Hörspielmagazin, vom 18.09.2010

Radioortung | Hörspiele für Selbstläufer50 Aktenkilometer

Ein begehbares Stasi-Hörspiel
Von Rimini Protokoll

Für ihr Stück ziehen Rimini Protokoll Stasi-Akten aus den Archiven in die Gegenwart der Stadt. An die hundert Menschen wurden in Berlin-Mitte befragt, erinnern sich oder rekonstruieren am Mikrofon Beobachtungen. Wie hören sich Protokolle der Observation am Ort ihrer Aufnahme für den damals Observierten an und wie schnell wird man vom vorerst Unbeteiligten zum aktiven Mitspielenden?

Mit dem Blick auf die vertraute Alltäglichkeit der Stadt und den O-Tönen von damals im Ohr stellt sich ein seltsames Vexierbild her: wie leicht ist es, einer banalen Handlung einen doppelten Boden zu unterstellen, wie schnell wird etwas amtlich und unzweifelhaft, weil es einmal schriftlich festgehalten wurde? Mitten in der Lifestyle Kapitale Berlin stoßen die Hörer*innen bei ihrem Spaziergang auf Observationsberichte, Persönlichkeitsbilder, Operativpläne, Gedächtnisprotokolle und Originaltöne aus den Archiven.

"50 Aktenkilometer" von Rimini Protokoll ist ein Audiowalk in Berlin aus der Reihe Radioortung von Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandfunk Kultur / Sebastian Wagner)Für "50 Aktenkilometer" ziehen Rimini Protokoll Stasi-Akten aus den Archiven in die Gegenwart Berlins. (Deutschlandfunk Kultur / Sebastian Wagner)

Für das Hörspiel beantragten Betroffene erstmals Akteneinsicht bei der BStU, der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Aufnahmen vom bürokratischen Vorgang der Aktenbeantragung und der Lektüre dessen, was Menschen im direkten Umfeld über das eigene Leben festhielten, werden hörbar: die Annäherung der Betroffenen an ihre Akte - wie sie sie öffnen, querlesen, sich darin vertiefen, angewidert sind, interessiert nachlesen, sich wundern über dieses parallel zu ihrem eigenen Leben geführte staatliche Tagebuch.

Über 100 "akustische Blasen" sind in Form von Audiodateien auf der Google Map von Berlin verteilt. Mit Hilfe ihrer Smartphones werden die Besucher*innen als Fußgänger*innen zu "Eingeweihten", die in die Geschichte tauchen. Über das Smartphone sind sie jederzeit ortbar und lösen bei ihrem Spaziergang durch die Stadt die Audio-Dokumente aus und machen sie so hörbar.

Prix Ars Electronica 2012: Honorary Mention Hybrid Art

Nominiert für den Grimme Online Award 2012

Einblicke in das Radioortung-Projekt "50 Aktenkilometer"Roland Jahn (Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik BStU)  Fernsehturm Berlin - 17. Mai 2011Das mobile Hörspielprojekt RADIOORTUNG von Deutschlandradio Kultur und RIMINI PROTOKOLL 17. - 22. Mai 2011Rundgang mit Katharina Hamberger(Volontärin DKultur) rechts Fernsehturm Berlin – 17. Mai 2011Feature-Redakteurin Katrin Moll mit dem Beauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn beim Audiowalk.

RIMINI PROTOKOLL

Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel haben im Jahr 2000 das Theater-Label Rimini Protokoll gegründet und arbeiten seither in verschiedenen Konstellationen unter diesem Namen. Stück für Stück erweitern sie die Mittel des Theaters, um neue Perspektiven auf die Wirklichkeit zu schaffen.

Rimini Protokoll entwickeln ihre Bühnenstücke, Interventionen, szenischen Installationen und Hörspiele oft mit Expert*innen, die ihr Wissen und Können jenseits des Theaters erprobt haben. Außerdem übersetzen sie gerne Räume oder soziale Ordnungen in theatrale Formate. Viele ihrer Arbeiten zeichnen sich durch Interaktivität und einen spielerischen Umgang mit Technik aus.

Seit 2003 befindet sich das Produktionsbüro von Rimini Protokoll in Berlin.

50 Aktenkilometer. Ein begehbares Stasi-Hörspiel
ist eine Produktion von Deutschlandradio Kultur und Rimini Protokoll in Koproduktion mit dem Hebbel am Ufer Berlin.
Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin - Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten
und dem Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Mit beratender Unterstützung der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen und der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.
In Zusammenarbeit mit dem Theatertreffen tt11