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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 12.02.2021

Rabbiner in US-KrankenhäusernEin Gespräch über Klingonen als Gebetsersatz

Von Heike Braun

Außenansicht des Sinai Krankehauses in Chicago. (picture alliance / Newscom | Melissa Tamez)
Zurzeit nicht im Krankenhaus: Rabbi Ozarowski und Rabbi Emanuel arbeiten am Sinai Hospital in Chicago. (picture alliance / Newscom | Melissa Tamez)

Wer in den USA ins Krankenhaus kommt, kann sich dort von einem Rabbiner betreuen lassen. Das Angebot gilt auch für Nicht-Juden. In Corona-Zeiten müssen Seelsorge und Gottesdienste nun oft am Smartphone stattfinden.

Ein jüdischer Rabbiner sitzt bei Minus drei Grad Celsius auf einer Parkbank vor einem Krankenhaus im Norden von Chicago. Es ist Freitag, kurz bevor der Schabbat beginnt. Rabbi Emanuel spricht Gebete für einige jüdische Krankenhauspatienten, die an der Zeremonie via Zoom teilnehmen.

Auf dem iPhone des Rabbiners sind deutlich die Geräusche aus dem Inneren des Krankenhauses zu hören. Die Betenden sind zwar nur wenige Meter von dem jungen Krankenhausrabbiner entfernt, aber in Corona-Zeiten sind sie füreinander quasi unerreichbar. Kein Händedruck, keine Umarmung, keinen unmittelbaren Kontakt.

Zweifel am Lebensende

Der 29-jährige Rabbiner Emanuel will seinen Gläubigen zeigen, dass er ihnen so nah wie möglich sein möchte. Einer der Patienten hält eine angezündete Schabbat-Kerze aus dem Fenster im vierten Stock. Die Flamme ist durch einen Glasaufsatz geschützt, damit der kalte Wind sie nicht ausbläst. Rabbi Emanuel winkt und ruft: "Ich wünsche allen ein Schabbat Schalom! Schabbat Schalom! Schabbat Schalom!"

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Vor rund einem Jahr sind die jüdischen Krankenhaus-Rabbiner in den USA dazu übergegangen, ihre Gottesdienste im Internet zu streamen. Auch der jüdische Kinder- und Familienservice JCFS tut das.

Joseph Ozarowski bildet Chaplains genannte Krankenhausrabbis beim JCFS aus. Auch Emanuel war einer seiner Schüler. In Chicago hilft diese Seelsorgeorganisation nicht nur jüdischen Patienten. Es gibt auch eine umfassende Familienbetreuung und eine Suchtberatung, und zwar für alle Juden, egal ob sie gläubig sind oder nicht, erklärt Ozarowski:

"Viele Juden in Chicago sind nicht gläubig. Oft finden sie erst im Alter zu Gott oder wenn sie krank werden. Aber das ist menschlich und natürlich. Wenn unsere Chaplains in eines der Krankenhäuser gerufen werden, dann oft auch, weil die jüdischen Patienten angefangen haben zu zweifeln: War es richtig, dass ich nicht an Gott geglaubt habe? Was ist, wenn es doch einen Gott gibt? Werde ich dann bestraft, weil ich nicht an ihn geglaubt habe? Was ist, wenn meine Zweifel an der Existenz Gottes bleiben und am Ende gibt es ihn doch? Unsere Krankenhausrabbiner können mit diesen Fragen umgehen."

Auf eine Pandemie waren natürlich auch die Rabbiner nicht vorbereitet. Ozarowski: "Katastrophen wie der 11. September oder das Covid-Virus müssen wir nehmen, wie sie kommen. Das sind Ereignisse, die die Jungen genauso treffen wie die Alten".

Nicht auf alles eine Antwort

Ein guter Krankenhausrabbiner muss in der Lage sein, schwierige und unerwartete Situationen zu bewältigen, sagt Ozarowski. Wenn er angehende Seelsorger schult, erwähnt er auch immer, dass nicht jeder Patient über Gott sprechen will:

"Wir bringen unseren Rabbinerinnen und Rabbinern bei, den Kranken zuzuhören. Es ist nicht nötig, auf alle Fragen eine Antwort zu haben. Unsere Aufgabe ist es, diese Menschen zu begleiten. Vor Corona war das deutlich einfacher. Wir kommen jetzt nicht mehr an die Patienten heran. Wir sehen ihre Körpersprache nicht. Sie sehen unsere nicht. Ganz am Anfang von Corona durften wir noch mit Masken zu den Kranken. Ich erinnere mich, wie ein älterer Herr zu mir sagte: 'Sie haben freundliche Augen. Sie müssen ein netter Mensch sein.' Gerade ältere Menschen haben Probleme damit, dass sie uns inzwischen noch nicht einmal mehr direkt in die Augen schauen können. Inzwischen zoomen und skypen wir zwar. Aber das ist für Ältere oft kein Ersatz. Sie vermissen den persönlichen Kontakt."

Hinzu kommt, dass Seniorinnen und Senioren oft weder ein Tablet noch ein Smartphone haben, um mit einem Rabbiner zu zoomen oder skypen. Dann bleibt nur noch das Festnetztelefon, erzählt Ozarowski. Das wäre vor anderthalb Jahren noch undenkbar gewesen, meint er:

"Doch, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Kürzlich hatte ich einen spanisch sprechenden Patienten am Telefon. Ich habe meinen Segen gesprochen und ein Übersetzer, der neben mir saß, hat meinen Segen ins Spanische übersetzt. Satz für Satz. So haben wir über die Freisprecheinrichtung eine Stunde lang kommuniziert. Wir Krankenhausrabbiner müssen lernen, genau auf die Stimme zu achten, und darauf, welche Worte ein Kranker wählt. Es geht alles, wenn man muss und es auch will."

Angehöre wollen von Religion nichts wissen

Ist ein Gemeindemitglied todkrank oder verstorben, kommt noch eine weitere Herausforderung auf die Chaplains zu: Sie müssen mit den Familienangehörigen sprechen.

"Dabei ist es gar nicht mehr so wichtig, was der oder die Verstorbene wollte", sagt Ozarowski. "Oft treffen wir bei den Hinterbliebenen auf ein säkulares Umfeld. Einige lehnen eine religiöse Bestattung ab. Aber sie wollen sich auch nicht ganz von den jüdischen Traditionen entfernen. Dann müssen die Chaplains einen Mittelweg finden, mit dem besonders die Lebenden zufrieden sind."

Viel häufiger als mit dem Tod haben es die Rabbiner allerdings mit dem Essen zu tun. "Juden fragen oft, ob das Krankenhausessen koscher ist und auch koscher zubereitet wird", erläutert Ozarowski. "Würde ein praktizierender Jude aus Versehen etwas mit Schweinefleisch essen, würde er gleich noch einmal so krank. Besonders orthodoxe Juden vertrauen eigentlich nur den Aussagen eines Rabbiners, was das Essen betrifft. Ich habe aber auch festgestellt: Für gläubige Menschen, die ernsthaft krank sind und die wissen, dass sie bald sterben, ist es gar nicht mehr so wichtig, ob sie Juden, Christen oder Muslime sind. Dann zählt nur noch, dass sie gemeinsam mit einem Geistlichen ein letztes Mal zu Gott beten."

Über Star Trek reden

Rabbi Ozarowski wurde schon häufiger zu Protestanten, Katholiken oder Muslimen gerufen. Das sei für ihn kein Problem: "Ich kann natürlich nicht nach christlicher oder muslimischer Art beten. Ich kann zum Beispiel nicht zu Jesus beten. Aber ich kann zu Gott oder Allah beten. Ich bin sowohl mit Christen als auch mit Muslimen in schwierigen Situationen zusammen gewesen. Wir alle haben den einen Gott, zu dem wir beten können."

Einmal sei er zu einem katholischen Gläubigen geholt worden, berichtet Ozarowski: "Er war überzeugt, dass er bald sterben muss. Ich kam mit ihm ins Gespräch, wir beteten zu Gott und plötzlich kam die Rede darauf, wie ein Klingonen-Krieger in den Star-Trek-Filmen stirbt. Der sterbende Klingone oder ein anderer Klingone geben einen lauten Schrei von sich, damit der Tod weiß, dass ein Klingone auf dem Weg zu ihm ist. Ich habe damals mit dem katholischen Gläubigen eine Stunde lang über Star-Trek-Filme geredet, er war sich plötzlich sicher, dass er doch noch nicht sterben muss. Ich bin dann losgegangen und habe ihm einen katholischen Priester besorgt. Später begegnete mir die Frau des Patienten auf dem Flur und sie sagte: 'Meinem Mann hat das Gespräch mit Ihnen über Star Trek viel besser gefallen als das Gebet mit dem katholischen Priester.'"

Der erfahrene Rabbiner lächelt und fügt hinzu: Es komme bei der Krankenhausseelsorge wahrlich nicht immer darauf an, dass man die Bibel, den Koran oder den Talmud zitieren kann. Juden, Christen und Muslime sollten viel mehr miteinander lachen, Gemeinsamkeiten finden und sich zusammen wohlfühlen.

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