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Profil / Archiv | Beitrag vom 29.10.2013

Radiokunst für Nachtschwärmer

Diana McCarty hat das freie Kulturradio "reboot.fm" mitbegründet

Von Vanja Budde

Diana McCarthy (privat)
Diana McCarthy (privat)

Als Teenager las Diana McCarty die Bücher, die zu Hause in den USA sonst keiner auslieh: Politisches, Marx und Lenin. Die kommunistische Idee des Teilens prägte sie fürs Leben. Sie vernetzte sich mit Künstlern in der ganzen Welt und gründete in Berlin einen Kultursender, der am Wochenende Konzerte, Lesungen oder Diskussionen ausstrahlt.

"Ich bin Diana McCarty, Ihre Gastgeberin für die reboot.fm-Spezialshow. Ich bin eine Mitbegründerin und Direktorin bei reboot.fm, das preisgekrönte freie Künstlerradio aus Berlin. reboot.fm sendet Kunst, Diskurs und elektronische Musik aus Berlin. Also lasst uns was hören."

reboot.fm sendet aus einem kleinen, vollgestopften Studio im Haus der Kulturen der Welt in Berlin Mitte. Das Zentrum für den internationalen Kulturaustausch ist ein sehr passender Ort für die Radioarbeit von Diana McCarty. Zeitlebens haben die Amerikanerin andere Kulturen fasziniert und die schier grenzenlosen Möglichkeiten des World Wide Web.

"Man kann hier so viel tun. Mein Leben und meine Leute sind so interessant. Wir reden, wir tun, wir machen Sachen. Filme, Radio, Bücher. Wir sind immer beschäftigt. Und wenn ich wieder in Neu Mexiko bin, das ist immer schön, das ist angenehm, mit meinen kleinen Neffen und so. Aber diese Kultur vermisse ich so sehr. Das ist so weit weg von der Welt. Und die Leute sind nicht verbunden mit dem Rest der Welt. Und jetzt bin ich wirklich in der Welt. In Berlin bin ich immer verbunden. Die Welt ist hier. Und ich bin aktiv und beschäftigt mit Leuten aus aller Welt. Und das ist für mich wirklich nötig."

Lebensfreude und Leselust

Diana wird 1967 im Krankenhaus von Albuquerque geboren, das direkt an der Route 66 steht. Courage and curiosity, Mut und Neugier, diese Eigenschaften habe man ihr schon als Kind nachgesagt, erzählt Diana. Sie ist 1,80 Meter groß, schlank, eine auffallende Erscheinung mit rotem Afro, hohen Wangenknochen und mandelförmigen Augen. Eine schöne Frau und früher ein wildes Mädchen.

"Als Teenager, die beiden Schwestern waren so schön und ich war gefährlich. Tomboy, Kickboxen und so. Ich glaube die Jungs, die hatten ein bisschen Angst."

Diana ist die mittlere von drei Schwestern, eine Leseratte, die die Leihfristen der Bibliothek in Albuquerque ständig massiv überzieht.

"Mein Gefühl war, dass ich die einzige Person war, die die Bücher gelesen hat. Ich war sehr beschäftigt mit politischen Sachen, Marx, Lenin und so. Und da waren nicht so viele Leute, die Bücher waren fast nie ausgecheckt. Ich hatte das Gefühlt, das es niemanden weh tut, wenn sie länger bei mir bleiben als erlaubt."

Aufbruch in Europa

Das "Kommunistische Manifest" zu lesen, habe ihr Leben verändert, sagt Diana. Nach der Schule schwankt sie, ob sie Architektin werden soll oder in die Fußstapfen ihres Vaters treten, der ein sozial engagierter Anwalt ist. Sie studiert dann aber Fotografie an der Universität von New Mexiko. 1993 ist sie mit der Uni fertig. Sie geht auf Reisen. Ein Jahr durch Europa ist geplant, über die Türkei verschlägt es sie nach Ungarn. Der eiserne Vorhang ist gefallen, es ist eine Zeit des Aufbruchs. In Budapest lernt sie in kurzer Zeit viele Künstler kennen, sie bleibt, lernt Ungarisch, arbeitet bei Projekten mit, wie dem ersten schwul-lesbischen Filmfestival in Budapest.

"Was interessant war, war genau diese Atmosphäre, dass alles möglich war. Ich hatte auch diese Idee, dass ich gerne eine total neue Erfahrung machen wollte. Und das war so unglaublich alles: diese Begeisterung für diese neue Medienwelt, wie neugierig die Leute waren auf etwas anderes. Und ich war extrem beschäftigt mit den ganzen osteuropäischen Ländern, mit diesen Internetkultursachen."

Digitale Faszination

Diana lernt Programmieren, baut die ersten künstlerischen Homepages mit auf, taucht ein in die ungarische Hackerszene. Seitdem ist sie fasziniert von der Verbindung zwischen Kunst und digitalen Medien. Sie nutzt das Internet, um Kulturschaffende miteinander zu vernetzen, zum Beispiel mit ihrem Projekt "Faces": Eine Mailingliste für Frauen, die mit den neuen Medien arbeiten.

"Was wirklich toll war: In der Zeit habe ich gelernt, dass man die Sachen einfach lernen kann. Und auch in dem Studio, wenn wir mit Radio arbeiten. Die Leute können einfach die Technik lernen und können Fehler machen, aber meistens kann man gar nichts kaputt machen und dann geht es weiter."

Anfang der 2000er Jahre geht Diana McCarty nach Berlin und gründet das Webradio reboot.fm mit. Auf der UKW-Frequenz 88.4 in Berlin und natürlich online basteln hier mehr als 80 Künstler aus aller Welt gemeinsam an einem unabhängigen, nichtkommerziellen Kultursender. Sie bringen Livekonzerte, Lesungen und Diskussionen. Wobei die Feministin Diana McCarty dafür kämpft, dass nicht nur "weiße Jungs", sondern mindestens zur Hälfte Frauen im Programm auftauchen.

"Und das macht Spaß! Und ich glaube, das tut was in der Stadt. Es spielt eine Rolle. Es könnte viel besser sein, aber es ist wichtig. In der Zeit, in der die Kultur so unterschätzt wird, ist es ein einfaches Medium, wo man kann wirklich Sachen teilen. Es gibt fast keine andere art [Anm. d. Red.: gemeint ist Kunst], wo man Experimentalkultur teilen kann mit Taxifahrern."

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