiedenen Geschlechtern angehören, so erscheint mir das Leben zu zweit nicht immer einfach und notwendig oder natürlich zu sein. Wir gehen ja individuelle und unabhängige Wege, die sich stark von den Wegen des anderen unterscheiden, und daraus ergibt sich die zentrale Frage der Liebe: Was genau macht es aus, dass man zusammenleben kann?

Timm: Juliette Binoche über ihre Rolle in "Die Liebesfälscher". Herr Taszman, nun ist das ja eine ungewöhnliche Kombination: Abbas Kiarostami, der Iraner, der eigentlich immer zu Hause gedreht hat, gerne mit Kindern, gerne mit Laien, plötzlich mit Juliette Binoche, einem internationalen Superstar. Wie kam es dazu?

Taszman: Also, er gehört ja zu den iranischen Regisseuren, die auch wirklich reisen mit ihren Filmen. Er ist relativ weltgewandt, er spricht gutes Englisch, da gibt es ja andere iranische Regisseure, die nur mit Dolmetscher zum Beispiel öffentlich auftreten. Und wenn man dann viel auf diesem Festivalzirkus herumkommt, lernt man eben auch Leute kennen. Und so haben sich Juliette Binoche und Kiarostami einfach kennengelernt, öfter sind sie sich mal über den Weg gelaufen. Das führte dann eben sogar dazu, dass Juliette Binoche ihn im Iran besucht hat.

O-Ton Binoche: Ich war nicht in Teheran, um mit Abbas über den Film zu reden. Wir hatten damals kein gemeinsames Projekt. Ich mochte ihn gern, wir waren uns bei Festivals schon öfter begegnet und ich war neugierig auf den Iran, weil man immer von einem so brutalen Land sprach. Da wollte ich mit eigenen Augen sehen, was dort los ist. Abbas sagte mir dann öfter, komm doch einfach mal! Und dann bin ich schließlich tatsächlich hingeflogen. Eines Abends erzählte er mir dann diese Geschichte, die ihm in der Toskana passiert war, und am Ende seiner Erzählung fragte er mich: Glaubst du mir das? Und ich sagte: Ja, natürlich! Und er erwiderte: Siehst du, aber die Geschichte stimmt nicht! – Da musste ich lachen und so wurde dann langsam ein Film daraus.

Timm: Juliette Binoche, Jörg Taszman, hat ja immer was ganz Natürliches, was sehr Weibliches, Sensibles in ihren Filmen. Sie hat seit 30 Jahren gespielt und ist zu Beginn oft in die Extreme gegangen im Ausdruck. Wie sieht sie denn selber ihre Entwicklung als Schauspielerin in dieser langen Filmkarriere?

Taszman: Sie hat als wirklich sehr, sehr junge Frau angefangen, Kino zu machen, ich glaube, da war sie noch nicht mal 18. Und in ihren ersten Filmen hat sie kleine Rollen gespielt wie bei Jean-Luc Godard beispielsweise, war sie wirklich nur ein paar Minuten auf der Leinwand zu sehen. Richtig groß heraus kam sie mit einem Film von Léos Carax, der auf Deutsch "Die Nacht ist jung" heißt, "Mauvais sang" auf Französisch, wo übrigens die damals 16-jährige Julie Delpy auch ihr Debüt gegeben hat. Und da wurde man dann in Frankreich auf sie dann schon sehr, sehr aufmerksam.

Und mit Léos Carax war sie dann auch persönlich zusammen und der hat dann so einen megalomanischen Film gedreht, nämlich "Die Liebenden von Pont-Neuf". Das sieht man dem Film heutzutage nicht mehr an, aber dafür ist der Pont-Neuf gesperrt worden wochenlang, dann sind Produzenten pleitegegangen, insgesamt haben sich die Dreharbeiten und die Fertigstellung über drei Jahre lang hingezogen, und da ist sie schon an Grenzen gegangen. Und da habe ich sie schon gefragt, wie viel sie wirklich von sich einbringt, wenn sie dreht.

O-Ton Binoche: Man muss etwas von sich geben, vom Leben, vom Herzen, dem eigenen Atem. Manchmal, wenn ich eine Szene spiele, bin ich selber überrascht, wie ich das spiele, weil ich es mir vorher anders vorgestellt habe. Das sind dann die Momente, in denen ich am glücklichsten bin. Ein Film muss dich auch als Schauspieler verändern. Wenn man kreativ ist, sollte man den Mut haben, sich zu verlieren, sich ganz hinzugeben. Zu Beginn meiner Karriere wäre ich für eine Rolle gestorben, das war Teil der Herausforderung. Aber heute, nein! Ich sterbe nicht mehr für eine Rolle. Das musste ich lernen, nachdem ich einige Schwierigkeiten bei Dreharbeiten hatte, wo man sich zwischen dem Leben und der Kunst entscheiden musste. Man stellt sich ja in den Dienst einer Geschichte, einer Rolle, einer Vision und der Kunst. Aber das sollte schon alles im Rahmen bleiben.

Timm: Juliette Binoche, zum einen natürlich eine französische Schauspielerin par excellence, zum anderen eine der ganz wenigen, die auf Englisch drehen können, die die Sprache so beherrscht, dass sie eben englische Filme auch drehen kann. Wie sieht sie das, so international zu spielen?

Taszman: Ihre erste Rolle bekam sie mit 23, da hat sie in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" gespielt und da ist sie erst zwei Wochen vor Drehbeginn gecastet worden. Also, sie ist da einfach so reingeworfen worden und musste dann eben diese Teresa spielen, die auch, in dem Fall hatte man sich dafür entschieden, damit das authentischer wirkt, dass die alle mit einem tschechischen Akzent Englisch reden sollten, weil es war nicht möglich, diesen Film eben auf Tschechisch zu drehen. Man darf auch nicht vergessen, der Film ist 88 entstanden, also noch bevor es überhaupt all diese politischen Umwälzungen gab. Und es fiel ihr sehr schwer, hat sie mir auch erzählt, das zu spielen, weil sie damals einfach so drauf war, sie hat sich total hingegeben. Und sie fand diese Technik, so zu spielen, dass sie gleichzeitig auch mit Akzent sprechen musste und noch eine fremde Sprache, das fiel ihr gar nicht leicht. Und es war nicht immer so einfach für sie, auf Englisch zu drehen. Und auch beim "Englischen Patienten" hat sie mir erzählt, dass sie es da nicht immer leicht hatte.

O-Ton Binoche: Beim "Englischen Patienten" muss ich zugeben, dass ich vor Drehbeginn sehr große Angst hatte und wirklich nervös war. Vor dem Dreh zitterten mir die Hände, ich fühlte mich nicht in der Lage, diese Rolle zu spielen, und brauchte einen Monat, um mich wohler zu fühlen. Aber Anthony Minghella, der Regisseur, war wunderbar. Er hat mich mit viel Liebe geführt.

Timm: Schönes Kompliment für einen Regisseur, trotzdem hat Juliette Binoche nur sehr selten mit einem Regisseur zweimal gedreht, sie ist nicht die Schauspielerin eines Regisseurs. Warum eigentlich, warum hat sie sich nie festlegen wollen?

Taszman: Ich glaube, sie ist einfach jemand, der neue Herausforderungen liebt, der immer wieder Neues machen möchte. Und ich glaube, sie lernt auch wirklich gerne Menschen und eben, wie sie es eben auch nennt, kreative Menschen kennen. Und das führt dann irgendwo dazu, dass sie da ganz konsequent irgendwo ihren Weg gegangen ist. Sie hat in Frankreich mit so ziemlich allen gedreht, die Rang und Namen haben, hat sie sich aber auch ausgesucht. Und mit gewissen Regisseuren wie Chabrol zum Beispiel hat sie nie einen Film gemacht, aber mit Patrice Leconte hat sie gedreht, mit André Téchiné hat sie gedreht, dann hat sie mit vielen Europäern gedreht, Michael Haneke beispielsweise.

Und in den letzten Jahren, ist mir aufgefallen, da geht sie noch mehr in Richtung Weltkino, sie hat mit dem Israeli Amos Gitai gedreht, mit Hou Hsiao-Hsien, das ist ein taiwanesischer Regisseur, sie dreht gerade in Polen mit Malgorzata Szumowska einen neuen Film und hat mit David Cronenberg, der Kanadier ist, auch schon wieder einen Film abgedreht und dreht dann noch mit Sylvie Testud, das ist ja eine Französin, die wir auch ganz gut im deutschen Kino kennen, die eine Schauspielerin ist. Und mit ihren früheren Filmen und Figuren, zum Beispiel habe ich sie gefragt, ob die Teresa aus "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" ab und zu noch mal in ihr hochkommt, da beschäftigt sie sich nicht so stark.

O-Ton Binoche: Ich lebe hauptsächlich in der Gegenwart, ich habe ja auch zwei Kinder, die dafür sorgen, dass ich im Hier und Heute bleibe. Manchmal, wenn ich arbeite und die Zeit habe, eine Rolle vorzubereiten, dann denke ich an Dinge oder Rollen, die ich einmal gespielt habe, um den Vergleich zu bekommen und meine Entwicklung zu verfolgen. Es kann also schon vorkommen, dass mich Rollen aus früheren Filmen noch beschäftigen, aber das ist selten.

Timm: Juliette Binoche. Unser Kollege Jörg Taszman hatte die Gelegenheit einer kleinen Privataudienz bei dem französischen Filmstar, und ihr letzter Film, "Die Liebesfälscher", der kommt am Donnerstag in die Kinos.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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