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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 19.12.2013

Quantified SelfIch werde perfekt

Der Selbstoptimierer Fabian Crain

Von Jens Rosbach

Mit Hilfe eines Bauchgürtels wird die Körperhaltung analysiert. (Deutschlandradio Kultur)
Mit Hilfe eines Bauchgürtels können Bewegung und Körperhaltung analysiert werden. (Deutschlandradio Kultur)

Er protokolliert seine Hirnaktivität, zählt seine Schritte und analysiert seinen Vitamin-D-Spiegel: Fabian Crain hat der Disziplinlosigkeit den Kampf angesagt und glaubt, durch Selbstvermessung nicht nur effizienter, sondern auch glücklicher zu werden.

Fabian Crain schläft mit einem Gummiband um den Kopf. Es ist mit Elektroden bestückt und misst seine Hirnaktivität. Die Daten werden - kabellos - an eine Art Wecker gesendet. Dieser ertönt am Morgen genau dann, wenn Crain in einer Leichtschlafphase ist. Das Aufstehen ist dann einfacher.

Danach wirft sich der 28-Jährige auf den Boden und macht genau 55 Liegestütze, anschließend 50 Kniebeugen.

Beim Anziehen steckt sich der gebürtige Schweizer einen kleinen schwarzen Schrittzähler in die Hosentasche. Sämtliche Daten landen in seinem MacBook.

"Ich würde sagen, ich habe schon vielleicht wie viele Leute auch versucht, Dinge zu verbessern. Ob es jetzt um Sport geht oder um Ernährung oder irgendetwas. Und ich habe halt oft gemerkt, dass das nicht geklappt hat."

In seinem früheren Leben sei vieles suboptimal gewesen, meint der blonde, gutaussehende Crain. Er trödelte bei seinem Studium der Volkswirtschaft, Philosophie und Psychologie, er ließ sich von Facebook ablenken und ging feiern.

"Es gab sicher Jahre, wo mir nicht ganz klar ist, was ich da gemacht habe."

Mitunter startete er absonderliche Projekte - wie "Ich fliege spontan nach Südamerika und schreibe dort ein Drehbuch".

"Das ist völlig in die Hosen gegangen!"

Schluss mit der der Disziplinlosigkeit, sagte sich Crain und wurde vor zwei Jahren zum Selbstoptimierer. Seitdem "trackt", also misst er, wie oft er in der Nacht aufwacht, wie viel er sich bewegt und wie viele Bücher er pro Monat liest. Er analysiert sich "bis aufs Blut" - etwa wenn es um seinen Vitamin-D-Spiegel geht.

"Das heißt, man macht da so Bluttest, das kann nach Hause geschickt werden und sticht sich ein bisschen in den Finger, da hat man einen Bluttropfen, den man da einschickt. Alle sechs Monate so."

Alles wird "optimiert"

Crain nimmt täglich gelbe Vitaminpillen ein, um Erkältungen zu verhindern und seine nachmittägliche Müdigkeit zu reduzieren. Auch die Nahrung wird perfektioniert. Das heißt: Es gibt kein Frühstück und kein Mittag - und danach kommen nur Obst, Gemüse und Fleisch auf den Teller - kein Brot und keine Kartoffeln. Wobei es ihm nicht um sein Gewicht geht - damit hatte er nie Probleme.

"Das ist etwas, was sehr konsistent gefunden wurde, dass Kalorienreduktion einen sehr positiven Effekt hat auf die Lebenserwartung. Und was offensichtlich auch so ähnlich funktioniert ist periodisches Fasten. Und ich mach das schon ne Weile. Und was man zum Beispiel auch gefunden hat, dass neue Hirnzellen produziert werden. Und der andere Grund ist, dass ich mich sehr wohl fühle."

Crain hat mittlerweile sein Studium abgeschlossen; er schreibt jetzt Computerprogramme und handelt mit digitalem Geld, mit Bitcoins. Setzt sich der Selbstvermesser an seinen Laptop, benotet er alle 25 Minuten, wie effektiv er arbeitet - auf einer Skala von eins bis drei. Die Monats-Kurven führen zu neuen Selbsterkenntnissen. Etwa, dass eine konsequente 40-Stunden-Woche Illusion ist.

"40 Stunden so richtig zu arbeiten - ich persönlich glaube nicht, dass ich das schaffen könnte. Für mich ist so fünf Stunden, sechs Stunden … sechs Stunden bin ich absolut zufrieden am Tag."

Wobei Crain feststellen muss, dass er bei der Vermessung der eigenen Welt die Erfolgsstatistik manchmal etwas schönt. Unbewusst.

"Da muss man sich dann zum Teil selbst ertappen."

Wo landet der tägliche Datenberg? In Excel-Tabellen, in Online-Foren der Selbstoptimierer oder in iPhone-Apps. Diese zeigen dann in leuchtendem Orange an, dass Fabian Crain wieder seine 55 Liegestütze gemacht hat. Ist er allerdings faul, wird die Farbkette auf dem Display unterbrochen.

Leistung wird virtuell belohnt

"Diese Apps sind ja auch so designt, um genau solche Verhalten zu belohnen. Obwohl das dann vielleicht virtuelle Belohnungen sind, die nicht wirklich ne reale Bedeutung haben. Psychologisch funktioniert das doch so, dass das weiterzuführen doch eine große Befriedigung gibt."

Unbefriedigend ist allerdings, dass die Eigen-Observation manchmal auf Skepsis stößt. So wird schon mal in Blogs über die Statistik-Nerds gelästert. Dabei ist der 28-Jährige ganz sympathisch - nur wirkt er mitunter etwas sehr gefasst und akkurat. Crain ist jedenfalls überzeugt, dass er sein Leben nun optimiert, also im Griff hat.

"Ja, ein Gefühl von Sicherheit, dass man den Überblick hat, und auch eine gewisse Kontrolle hat - das hat mir enorm geholfen. Ich bin sicher glücklicher und zufriedener auch."

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