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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 08.06.2017

Rabbiner Walter RothschildIn Gottes Namen unterwegs

Walter Rothschild im Gespräch mit Ulrike Timm

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Der Rabbiner, Autor, Kabarettist, Liedermacher und Jazzsänger Dr. Walter Rothschild (Deutschlandradio)
Der Rabbiner, Autor, Kabarettist, Liedermacher und Jazzsänger Dr. Walter Rothschild (Deutschlandradio)

Von Konventionen lässt er sich nicht beeindrucken. Walter Rothschild ist unorthodoxer Jude und liberaler Rabbiner. Seine eigenständige Haltung in Fragen der religiösen Tradition haben dem 63-jährigen Geistlichen schon viel Ungemach beschert.

Von Konventionen lässt er sich nicht beeindrucken. Walter Rothschild ist unorthodoxer Jude und liberaler Rabbiner. Seine eigenständige Haltung in Fragen der religiösen Tradition haben dem 63-jährigen Geistlichen schon viel Ungemach beschert. Nach seiner Ordination arbeitete er zunächst auf den niederländischen Antillen. Dann wechselte er zur liberalen Gemeinde in Berlin, die ihn schon nach einem Jahr wieder entließ. Heute ist Walter Rothschild freischaffender Rabbiner und nirgends mehr fest angestellt – "nicht mehr versklavt in einer Gemeindestruktur", wie er sagt.

Auftritt im "Tatort"

Dafür lebt er jetzt seine künstlerische Schaffenskraft aus: Walter Rothschild schreibt Bücher, amtierte vor kurzem als Rabbiner in einem "Tatort" und tritt als Kabarettist und Liedermacher auf. Kunst und Frohsinn haben für ihn auch eine religiöse Komponente:

"Es gibt nach der jüdischen Tradition 613 Gebote und Verbote. Eins von den schwierigsten ist 'Du sollst fröhlich sein‘. Und es geht nicht darum was man tut, sondern wie man sich fühlt. Natürlich gibt es Zeiten wo man deprimiert ist oder trauert und so weiter, aber ein Feiertag soll gefeiert werden."

Walter Rothschild wurde in Großbritannien als Sohn von Holocaust-Überlebenden geboren, und die Erinnerung an die Shoah beschäftigt ihn ständig:

"Man lernt vieles über die Bosheit der Menschen, man lernt vieles über die Bosheit der Geschichte, der Schicksale. Ich sage manchmal, nach der Shoah ist man Jude trotz Gott, nicht wegen Gott."

Herzerfrischende Kritik an deutschen Gutmenschen

Seit vielen Jahren lebt Walter Rothschild in Deutschland, er fühlt sich hier wohl, doch vor seinem kritisch-ironischen Blick sind auch die Deutschen nicht sicher:

"Viele Deutsche sind Gutmenschen. Gott behüte mich vor diesen Gutmenschen. Sie wissen alles besser als alle anderen, sie wissen alles besser, was andere glauben sollen, wo sie leben sollen, was sie tun sollen. Sie wissen alles besser über Nahost-Politik, über Beschneidungen, übers Kopftuch – das ist nicht nur ein jüdisches Problem natürlich."

Außerdem hat Walter Rothschild unserer Moderatorin Ulrike Timm verraten, warum er so gern ICE fährt, ob er am Shabbat die U-Bahn nutzt und wo das Paradies zu finden ist.

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