Seit 04:00 Uhr Nachrichten

Freitag, 18.01.2019
 
Seit 04:00 Uhr Nachrichten

Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.12.2017

"Radetzkymarsch" am Burgtheater Wien Ein System kurz vor dem Knall

Eva Biringer im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Podcast abonnieren
Johan Simons inszeniert Jorseph Roths Roman "Radetzkymarsch" am Wiener Burgtheater. (Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater)
Johan Simons inszeniert Jorseph Roths Roman "Radetzkymarsch" am Wiener Burgtheater. (Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater)

Riesige Ballons, die auf der Bühne zerplatzen. Schauspieler in Uniform und Unterwäsche. Der Regisseur Johan Simons bemüht sich in seiner ersten Inszenierung am Wiener Burgtheater um Originalität. Trotzdem wirke das Ganze etwas angestaubt, findet unsere Kritikerin.

Überrascht sei sie gewesen, als sie hörte, dass der gefeierte Regisseur Johan Simons, nach zahlreichen Stationen erstmals auch ein Stück für das Wiener Burgtheater inszeniert, erklärt unsere Kritikerin Eva Biringer. Es sei aber Zeit gewesen, schließlich habe der niederländische Regisseur nach Intendanzen an den Münchner Kammerspielen und der Ruhrtriennale praktisch alles erreicht. Der Joseph-Roth-Fan hat für das Burgtheater nun Roths episches Meisterwerk "Radetzkymarsch" auf die Bühne gebracht.

Johan Simons inszeniert Jorseph Roths Roman "Radetzkymarsch" am Wiener Burgtheater. (Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater)Johan Simons inszeniert Jorseph Roths Roman "Radetzkymarsch" am Wiener Burgtheater. (Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater)

Ein Jahrhundertroman, in dem Joseph Roth anhand einer Familiengeschichte über drei Generationen vom Aufstieg und Niedergang der K-und-K-Monarchie erzählt. Alles beginnt damit, dass der bäuerliche Infanterieleutnant Joseph Trotta geadelt wird, nachdem er Kaiser Franz Joseph I. in einer Schlacht bei Solferino das Leben gerettet hat. Doch der Aufstieg der Familie ist nicht von Dauer. Schon der Enkel des Infanterieleutnants, Carl Joseph von Trotta, ist dem Untergang geweiht. Trotz der historischen Vorlage habe Simons Inszenierung einen aktuellen Zeitbezug erklärt Eva Biringer:

"Es ist ein Stück, das einerseits sehr aus der Zeit gefallen wirkt, weil es eben diese K-und-K-Monarchie behandelt, die Armee als Sinnbringer, als Sinnstifter im Leben. Was jetzt ja doch nicht mehr so zeitgemäß wirkt. Andererseits ein total aktuelles Stück, weil es ist ein Tanz auf dem Vulkan, ein System geht kaputt, man weiß nicht, wie es weitergehen wird."

Zu wenig Gegenwartsbezug

Allerdings habe Johan Simons diesen Gegenwartsbezug in seiner Inszenierung nicht ausreichend genutzt. Das Stück wirke deshalb etwas angestaubt. Gut getan habe der Inszenierung allerdings das ungewöhnliche Bühnenbild von Kathrin Brack. Riesige, bunte Luftballons schweben über die Bühne und durch den Zuschauerraum, Kollision mit Darstellern und Zuschauern inbegriffen. Diese verspielten Interaktionen findet Theaterkritikerin Eva Biringer durchaus gelungen:

"Einmal stehen zum Beispiel alle Schauspieler da und reiben sich an den Ballons und die Haare stellen sich zu Berge. Und dann heißt es, es kommt ein Gewitter. Und die Ballons werden natürlich auch zum Platzen gebracht."

  (Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater) (Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater)

Zugleich symbolisierten die Ballons auch ein aufgeblasenes System, das kurz vor dem Platzen steht. Doch dieser Gegenwartsbezug zwischen der scheiternden K-und-K-Monarchie und unserer heutigen Gesellschaft sei in der Inszenierung zu wenig zum Ausdruck gekommen, findet Eva Biringer. 

"Es war schön anzusehen. Aber am Ende war es ein Text, der doch sehr weit von unserer Gegenwart entfernt ist."

(mw / abr)

   

Mehr zum Thema

"Chaostage" am Staatstheater Hannover - Ein Punk greift ein
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 11.12.2017)

"Nurejew" von Kirill Serébrennikow - Eine Feier männlicher Schönheit
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 09.12.2017)

Wiener Festwochen - "Parsifal" neu gelesen und gehört
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 09.12.2017)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsWissenschaft und Politik
Der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt  (picture alliance/dpa/Arno Burgi)

Gleich zwei Politologen haben es in die Feuilletons geschafft: Eckhard Jesse, der einen Zusammenhang zwischen links- und rechtextremistischer Gewalt sieht, und „der eifrige AfD-Berater“ Werner Patzelt, der nebenbei Wahlkampfstratege der CDU in Sachsen ist.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 10Wachgerüttelt, durchgeschüttelt
Eine Frau hat sich einen #MeToo-Schriftzug auf den Unterarm geschrieben. (imago stock&people)

Was bleibt im Rückblick auf die Debatten dieses Theaterjahres? #MeToo, ganz klar. Über Gleichstellung sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp mit France-Elena Damian vom Verein Pro Quote Bühne und diskutieren darüber, ob Theatermacher mit rechten Ideologen reden sollten.Mehr

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur