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Länderreport | Beitrag vom 10.07.2019

Radwege und AusgrabungenViele Radwege führen nach Xanten

Von Vivien Leue

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Die Ruinen des alten römischen Hafentempels gehören zu dem Archäologischen Park Xanten am Niederrhein in Nordrhein-Westfalen. (Imago / Werner Otto)
Ausgrabungsstätte auf der grünen Wiese: Die antiken Ruinen in Xanten sind im Vergleich zu anderen Orten in Deutschland noch gut erhalten. (Imago / Werner Otto)

Am Niederrhein lässt sich einiges entdecken: Neben kilometerlangen Radwegen durch die flache Region kann in Xanten die Zeit der Römer erforscht werden. Der dortige Archäologische Park setzt dabei auf ein ganz eigenes Konzept.

"Wir gucken jetzt auf das untere Ufer der Xantener Südsee", erklärt Helmut Bauhüs. Er steht neben seinem schwarzen Tourenrad und zeigt über den Kiesstrand hinweg auf das blaue Wasser eines mittelgroßen Sees.

"Es gibt weiter hinten eine Verbindung zur Xantener Nordsee, wo auch die Sportschifffahrt durch kann. Und hier vor uns sehen wir gerade diese Freizeitanlage, wo man Wasserski fahren kann."

Das längste Radwegenetz Deutschlands

Das Städtchen Xanten und seine Seenlandschaft liegen am nördlichen Niederrhein, ganz im Westen von Nordrhein-Westfalen. Deutschlands längstes Radwegenetz, die Niederrhein-Route, führt durch die Region.

"Die Hauptroute ist Pi mal Daumen 1600 Kilometer. Dann kommen noch die Verbindungswege", sagt Bauhüs.

Zusammen sind das 2000 Kilometer bestens ausgebaute Radwege.

"Das Gebiet ist ungefähr von Elten im Norden bis unten zum Selfkant, Wassenberg, das ist der südlichste Punkt, da sind wir dann auch schon kurz vor Aachen. Ungefähr 180, 190 Kilometer in der Luftlinie als Ausdehnung."

Mit dem Fahrrad den Niederrhein entdecken

Bauhüs ist wieder auf sein Rad gestiegen. Er kennt die Region so gut wie wohl kein anderer. 20 Jahre lang hat er die Reiseführer zur Niederrhein-Route verlegt, ist die Strecken nach und nach abgefahren und hat die Orte auf der Route besucht: Kleve, Rees, Wesel, Duisburg, Mönchengladbach, Nettetal, Heinsberg oder natürlich Xanten.

"Du hast zum Teil auch dazwischen Fährverbindungen, wo du mit dem Fahrrad übersetzen kannst, zum Beispiel in Bislich kannst du mit dem Fahrrad über den Rhein."

Helmut Bauhüs steht mit einem blauen Mantel bekleidet vor einem Feld und hält den Lenker seines Rades fest. (Deutschlandradio / Vivien Leue)Kenner der Radwege am Niederrhein: Helmut Bauhaus hat 20 Jahre lang Reiseführer für die Region verlegt. (Deutschlandradio / Vivien Leue)

Die Kombination aus flacher Landschaft, saftigen grünen Wiesen, den Wipfeln von Mühlen und Windrädern und dazwischen dem großen breiten Rhein, das macht den Niederrhein aus.

"Man kann hier gut und bequem Fahrrad fahren, es gibt nicht so viele Steigungen, ein bisschen Kleve beim Reichswald, ein bisschen unten im Süden zum Selfkant hin, aber ansonsten hat man hier relativ ebene Wege, was auch das Radfahren für ältere Leute einfacher macht."

Stadtgeschichte bis in die Römerzeit

Diese Vorzüge – die Nähe zum großen Rhein und die flache, fruchtbare Landschaft – haben schon die Römer vor rund 2000 Jahren zu schätzen gewusst: "Die Römer sind bis Nimwegen oben gewesen, in Holland", erklärt Bauhüs. Noch heute zeugen lange, breite Alleen von ehemaligen Römerrouten.

"Wenn du vier, fünf Kilometer weit gucken kannst und siehst kein Ende, da kannst du am tollsten sehen, dass es eine Römerstraße war."

Die Römer brauchten große, lange Verbindungswege, denn sie hatten hier am Niederrhein ihre nördlichste Stadt auf dem Kontinent errichtet: Colonia Ulpia Traiana, das heutige Xanten. 10.000 Menschen lebten von etwa 100 bis 275 nach Christus in der römischen Stadt.

Guter Zustand ist glücklicher Zufall

Ingo Martell arbeitet im Archäologischen Park Xanten – kurz APX. Der westliche Eingang des Parks liegt direkt am Alleenradweg, einem Verbindungweg der Niederrhein-Route.

Der Archäologe zeigt auf einen Plan der römischen Stadt:

"Das ist die Basilika der großen Thermenanlage, die heute als Museum nachgebaut ist. Und hier der Hafentempel, der ist 27 Meter hoch. Oder das Amphitheater, wie ein kleines Fußballstadion mit damals 10.000 Plätzen fürs Publikum, das ist auch ganz markant. Dafür ist der APX gut bekannt."

Dass die Stadtmauern, Tempel, die Therme und das Amphitheater nach fast 2000 Jahren noch so gut erhalten sind, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken: Nachdem die antike Stadt verlassen wurde, entstand das mittelalterliche Xanten südlich der römisch Colonia, nicht genau darüber, wie in Köln, Mainz oder Trier. Dadurch liegen die Ausgrabungsstätten noch heute quasi auf der grünen Wiese und sind deshalb größtenteils frei zugänglich.

"Diese einzigartige Erhaltung, das ist völlig einmalig in Europa. Nördlich der Alpen gibt es das kein zweites Mal", erklärt Ingo Martell.

Nur Ausgegrabenes wird gezeigt

Deshalb liegt der Park auch tatsächlich fast komplett auf dem Gebiet der ehemaligen römischen Stadt.

"Es gehört ganz fest zu dem Konzept des APX, das hier nichts hollywood-like auf die Wiese gestellt ist, sondern hier wird genau das dargestellt, was hier ausgegraben ist, was auch wissenschaftlich untersucht ist. Genau wie die römischen Schiffe, zu denen wir jetzt gehen."

Martell zeigt auf einen kleinen Bungalowbau, aus dem die Geräusche einer Holzwerkstatt zu hören sind.

"Der Rhein war früher die antike Lebensader der Stadt. Da gingen täglich viele Dutzend Schiffe rein und raus. Die ganzen Menschen, die in der Stadt wohnen und auch die bis zu 10.000 Soldaten, die vor der Stadt ihr großes Legionslager hatten, die mussten versorgt werden. Und das, was heute die Autobahnen sind, das waren früher die Schiffe auf dem Rhein. Und eines davon, dem nähern wir uns jetzt gerade, das steht hier. Das haben wir vor vier Jahren als erstes Schiff unserer kleinen Flotte nachgebaut. Das ist die Nihalenja."

Alle nachgebauten Schiffe können fahren

Das Original des etwa 15 Meter langen hölzernen Plattbodenschiffes wurde Anfang der 90er-Jahre in der Xantener Südsee entdeckt, etwa zur Hälfte erhalten.

Archäologin Gabriele Schmidthuber kümmert sich im APX darum, aus diesen historischen Überresten neue Boote nachzubauen.

"Für mich als Archäologin ist die Herausforderung, dass wir die Schiffe nie ganz erhalten haben. Das heißt, wir müssen Rekonstruktionspläne erstellen – das ist dann archäologische Arbeit", sagt Gabriele Schmidthuber.

Gemeinsam mit dem niederländischen Schiffbauer Kees Sars überlegt sie, wie die Konstruktion wohl aussah.

"Das spielt sehr gut ineinander, Wissenschaft und Handwerk, weil der Schiffsbauer auch manchmal sagt: Das kann so nicht gewesen sein, weil das funktioniert so einfach nicht."

Bisher haben alle nachgebauten Römerschiffe ihre Wassertaufe bestanden – auf der Xantener Südsee, nicht weit entfernt von der Niederrheinroute.

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