Freispiel, vom 07.04.2014, 00:05 Uhr

Radio-Doku-Soap "Kids""Diese Leichtigkeit hat mich fasziniert"

Katrin Moll begleitete sieben Mädchen mit nichtdeutschen Wurzeln ein Jahr lang mit dem Mikrofon

"Die wohnen quasi um die Ecke. Aber wie leben sie eigentlich hier?" – damit ging es los. Und dann war die Autorin Katrin Moll mit den Mädchen und dem Mikrofon in Berlin-Kreuzberg unterwegs – zwischen Schule, Theaterprojekt, Moschee und Shopping. Zu hören in der Radio-Doku-Soap "Kids" bei Deutschlandradio Kultur und im SWR.

Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen (Katrin Moll / fija)
Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen (Katrin Moll / fija)

Deutschlandradio Kultur: Wie kamen Sie auf die Idee, in einer Doku-Soap sieben Kreuzberger Mädchen ein Jahr lang zu begleiten?

Katrin Moll: Die Idee ist aus einem Hörspielprojekt entstanden, das ich vorher gemacht habe, "Die Gaza Monologe". Darüber habe ich zwei der Mädchen, die ich dann für die Doku-Soap begleitet habe, kennengelernt. Sie waren damals so 14, 15 Jahre alt. Und ich fand spannend, dass das Jugendliche sind, die aus einer ganz anderen Kultur stammen und quasi bei mir um die Ecke wohnen – ich wohne auch in Kreuzberg -, dass ich aber im Grunde sehr wenig über sie weiß. Dass ich zum Beispiel gar nicht weiß: Wie leben die eigentlich hier? Sie sind in Deutschland geboren und haben Eltern, die aus einer ganz anderen Kultur kommen. Wie wachsen sie hier in Deutschland auf? Das hat mich sehr interessiert.

Die beiden Mädchen gehören zur Jugendtheatergruppe des Kreuzberger Theaters Hebbel am Ufer (HAU) und so hat es sich dann ergeben, dass ich die Jugendtheatergruppe begleitet habe – und das waren diese sieben Mädchen.

Katrin Moll sitzt an einem Rechner.  (Deutschlandradio / Oliver Heisch)Die Autorin und Regisseurin von "Kids", Katrin Moll (Deutschlandradio / Oliver Heisch)

Deutschlandradio Kultur: Warum dieses Format Doku-Soap?

Katrin Moll: Es geht ja um eine Gruppe von Mädchen, also diese Jugendtheatergruppe vom HAU. Ich bin dann bei ihnen einfach immer mitgegangen: zu den Theaterproben, in die Schule. Dann hat es sich ergeben, dass zwei Mädchen gesagt haben: "Wir gehen jetzt Schuhe kaufen, willst du mitkommen?" Und dann bin ich mit denen mitgegangen. Oder eine andere hat gesagt: "Wenn du Lust hast, komm doch mal mit zu uns nach Hause". Oder ich habe wiederum eine andere gefragt, ob ich mal mit in die Moschee gehen kann. Und so haben sich ganz viele unterschiedliche Geschichten ergeben ausgehend von den verschiedenen Mädchen, die aber über die Gruppe dann wieder miteinander zusammenhängen.

Und das ist ja gerade das Wesen einer Soap, dass sich aus einer Gruppe von Menschen, die miteinander verbunden sind, verschiedene Erzählstränge ergeben, die man immer wieder abwechselnd aufgreift. Es gibt in der Doku-Soap einen großen dramaturgischen Spannungsbogen, der über ein ganzes Schuljahr geht. Es geht um die Frage, ob die Mädchen, die alle in der 10. Klasse sind, ihren mittleren Schulabschluss schaffen, an dem ja viel hängt. Und in diesem großen Bogen gibt es kleine Spannungsbögen wie: Kriegen sie ihren Nebenjob, was wird aus dem Theaterstück?

"Kids" - eine Radio-Doku-Soap in acht TeilenKids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen - Teil 1Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen - Teil 1Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen - Teil 2Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen - Teil 1Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen - Teil 4Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen - Teil 5Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen - Teil 6Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen - Teil 7Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen - Teil 8

"Ist das nicht total langweilig mit uns?!"

Deutschlandradio Kultur: Und wie fanden die Mädchen, dass sie plötzlich ständig eine Begleiterin mit Mikrofon um sich hatten?

Katrin Moll: Ich war überrascht, wie wenig sie dieses Mikrofon letztlich beachtet haben. Und immer wieder haben sie auch selbst die Initiative ergriffen und einfach losgelegt. Zum Beispiel, als ich das erste Mal aufgetaucht bin bei ihrer Theaterprobe, da haben sie mir sofort das Mikrofon aus der Hand genommen und angefangen zu erzählen, Faxen zu machen, irgendwas reinzureden und damit zu spielen sozusagen. Manchmal haben sie aber auch gesagt: "Nee, hab' keine Lust zu reden. Mach mal aus." Und zwischendrin haben sie immer mal gefragt: "Ist das nicht total langweilig mit uns, immer mit uns rumzulaufen?!" Ich habe gesagt: "Nein, ich find' das einfach alles wahnsinnig spannend." Das haben sie nicht verstanden. Aber sie fanden es völlig ok, dass ich mit dabei bin. Es war toll, wie offen sie waren. Ich glaube, wir haben in dieser Zeit gegenseitig voneinander viel mitgekriegt und gelernt.

Deutschlandradio Kultur: Was haben Sie gelernt?

Katrin Moll: Ich habe in diesen insgesamt eineinhalb Jahren gemerkt, dass mir vorher gar nicht so bewusst war, was das genau bedeutet, hier aufzuwachen und Eltern zu haben, die aus einer anderen Kultur stammen. Ich will nicht sagen, dass die Mädchen in einem Zwiespalt stecken oder dass sie zerrissen sind, weil das so negativ klingt. So fühlt es sich bei ihnen überhaupt nicht an. Sie haben eine unheimliche Leichtigkeit, mit der sie mit diesen beiden Kulturen umgehen. Das hat mich total fasziniert und davor habe ich großen Respekt. Ich habe plötzlich gemerkt, wie viel Unterstützung ich hatte in der Schule durch meine Eltern, dass immer jemand da war, der mir bei den Hausaufgaben helfen konnte. Ich musste mich nicht um die Post, die von der Schule kam, kümmern. Aber die Mädchen, die machen das alles selbst, weil die Eltern teilweise gar kein Deutsch können. Was die leisten, das ist schon total irre.

Oder ein anderes Beispiel: Von diesen sieben Mädchen tragen drei Kopftuch. Durch sie hat sich mein Bild von Mädchen, die Kopftuch tragen, sehr verändert. Vorher hatte ich so ein diffuses Bild, dass sich ein Mädchen mit Kopftuch anpasst und die Rolle, der Frau in der Gesellschaft, nicht so sehr hinterfragt. Aber durch Jamila beispielsweise habe ich gelernt, dass sie sichmit viel Selbstbewusstsein einen Platz als Mädchen, als Frau in unserer deutschen Kultur und Gesellschaft, und gleichzeitig auch in ihrer arabischen Kultur erarbeitet. Dass sie sich damit sehr stark auseinandersetzt und sich selbst als emanzipierte junge Frau versteht.

Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen (Katrin Moll / fija)Kids - Radio-Doku-Soap in acht Folgen (Katrin Moll / fija)

"Diese Themen schwingen natürlich mit"

Deutschlandradio Kultur: Sieben Mädchen mit nicht-deutschen Wurzeln, da denkt man schnell an Stichworte wie Integration oder die Sarrazin-Debatte. Inwiefern hat dieser Themenkomplex bei Ihrer Arbeit an "Kids" eine Rolle gespielt?

Katrin Moll: Es waren vor allem die Mädchen selbst als Persönlichkeiten die mich interessiert haben. Im Zentrum steht nicht ein konkretes journalistisches Erkenntnisinteresse: Integrieren sie sich, ja oder nein? Aber diese Themen schwingen natürlich immer mit. Einerseits sind das ganz normale Teenager-Mädchen. Und dann gibt es eben noch diesen anderen Aspekt: die andere Kultur, aus der sie stammen. Dass sie zum Beispiel wahrscheinlich erst bei ihren Eltern ausziehen dürfen, wenn sie geheiratet haben. Und da tut sich dann eben die Parallelwelt auf. Und was das eigentlich tatsächlich konkret bedeutet, haben die Mädchen mir sehr lebendig vor Augen geführt.

Deutschlandradio Kultur: In diesen eineinhalb Jahren hat sich vermutlich eine relativ intensive Beziehung zu den Mädchen entwickelt. Ist das jetzt zu Ende oder sind Sie weiter in Kontakt?

Katrin Moll: Der letzte Schultag, als es die Zeugnisse gab, war mein letzter Aufnahmetag – ich musste irgendwann einen Schnitt machen. Man könnte immer weiter aufnehmen. Jetzt machen die Mädchen zum Beispiel den Führerschein, da wäre ich supergerne dabei! Jetzt bekomme ich vor allem über facebook mit, was bei ihnen gerade los ist. Ich würde sehr gerne weitermachen. So ist es auch geplant. Mein Ziel ist es, eine Langzeitdokumentation daraus zu machen. Ich würde sehr gerne alle fünf bis sieben Jahre schauen, wo sie dann stehen. So hört die letzte Folge ja auch auf, dass die Mädchen überlegen, was bei ihnen in fünf Jahren ist, wo sie dann sind, was sie machen.

Das Interview führte Annette Bräunlein

 

Katrin Moll, geboren 1973 in Berlin, Autorin, Regisseurin, Dramaturgin. Projektleiterin von "Radioortung". Zuletzt für Deutschlandradio Kultur 2011: "Die Gaza-Monologe" (Hörspiel des Monats Januar 2012). Seit April 2014 Redakteurin für Feature bei Deutschlandradio Kultur. 

 

Die Radio-Doku-Soap "Kids" besteht aus insgesamt acht Folgen. Alle Folgen im Überblick:
Kids (Teile 1+2): "Kreuzberg ist kein Ghetto!" am Montag, 7.4.2014 um 0:05 Uhr im Freispiel
Kids (Teile 3+4): "Wir sind Viruz!" am Mittwoch, 9.4.2014 um 0:05 Uhr im Feature
Kids (Teile 5+6): "Die nehmen unser Land" am Montag, 14.4.2014 um 0:05 Uhr im Freispiel
Kids (Teile 7+8): "Yalla-Bye in fünf Jahren!" am Mittwoch, 16.4.2014 um 0:05 Uhr im Feature
Wir bieten die Folgen nach der Ausstrahlung für ein Jahr zum Nachhören an. Weitere Informationen unter kidsberlinkreuzberg.de

 

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