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Fazit / Archiv | Beitrag vom 31.08.2009

Quicklebendiges politisches Theater

Aachener Friedenspreis für Berliner Compagnie

Von Natascha Freundel

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ISAF-Soldaten der Bundeswehr patrouillieren  in der Nähe von Feisabad, in Nordafghanistan. (AP)
ISAF-Soldaten der Bundeswehr patrouillieren in der Nähe von Feisabad, in Nordafghanistan. (AP)

Die Theatergruppe "Berliner Compagnie" erhält in diesem Jahr den nationalen Aachener Friedenspreis. Ihre neueste Produktion "Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch" ist Agitprop-Theater im besten Sinne und klärt auf über die Hintergründe des deutschen Afghanistan-Einsatzes.

Elke Schuster: "Es gibt ja diesen schönen Satz, der sagt: Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts. Ich denke, man kann jetzt nicht einen Frieden anstreben, der alle Verhältnisse belässt, wie sie sind."

Viel Licht fällt durch die schrägen Fenster in Elke Schusters Dachgeschosswohnung in Berlin-Kreuzberg. Auf die Frage hin, ob Frieden denn immer die bessere politische Lösung sei, lacht sie nur kurz auf.

"Na ja. Ich glaube, eine ganz wesentliche Ursache für Krieg sind Profitinteressen, sind Wirtschaftsbeziehungen, sind die Eroberung von Märkten, ist die Ungerechtigkeit, ist die Armut, die Unbildung und, und, und. Das heißt, man kann die Frage nach dem Frieden meiner Meinung nach nicht isoliert sehen. Von anderen Herrschaftsverhältnissen hier auf dieser Welt. --- Frieden ist für mich nicht die Friedhofsruhe, die alles untern Teppich kehrt."

So sehen es auch die Begründer des Aachener Friedenspreises. Sie glauben, Engagement für Frieden sei eine Frage der Verantwortung. Mit dem eher symbolischen Preisgeld von 1000 Euro soll nicht die Illusion von Harmonie gefördert werden, sondern eine aufgeklärte Kultur des Streits und des Dialogs - damit Waffen nicht sprechen müssen. Die Berliner Compagnie, die von bundesweiten Gastspielen lebt, existiert seit 1981 und ist damit sieben Jahre älter als der Aachener Friedenspreis. Doch für beide Gründungen spielte die atomare Bedrohung eine große Rolle.

Elke Schuster: "Also ich gehör zu dieser Nachkriegsgeneration, die sehr geprägt ist noch von diesen Nachwirkungen des Krieges. Also ich bin nach'm Krieg geboren, aber mein Vater war beinamputiert, mein Onkel war beinamputiert. Ich sag mal so, der Krieg hat in unsrer Familie nicht '45 aufgehört. Ich denke mal, dass zumindest in meiner Generation bei vielen das Engagement auch daher kommt, aus dieser Erfahrung heraus, was Krieg mit Menschen macht. Und es ist ganz schrecklich, wenn diese Lektion vergessen wird."

Was Krieg mit Menschen macht, aber auch was Freihandelszonen in Mittelamerika oder Südostasien mit Menschen machen, oder die israelische Besatzung in den palästinensischen Gebieten, der weltweite Öl- und Saatguthandel oder die Privatisierung des Wassers versucht die Berliner Compagnie mit einprägsamen, einfach ausgestatteten Inszenierungen zu zeigen. Ob Farce, Buleske oder Dokumentartheater à la Peter Weiss, alle theatralen Mittel sind der Regisseurin und Schauspielerin recht, solange die Form den Inhalt transportiert. Die fünf festen Ensemblemitglieder bekommen einen Einheitslohn, auf den sie mitunter - zugunsten der Gastakteure - verzichten müssen. Elke Schuster kennt das Leben nah an der Armutsgrenze. Aber ihren Job würde sie nicht so einfach hergeben.

Szene aus dem Stück: "Bald nach ihrem Abzug aus Afghanistan zerfiel die Sowjetunion. Die USA konnten daran gehen, eine neue Weltordnung zu schaffen. Als erstes galt es, wichtige Ölfelder zu sichern. Also ermunterte man Saddam Hussein, Kuweit zu überfallen. Hatte damit das Recht, den Irak zu überfallen, und dauerhaft amerikanische Stützpunkte im Nahen Osten einzurichten. An Afghanistan hatten alle das Interesse verloren. Aber der Krieg ging weiter."

Auf der schmalen Bühne eines kleinen Berliner Programmkinos: eine große, rohe Holzleiter. Rechts und links fünf Schauspieler an Mikrophonen.

"Aziza ist verliebt in Yassin - seit ich denken kann, bin ich über die Mauer zwischen unseren Häusern und hab mit Yassin im Obstgarten seines Vaters gespielt, aber heute war alles anders, wir waren am See. Wir lagen mit dem Rücken auf der Wiese, die Füße im Wasser, wir blickten in den Himmel. - ein Schock für die Eltern!"

"Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch" erzählt die Genese des Afghanistan-Kriegs - angefangen mit der klammheimlichen Förderung der Taliban durch die USA - und stellt dabei das Schicksal von Aziza und ihrer Familie in den Mittelpunkt. Das ist Agitprop-Theater im besten Sinne, denn es klärt auf: Wer sich über die Hintergründe des deutschen Afghanistan-Einsatzes informieren will, dem kann man diese Inszenierung nur empfehlen. Sie überzeugt inhaltlich und formal. Wie sich die alte Holzleiter im Handumdrehen in ein Haus, in eine Bahre, einen Umzugswagen, eine Berghöhle und ein löchriges Flüchtlingszelt verwandelt, bleibt in Erinnerung. Mehr noch die Geschichte der selbstbewussten Aziza, die im Kriegsgewirr versucht, Lehrerin, Liebende und Mutter zu sein.

Elke Schuster: "Ich würde nicht sagen, dass das Theater, also unser Theater, die Welt verändert. Das finde ich doch wirklich ein bisschen anmaßend. Aber ich glaube, dass es eine Zivilgesellschaft gibt, und um die am Leben zu erhalten, gerade in diesem ich nenn's jetzt mal totalitär kommerzialisierten Klima, braucht es unendlich viel Anstrengung. Und zwar von ganz, ganz vielen Seiten."

Diese Anstrengung ehrt der Aachener Friedenspreis. In diesem Jahr erinnert er daran, dass das gern totgesagte politische Theater hierzulande durchaus quicklebendig und hochaktuell sein kann.

Kulturpresseschau

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