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Kompressor | Beitrag vom 13.11.2018

Queeres Kino in BrasilienHarte Zeiten für die Filmschaffenden

Wolfgang Martin Hamdorf im Gespräch mit Gesa Ufer

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Der Film "Tinta Bruta" von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher ist in der Reihe "Panorama" auf der Berlinale zu sehen. (Avante Filmes)
Der Film "Hard Paint" ("Tinta Bruta") von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher wurde mit dem diesjährigen Teddy Award der Berlinale ausgezeichnet. (Avante Filmes)

Mit "Hard Paint" kommt erneut ein brasilianischer Film ins Kino, der sich mit dem Leben der Queer-Community beschäftigt. Unter dem ultra-rechten, homophoben Präsidenten Bolsonaro werden solche Filmprojekte es bald schwer haben, sagt Filmkritiker Wolfgang Hamdorf.

Am Donnerstag läuft "Hard Paint" (Originaltitel: "Tinta Bruta") an, ein brasilianischer Film über einen jungen Mann, Leo, der sich in einer sexuellen YouTuber-Parallelwelt verliert und eine Liebesgeschichte mit einen Ballettschüler beginnt. Der Film steht für eine auch sexuell sehr explizite Verhandlung queerer Stoffe im brasilianischen Kino. 

Die Filmemacher Filipe Matzembacher, Marcio Reolon: Ihr Film "Tinta Bruta" läuft auf der Berlinale 2018. (Avante Filmes)Die Filmemacher Filipe Matzembacher und Marcio Reolon. (Avante Filmes)

Die Regisseure  gewannen den Teddy Award der diesjährigen Berlinale. Filmkritiker Wolfgang Martin Hamdorf kennt die brasilianische Film- und Fernsehszene und sagt, der Film spiegele einerseits gut wider, dass homosexuelle Beziehungen in Brasilien kein Tabu seien. Zeige aber andererseits — in der Figur einer konservativen Richterin — wie viel subtile Homophobie noch immer in der Gesellschaft stecke: Leo steht wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht, weil er sich gegen die aggressiven, schwulenfeindlichen Äußerungen eines Mitschülers zur Wehr gesetzt hat — und findet vor Gericht keine Gnade.

Noch drastischer, auf jeden Fall greller und praller als der eher düstere "Hard Paint" ist die ebenfalls bei der Berlinale gezeigte Dokumentation "Tranny Fag" über die Trans-Baille-Funk-Diva Linn da Quebrada.

Was sagen uns Filme wie diese über die Öffentlichkeit und öffentliche Wahrnehmung von LGBT-Menschen (Lesbisch-Schwul-Bi-Trans) und -Communities im heutigen Brasilien? Seit vor ein paar Jahren in einer der beliebten TV-Telenovelas eine Sexszene zwischen zwei Männern gezeigt worden sei, sei das Thema eigentlich kaum noch ein Aufreger, sagt Hamdorf. Es gebe viele spannende Filme über das Leben der Queer-Community — Spielfilme wie Dokumentationen.

Homophobie ist Teil von Bolsonaros Programm

Doch wie ist die Situation nach der dramatischen Wahl und mit einem ultra-rechten und bekennend homophoben Präsidenten? "Diese Diskriminierung, diese Verfolgung ist Teil seines Programms: Diese ultra-rechten, faschistischen Werte, mit denen er an die 20-jährige Militärdiktatur anknüpft — da hat sich von der Ideologie her eigentlich nicht viel geändert. Er wurde ja auch ganz stark von der ultra-konservativen evangelikalen Gemeinde unterstützt, für die die ganz LGBT-Community in Brasilien eigentlich der Teufel selbst ist."

Diese Evangelikalen kämpften gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und hätten in den letzten Jahren immer mehr Anhänger gefunden und hätten großen Einfluss auf die brasilianischen Massenmedien.

Filmschaffende haben Angst

Zugleich seien die Evangelikalen sehr vielschichtig. Hamdorf: "Ich wusste das bis vor kurzem nicht, aber es gibt eine evangelikale Kirche, die von zwei schwulen Predigern gegründet worden ist — extra für die LGBT-Community in Brasilien."

Im Moment herrsche unter Filmschaffenden allgemein Angst — denn Präsident Bolsonaro habe "sich ähnlich abfällig über die Kulturschaffenden geäußert wie über Schwule und Lesben. Er hat gesagt: Das sind Parasiten, die nur Subentionen schlucken, aber keine Werte schaffen. Und er werde nur noch Kultur fördern, die Werte schaffen. Und das setzt natürlich die Leute sehr unter Druck."

(mkn)

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