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Lesart | Beitrag vom 16.06.2021

Quoten im LiteraturbetriebPlädoyer für "ausgleichende Ungerechtigkeit"

Zoë Beck und Thorsten Ahrend im Gespräch mit Joachim Scholl

Bücher liegen auf einem Büchertisch einer Leipziger Buchhandlung. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Frauen fordern mehr Sichtbarkeit im Literaturbetrieb, denn es erscheinen mehr Bücher von Männern als von Frauen. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Männer sind im Literaturbetrieb deutlich überrepräsentiert: mehr Bücher, mehr Aufmerksamkeit, mehr Preise. Zoë Beck fordert buntere, diversere Verlagsprogramme und Thorsten Ahrend meint, vielleicht sei es Zeit für eine ausgleichende Ungerechtigkeit.

"Mag sein, dass es nervt, wenn wir ständig zählen, aber ganz ehrlich: Uns nervt es auch, dass wir das überhaupt machen müssen", schrieb die Schriftstellerin und Verlegerin Zoë Beck im Jahr 2020.

Die Studie #frauenzählen hat nachgewiesen: Es werden mehr Bücher von Männern als von Frauen gedruckt. In den Medien werden auch mehr Bücher von Autoren als von Autorinnen besprochen und auch im Schulunterricht werden mehr Bücher von Männern gelesen als von Frauen.

Sehr penetrant durchgezählt

Es betrifft in erster Linie die Hardcover-Veröffentlichungen, sagt Beck, die dann auch eher besprochen werden und eher für Preise in Betracht gezogen werden. Daher haben einige Autorinnen "sehr penetrant durchgezählt", so Beck.  

"Genau diese Penetranz hat schließlich dazu geführt, genauer hinzusehen und zu überlegen, woran das eigentlich liegt, dass mehr Männer vorkommen. Und liegt es wirklich, wie gerne mal behauptet wird, nur an der Qualität."

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Thorsten Ahrend ist Programmleiter beim Wallstein Verlag. Er entgegnet, bei Statistiken gehe es um große Zahlen. Man könne nicht in jedem kleinen Bereich Einheit oder Proporz herstellen. Wenn Proporz zwischen männlichen und weiblichen Autoren gefordert wird, müsste man auch den Proporz zwischen weiteren Gruppen beachten.

Den Blick schärfen

In seinem Verlag haben im Frühjahr auf den ersten vier Positionen Frauen gestanden. Das sei aber nicht durch Zählung entstanden. Schon im Herbst werde das anders sein. Dann stehe mit Georges-Arthur Goldschmidt ein Mann an Position 1.

Es gehe auch gar nicht darum, in jedem Verlagsprogramm einen Proporz zu haben, sagt Beck. "Es geht darum, den Blick schärfen und zu fragen: Habe ich immer mit der richtigen Brille gelesen und die richtigen Parameter bei der Auswahl angewandt?"

Als Verlegerin kann Beck mit dem geschärften Blick auf die richtige Auswahl achten. Als Autorin schließt sie nicht aus, dass sie auf so manchem Podium gesessen habe, gerade weil sie eine Frau ist.

Frauen nicht so unterrepräsentiert

"Es ist mir ziemlich wurscht, ob ich in dem Moment die Quotenfrau bin. Hauptsache, eine Frau kann sich in dem Moment beweisen und zeigen, dass es nicht nur Männer in diesem Genre gibt."

Aber so unterrepräsentiert seien die Frauen zumindest im Moment nicht, meint Ahrend. "Wenn man sich anguckt, wer in den letzten Jahren zum Ingeborg Bachmann Preis eingeladen war, waren es mehr Frauen als Männer. Der Preis der Leipziger Buchmesse ging in allen drei Kategorien an Frauen."

Aber natürlich müssen sich alle auch fragen, warum Preise lange vornehmlich an Männer verliehen wurden, meint er. Heute sei es aber undenkbar, dass auf einem Podium nur noch Männer sitzen.

Preise nur für Autorinnen

"Wenn es viele Jahre gibt, in denen nur Männer Literaturpreise bekommen, dann ist es richtig, dass man ein paar Jahre hat, in denen nur Frauen Literaturpreise kriegen, weil es etwas nachzuholen gibt. Das ist eine ausgleichende Ungerechtigkeit, die jeder Mann, der annimmt, er müsse auch einen Preis bekommen, aushalten muss."

"Es muss jetzt Wellen schlagen und es muss unangenehm sein", sagt Beck. Wenn dann nach diesen Wellen die Situation so sei, dass wir buntere, diversere und interessantere Programme haben, dann ist dagegen nichts zu sagen."

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