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Reportage / Archiv | Beitrag vom 28.05.2013

Radio für Syrien

Überlebenstipps aus der türkischen Grenzregion

Von Luise Sammann

Was braucht man, wenn man auf der Flucht ist? Der Radiosender "Brise aus Syrien" gibt Tipps. (picture alliance / dpa / Bruno Gallardo)
Was braucht man, wenn man auf der Flucht ist? Der Radiosender "Brise aus Syrien" gibt Tipps. (picture alliance / dpa / Bruno Gallardo)

Wo schützt man sich am besten vor Luftangriffen? Welche Krankheiten breiten sich rund um Aleppo aus? Beim Radiosender "Brise aus Syrien", der aus einem versteckten Studio im Süden der Türkei produziert wird, geht es dieser Tage vor allem um ein Thema: ums Überleben.

Abdullahs Finger fliegen über die Computertastatur. Auf dem Bildschirm vor ihm entsteht von rechts nach links der arabische Text für die 12-Uhr-Nachrichten: Eine Rede von Präsident Assad, ein zerstörtes Krankenhaus, ein Treffen der Oppositionsgruppen. Abdullahs Blick wandert hektisch auf die kleine Uhr am Bildschirmrand. Noch 40 Sekunden.

"Die aktuellste Nachricht von heute ist, dass in einem Bezirk in Aleppo wohl Chemiewaffen abgefeuert wurden. Mehrere Kinder sind ums Leben gekommen. Das ist unsere Eilmeldung im Moment."

Und dann ist es soweit. Ein Jingle ertönt - bei der "Brise aus Syrien" beginnen die Nachrichten.

"Wir haben alle halbe Stunde Kurzmeldungen und zum Beginn jeder Stunde dann die Nachrichten ..."

… erklärt eine junge Syrerin, die mit Kopftuch und knöchellangem Mantel im Nebenraum sitzt. Mit dem Zeigefinger fährt sie über einen bunten Sendeplan, der den Tag in halbe Stunden einteilt:

"Das hier ist die Frühsendung, in der es um all das geht, was man wissen muss, um sein Haus zu verlassen: Wechselkurse, Benzinpreise, Wettervorhersagen, Sicherheitswarnungen. Danach gibt es ein Revolutions-Programm, in dem wir über Revolutionen in aller Welt sprechen. Und dann eine Sendung unter dem Titel: 'Vermisst und verhaftet'. Da geht es um Leute, die verschwunden sind, ohne dass die Eltern wissen, ob sie sich vielleicht der Freien Syrischen Armee angeschlossen haben oder der Regierungsarmee, ob sie tot sind oder inhaftiert. Das Ziel ist, dass ein Hörer eine gesuchte Person kennt und Kontakt mit der Familie herstellt."

Die Gründerin des Radiosenders ist gerade mal 22 Jahre alt

Herausfordernde Blicke unter dem weißen Kopftuch, ruhelose Hände, schwindelerregendes Sprechtempo. Die Gründerin der "Brise aus Syrien" ist gerade einmal 22 Jahre alt. Eigentlich gehört sie zu einer Generation von Syrern, die mit Internet und iPhone aufgewachsen sind. Jetzt aber dreht sich ihr Leben allein um das Radio:

"Vor ungefähr sieben Monaten saß ich in Aleppo, als alle Verbindungen gekappt und der Strom abgeschaltet wurde. Ich hörte draußen die Bombenexplosionen aber ich konnte niemanden anrufen, um zu hören, was los ist. Und wie viele andere Leute auch, habe ich schließlich ein batteriebetriebenes Radio eingeschaltet, um Nachrichten zu hören."

Doch da waren keine Nachrichten. Alles, was die Studentin zwischen Bombenlärm und Sirenengeheul hören konnte, waren die fremden Stimmen türkischer Moderatoren, die über die nahegelegene Grenze bis nach Aleppo hineinstrahlten. Plötzlich kam ihr die Idee: Ein syrisches Radio aus dem sicheren Nachbarland musste her. Nach wenigen Wochen Vorbereitungszeit ging die "Brise aus Syrien" Anfang 2013 auf Sendung.

Die junge Frau steht auf, zupft den Mantel zurecht, führt dann durch die kahlen Redaktionsräume des Radios, wie durch die Chefetage ihrer Firma: Eine fast leere Vierzimmerwohnung irgendwo im türkischen Gaziantep - eine halbe Stunde von der syrischen Grenze entfernt. Ein paar Tische, Computer und Kabel, eine provisorische Sprecherkabine. Wenn nötig, könnte die "Brise aus Syrien" jederzeit umziehen.

"Vor allem unsere Reporter in Aleppo versuchen ihren Aufenthaltsort ständig zu wechseln, so wie alle anderen Medienbüros auch, die noch arbeiten. Weil wir Angst vor dem Geheimdienst und vor Angriffen haben. Auch in diesem Büro hier arbeitet niemand unter seinem echten Namen, bis auf ganz wenige Ausnahmen haben alle einen Decknamen."

Mitarbeiter fürchten sich vor dem syrischen Geheimdienst

Abdullah zum Beispiel, der in einer Ecke sitzt und jetzt die 13-Uhr-Nachrichten vorbereitet, oder der ehemalige Designer Ahmed, der sich um die Website kümmert und das Logo des Senders entworfen hat. An einem Mischpult arbeitet Toningenieur Mazen an einem neuen Jingle für die tägliche Politiksendung. Sechs Mitarbeiter sitzen hier im türkischen Gaziantep, sechs weitere Reporter sind versteckt in Aleppo unterwegs, steuern immer dann Interviews und Berichte bei, wenn Internetverbindung und Sicherheitslage es gerade zulassen.

"Judy" nennt sich die Frau mit den blond gefärbten Haaren, die mit Kopfhörern an einem Schreibtisch am Fenster sitzt. Sechs Jahre lang arbeitete sie für das regimetreue Radio der Regierung Assad. Dann kam die Revolution. Bei der "Brise aus Syrien" kümmert sie sich nun um die Sendung "Das Verbotene". Ihre Heimat hat sie verlassen, ihren alten Namen hat sie abgelegt.

"Natürlich haben wir Angst. In unserer Sendung sprechen wir über alles und jeden, auch über sehr mächtige Leute in Syrien. Wir kritisieren dort sogar die Freie Syrische Armee, wenn sie Fehler macht oder andere bewaffnete Gruppen. Wir haben also Angst in alle Richtungen, sogar vor denen, die die Revolution eigentlich unterstützen."

Judy blickt eher stolz als ängstlich, während sie erzählt. Mehrfach, sagt sie, wurde das Team der "Brise aus Syrien" schon beschimpft, weil ihr Programm zu neutral sei - nicht revolutionär genug. Doch die 22-jährige Gründerin lächelt nur. Die "Brise aus Syrien" will kein Propagandasender sein.

"Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Ein Freund von mir saß in einem syrischen Taxi, als gerade unsere Nachrichten kamen. Der Fahrer sagte ihm, dass es verwirrend sei, dass er nicht zuordnen könne, auf welcher Seite dieser Sender stehe. Für mich ist das wie ein Kompliment! Ich will, dass die Leute unseren Sender hören, egal ob sie für oder gegen das Regime sind."

Genug erzählt. Die junge Frau muss zurück ins Studio. In wenigen Minuten beginnt ihre eigene Sendung zur Rolle der syrischen Frauen. Sie zieht eine Visitenkarte aus der Tasche. 'Reem Aleppo' steht darauf, dazu eine Handynummer. Nennen Sie mich, wie Sie wollen, sagt sie zum Abschied.


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