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Lesart | Beitrag vom 13.01.2021

Rachilde: "Monsieur Vénus"Eine Wegbereiterin queerer Literatur

Von Sigrid Brinkmann

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Das Buchcover von "Monsieur Vénus" von Rachilde auf einem grafischen Hintergrund. (Reclam Verlag / Deutschlandradio)
Die Grenzen zwischen den Geschlechtern waren für Marguerite Eymery alias Rachilde fließend. (Reclam Verlag / Deutschlandradio)

Rachilde war der Künstlername der Französin Marguerite Eymery. Ihren erotischen Debütroman „Monsieur Vénus“, der nun zum ersten Mal auf Deutsch erscheint, schrieb sie 1884. Weil es darin um Transsexualität ging, drohte der Autorin Gefängnis. (*)

Frivolität und ein Hang zum Morbiden prägten das Lebensgefühl der Wohlhabenden im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Weil es dennoch Grenzen des Sagbaren gab, veröffentlichte Marguerite Eymery ihren Debütroman "Monsieur Vénus" in Brüssel – unter dem Pseudonym Rachilde. (**)

Marguerite Eymery fühlte sich auch eher als Mann. Das wurzelte wohl in ihrer Kindheit, denn für ihren Vater hatte sie schlicht das falsche Geschlecht. Sie wuchs auf dem Land auf, erzogen wie ein Junge. Volljährig, gelang die Flucht nach Paris, wo sie im Polizeipräsidium darauf bestand, Männerkleidung tragen zu dürfen - ganz so wie zwei andere damals berühmt gewordene Frauen, die Schauspielerin Sarah Bernhardt und die Archäologin Jane Dieulafoy.

Schlagartig auf dem Index

Dass eine 24 Jahre alte Autorin über Transsexualität schrieb und sadistisch-masochistische Protagonisten erfand, skandalisierte aber auch die Belgier. "Monsieur Venus" landete auf dem Index und machte Rachilde schlagartig bekannt.

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Sie publizierte bald weitere Romane, Gedichte, Theaterstücke und Erzählungen. 1890 gründete sie mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Alfred Vallette, die Zeitschrift Mercure de France. Den Künstlernamen Rachilde behielt Eymery bis zu ihrem Lebensende, 1953, bei, war er doch, wie sie es ausdrückte, der Inbegriff jenes "Geistes von nebenan", der ihr seine Fantasien diktiere.

"Monsieur Vénus" kursierte in drei Fassungen. Der Reclam Verlag hat nun die erste, mit einer Gefängnis- und Geldstrafe inkriminierte Ausgabe von 1884 übersetzen lassen. In "Monsieur Vénus" tauschen die Protagonisten nicht nur Kleider und Anzüge, sondern auch die Geschlechterrollen. Und es ist das männliche Geschlecht, das mit brutaler Unnachgiebigkeit geformt wird.

Ausschluss von gesellschaftlichen Aktivitäten

Die großbürgerliche und adlige Elite, in deren Kreisen sich Raoule de Vénérande bewegt, reagiert voraussehbar, wenn eine ihres Standes ernst macht mit der Idee, alle Menschen seien gleich und den Namen eines Mannes "aus der Gosse" annimmt, ihn obendrein als Frau und sich als Mann präsentiert. Durch den Ausschluss von gesellschaftlichen Aktivitäten werden Andersseiende wirkungsvoll isoliert und erschöpft.

Mit großer Geste feiert die Autorin körperliche Schönheit als "die einzige Macht auf dieser Welt". Ihre Protagonistin Raoule de Vénérande verfällt dem in einer verdreckten Mansarde arbeitenden, jungen Blumenmacher Jacques Silvert auf der Stelle. 

Mannsein bedeutet Tyrann sein

Raoule wird Jacques planmäßig versklaven. Mannsein verbindet die Herrin mit tyrannisch eifersüchtigem Verhalten und Züchtigungen. Weiblichkeit wird auf Sentimentalität und Unterwürfigkeit reduziert. Jacques verweichlicht schnell. "In seinem Ohr brausten Gesänge einer seltsamen Liebe, die kein Geschlecht hatte", und doch gerät der als Frau behandelte Mann außer sich, als er begreift, dass Raoule kein männlicher Sexpartner ist. 

Rachildes verkommene Strategin behandelt Männer so, wie diese seinerzeit mehrheitlich mit Frauen umsprangen. Englischsprachige Literaturwissenschaftlerinnen sehen in Rachilde eine Wegbereiterin queerer Literatur. In Frankreich hält man sich bedeckt. Eymery alias Rachilde soll es nicht in den Sinn gekommen sein, sich aktiv für Frauenrechte einzusetzen. Sie sah sich eher als eine Träumerin, die von seelischen Grausamkeiten zu erzählen verstand.

Rachilde: "Monsieur Vénus" 
Aus dem Französischen von Alexandra Beilharz und Anne Maya Schneider
Deutsche Erstausgabe, Reclam Verlag, Stuttgart 2020
218 Seiten, 18,00 €

(*) Redaktioneller Hinweis: Wir haben einen inhaltlichen Fehler in der ersten Textversion verbessert.

(**) Redaktioneller Hinweis: Ein unzutreffendes Adjektiv wurde entfernt.

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