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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.09.2017

Quer-Denkerei: Verlag l'Herne"Das politisch Korrekte ist nicht interessant"

Von Dirk Fuhrig

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Orhan Pamuk, Jacques Derrida, Michel Houellebecq (imago/ZUMA Press/Leemage/epd)
Orhan Pamuk, Jacques Derrida, Michel Houellebecq (imago/ZUMA Press/Leemage/epd)

Orhan Pamuk, Jacques Derrida, Michel Houellebecq: "L’Herne" verlegt in seinen "Cahiers" die großen Namen der französischen und internationalen Literatur. Rechts oder links? Darum schert sich die Verlegerin Laurence Tacou nicht. Wichtig ist ihr die Schärfe eines Gedankens.

Madame kommt mit dem Motorroller. Sie setzt den Helm ab und begrüßt mich auf der Straße. Laurence Tacous Verlag "L’Herne" liegt in einer ruhigen, unauffälligen Gasse – so scheint es auf den ersten Blick. Sofern man nicht weiß, dass hinter den dicken Mauern gegenüber der Rue Mazarine Nummer 22 die "Unsterblichen" residieren – die erlauchten Poeten der Académie française.

Die Herren von der Académie kommen immer mal vorbei und sagen Hallo. So spöttelt die resolute 64-Jährige, die sich mit den französischen Großliteraten ebenso auf Du und Du gibt wie mit internationalen Nobelpreisträgern.

"Orhan Pamuk war neulich da. Ich habe mit ihm die ganze Académie française besichtigt, wir sind bis in die letzten Winkel vorgedrungen. Pamuk war ganz beeindruckt von der Atmosphäre. Das ist eine ganz besondere Institution. So wie l’Herne. Das Cahier über Pamuk erscheint jetzt im Herbst."

Nur intellektuellen Schwergewichten wird die Ehre zuteil

Der Verlag, dessen Chefin ihn ganz unbescheiden selbst als Institution bezeichnet, ist für seine "Cahiers" berühmt: Cahier heißt "Heft", aber das hier sind keine schmalen Heftchen, sondern großformatige Kataloge. Laurence Tacou führt mich vor ein Regal vorne links in dem kleinen Raum ihrer Verlagsbuchhandlung. Hier stehen sie: wuchtig und gewichtig. Und nur intellektuellen Schwergewichten – vom Schlage eines Orhan Pamuk eben – wird die Ehre zuteil, ihren Nachnamen in grüner Schrift auf weißem Umschlag lesen zu können.

"Uns interessieren Leute, die den Geist der Zeit repräsentieren. Michel Houellebecq ist ja das große Mysterium unserer Tage. Er ist auch als Person immer für einen Skandal oder einen Streit gut. Seine Haltungen provozieren zum Nachdenken."

Kein Wunder also, dass der Verlag eines seiner jüngsten Cahiers dem Literaturstar gewidmet hat.

"Viel Überraschendes ist da drin, etwa der Aufsatz "Rester vivant – et puis mourir", also "Am Leben bleiben – und dann sterben". Das sind sehr existentielle Einblicke in die Welt des Autors. Wir haben auch etliche Gedichte aufgenommen – als Poet ist Houellebecq ja weniger bekannt."

Auch Houellebecqs neuer Schopenhauer-Essay wurde im französischen Original von "L’Herne" verlegt.

Nicht "links" genug?

Die Materialfülle, die die "Cahiers" bieten, ist stets einzigartig. Derart üppige Autoren-Monografien leistet sich kein deutscher Verlag. In Frankreich sind die zwischen 30 und 40 Euro teuren Hefte legendär und oft ein großer Verkaufserfolg. Aber auch nicht unumstritten. Seit in den 60er-Jahren die Reihe mit einem Cahier über den rechtslastigen Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline eröfffnet wurde, taucht immer wieder der Vorwurf auf, "L’Herne" sei nicht "links" genug.

"Wir lieben Autoren, die Fragen stellen und Diskussionen auslösen. Das politisch Korrekte ist nicht interessant – finde ich jedenfalls."

Ideolgische Eindeutigkeit langweilt die elegante und rhetorisch brillante ehemalige Journalistin, die den Verlag von ihrem Vater übernommen hat."L’Herne" ist im Französischen ein Wortspiel, das die "Hydra von Lerna" mit ihren unaufhörlich in alle Richtungen nachwachsenden Köpfen anklingen lässt.

Vielfalt ist Verlagsprogramm: Der neue Essay von François Jullien etwa. Darin wendet sich der weltweit meistübersetzte zeitgenössische Philosoph gegen die "identitäre" Ideologie der neuen Rechten: "Es gibt keine kulturelle Identität" heißt der Text, der in diesen Tagen auch auf Deutsch erscheint.

Rechts oder links – darum schert sich die Verlegerin nicht.

"Sehen Sie, das ist Frankreich. Schwarz oder Weiß. Es gibt keine Debatte, keine Diskussion. Entweder ist man auf der guten oder auf der bösen Seite. Wenn man Talent hat, ist man automatisch auf der bösen Seite. So ist das bei uns."

Die Schärfe des Gedankens zählt

Für Laurence Tacou zählt die Schärfe des Gedankens. Sie zeigt auf die Regalwand mit den Cahiers von Autoren höchst unterschiedlicher politischer Couleur. Claude Lévy-Strauss, Jacques Derrida, Paul Ricoeur - nicht zu vergessen der Nobeltreisträger von 2014, Patrick Modiano.

Auch etliche deutsche Namen sind zu entdecken:

"Wir haben viele ausländische Autoren im Programm, auch viele Deutsche und Österreicher. Joseph Roth, Heidegger, Freud. Wen noch?"

"Karl Kraus, Thomas Mann, Hölderlin."

Laurence Tacou zieht mich von den großen Geistern weg. Sie will mir noch etwas anderes zeigen.

Ihr Büro liegt, getrennt von der Verlagsbuchhandlung, im Hinterhof – Erdgeschoss. Die Brüstung des Pariser Altbaufensters liegt auf Kniehöhe. Wer das Bein etwas anhebt, vermeidet den Umweg übers Treppenhaus.

Patrick Modiano sei schon über diese Hürde geklettert. Und Carlos Fuentes, der zwar keinen Nobelpreis hatte, ihr aber seine Gelenkigkeit im hohen Alter demonstrieren wollte, so erzählt die Verlegerin augenzwinkernd, hüpfte sogar in ihr Büro.

Und jetzt fordert Laurence Tacou auch mich auf, über die Fensterbrüstung zu steigen – welch Ehre! Unkonventionell ist sie auf jeden Fall, die Quer-Denkerin und Herrin von "L’Herne".

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