Seit 18:00 Uhr Nachrichten
Samstag, 19.06.2021
 
Seit 18:00 Uhr Nachrichten

Konzert / Archiv | Beitrag vom 09.05.2021

Radiokonzert mit DSO Berlin und Organisten Cameron CarpenterDie Königin der Instrumente im Orchester

Moderation: Volker Michael

Ein Mann mit Pankerfrisur und bunt geblümten Hemd sitzt an einem Orgeltisch und spielt vertieft. (IMAGO / Pixsell / Tomislav Miletic)
Cameron Carpenter entdeckte die Orgel schon mit vier Jahren für sich und erhielt Unterricht bei seiner Mutter. (IMAGO / Pixsell / Tomislav Miletic)

Die Orgel mit dem Solisten Cameron Carpenter stand im Mittelpunkt eines Konzerts des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin mit dem Dirigenten Joseph Bastian. Es gab feierliche und grüblerische Klänge von Kabeláč, Poulenc, Schmidt und von Carpenter selbst.

Zwischen verspielt-ironisch, feierlich-erhaben und düster ernst wechseln die emotionalen Aggregatzustände der Musik in diesem Programm. Am 8. Mai haben wir mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem Organisten Cameron Carpenter und dem Dirigenten Joseph Bastian sehr ausgefallene Werke aufgenommen. Und zwar in einem Radiokonzert ohne Publikum im GroßenSendesaal im Berliner Haus des Rundfunks.

(Astrid Ackermann/DSO Berlin)Der Dirigent Joseph Bastian (Astrid Ackermann/DSO Berlin)

Ein Konzert ohne Publikum, aber mit viel Enthusiasmus und Liebe zur Musik. Selbst wenn die Werke, die Sie hier hören können, nicht unbedingt gefällig wirken. Musik mit einer starken Rolle der Orgel, außer in einem Werk, der Sinfonietta von Francis Poulenc. Die erfordert ein klassisches, also kein großes Orchester.

Am Ende steht die Fuga Solemnis von Franz Schmidt, komponiert für Orgel, Blechbläser und Schlagzeug. Ganz ähnlich besetzt hat der tschechische Komponist Miloslav Kabeláč seine dritte Sinfonie. Die erklingt mit Orgel, Blechbläsern und Pauken als zweites Werk in diesem Programm. Den Anfang macht der Solist Cameron Carpenter in der Rolle des Komponisten.

Positiver als gedacht

Er erklärt sein Werk selbst: "Great Expectations ist ein Buchtitel von Dickens, den ich mir geliehen habe ohne irgendwelche literarischen Gedanken.  Es ist insgesamt ein positives Stück, voller Zuversicht. Leute, die mich kennen, werden vielleicht erstaunt sein, weil ich nicht immer so positiv gestimmt bin. Ich war selbst überrascht, dass dieses Stück so geworden ist. 

Ich habe es in Los Angeles geschrieben. Es ist eine Art Vorstellungsstück für die Filmmusikschule dort. Ich kann nichts Kompliziertes dazu sagen, es ist eine traditionelle kurze und leichte Ouvertüre für Orgel und Orchester. Und ich habe sie auch als Ergänzung für die bekannten Orgel-Orchester-Werke von Saint-Saens oder Poulenc vorgesehen. Da kann sie als Ouvertüre oder Zugabe gleichermaßen fungieren. ...Die beiden Seiten sind so angeordnet, dass die Orgel eher das Orchester unterstützt, außer in den wenigen Solopassagen. Aber sie hat keine wirkliche Solofunktion...."

Eine Sinfonie für Orgel und Blechbläser

Miloslav Kabeláč gilt als einer der wichtigsten tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er hat seine dritte Sinfonie Mitte der 1950er Jahre allein für Orgel, Blechbläser und Pauken konzipiert. Der Organist Cameron Carpenter hat dieses Werk intensiv mit dem DSO Berlin einstudiert und aufgenommen.

Er beschreibt das Stück: "Für die Kombination Orgel und Blechbläser zu komponieren ist einfacher als für Orgel und Orchester. Nicht dass das auch ausgefeilt klingt, aber die Strukturen verschmelzen nicht so derartig miteinander wie Orgel und Orchester. Der Stil des Kabeláč ist ziemlich brutal und konfrontativ, was die Klänge und Harmonien angeht. Sein Konzept erscheint mir sehr klar."

Bis zum Zerreißen gespannt

Neue Klangideen und starken künstlerischen Ausdruck, all das und noch viel mehr enthält die dritte Sinfonie für Orgel, Blechbläser und Schlagzeug von Miloslav Kabeláč. Bis zum Zerreißen gespannt sind hier die Gefühle eines Menschen, zwischen Bangen und Hoffen angesiedelt, ausgebreitet mit den Mitteln einer Orgel, von Blechbläsern und Pauken. Musik aus der Mitte des letzten Jahrhunderts und der Mitte Europas, gezeichnet von Ereignissen der damaligen Zeit.

Expertise für Vieles

Joseph Bastian hat als Orchesterleiter das erste Mal mit dem DSO zusammengearbeitet. Man kennt ihn beim Orchester als Kollegen. Er hat unter anderem im Saarland studiert und war einige Jahre Bassposaunist des BR-SO in München.

Als Robin Ticciati, der aktuelle Chefdirigent des DSO Berlin, damals bei diesem Ensemble kurzfristig absagen musste, sprang Bastian ein. Seitdem hat seine Karriere Fahrt aufgenommen, nicht nur als Instrumentalist, sondern auch als Dirigent. Und durch seine Expertise im Blechbläserbereich war er nun prädestiniert, beim DSO Berlin das Programm mit Cameron Carpenter zu leiten.

Unterhaltsam und nachdenklich

Francis Poulenc hat seine Sinfonietta 1947 im Auftrag der britischen BBC geschrieben, es ist also auch ein Radio-Konzertstück. Joseph Bastian kennt das Werk als französischer Künstler sehr gut.

Die Sinfonietta ist für ein klassisches Orchester gesetzt, die Bläsersektion ist eher bescheiden gehalten, die vier Sätze lauten bieten äußerlich den Anschein einer traditionellen Sinfonie, doch es ist modern-zeitgenössische Musik, diese kleine Sinfonie von Francis Poulenc.

Kolossal und monumental

Das besondere Konzertprogramm endet mit einem weiteren Stück für Orgel und Blechbläser. Es hat ähnlich wie die Sinfonietta von Poulenc einen engen Bezug zur Geschichte des Mediums Radio. Der Österreicher Franz Schmidt schrieb eine Fuga Solemnis zur Einweihung der Orgel im Großen Sendesaal 1937 in Wien. Der Komponist hat sein Werk nie selbst gehört, er starb vor der Uraufführung, die nach dem so genannten Anschluss Österreichs an Nazideutschland stattfand.

Die Monumentalität des Werks lässt sich im Nachhinein nicht ganz von dem trennen, was darauf folgen sollte im Rahmen von Krieg und Völkermord. Franz Schmidt war kein Antifaschist, aber seine Musik mit dem Nationalsozialismus in Verbindung zu bringen, ist dann doch nicht gerechtfertigt.

Aufzeichnung vom 8. Mai 2021 im Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks Berlin

Cameron Carpenter
"Great expectations" - Konzert-Ouvertüre Nr. 1 für Orgel und Orchester (Uraufführung)

Miloslav Kabeláč
Symphonie Nr. 3 für Orgel, Blechbläser und Pauken op. 33

Francis Poulenc
Sinfonietta für Orchester FP 141

Franz Schmidt
Fuga Solemnis für Orgel, Blechbläser, Pauken und Tamtam (2. Teil)

Cameron Carpenter, Orgel
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Joseph Bastian

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur