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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.06.2009

Qualitätsjournalismus trotz Krise

Treffen des "Netzwerk Recherche"

Von Michael Meyer

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Bei der morgendlichen Konferenz: Zahlreiche Redaktionen müssen sich mit gekürzten Budgets und weniger Redakteuren abfinden. Wird deshalb automatisch der Journalismus schlechter?  (Stock.XCHNG / carl dwyer)
Bei der morgendlichen Konferenz: Zahlreiche Redaktionen müssen sich mit gekürzten Budgets und weniger Redakteuren abfinden. Wird deshalb automatisch der Journalismus schlechter? (Stock.XCHNG / carl dwyer)

Über 600 Medienmacher haben beim Treffen des "Netzwerk Recherche" in Hamburg über aktuelle Probleme des Journalismus' diskutiert. Zahlreiche Redaktionen in Deutschland müssen sich mit Hürden wie niedrigen Budgets oder der Auslagerung von Redakteuren in Tochtergesellschaften auseinandersetzen.

Die Medienbranche trifft die allgemeine Wirtschaftskrise mindestens ebenso hart wie die Automobilbauer oder die Kaufhäuser – kein Wunder daher, dass das diesjährige Treffen des "Netzwerk Recherche" unter dem Motto stand: "Journalismus zwischen Morgen und Grauen". Über 600 Journalisten trafen sich am Freitag und Samstag in Hamburg beim NDR, um über die Probleme ihrer Branche zu sprechen. Und diese sind vielfältig: Weniger Geld, weniger Journalisten, mehr journalistisches Einerlei, so lautete die Klage vieler Medienmacher. Doch das "Netzwerk Recherche" will auch Mut machen, und trotz Krise zu mehr Recherche und besserem Journalismus ermuntern. Michael Meyer war in Hamburg dabei.

"Journalismus ist eindeutig systemrelevant" rief Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung in seiner Eröffnungsrede seinen Kollegen zu und erwähnte in seiner anschließenden halbstündigen Tour d'Horizon alle Probleme, die die Branche derzeit beschäftigen: Gekürzte Redaktionsbudgets, Auslagerung von Redakteuren in Tochtergesellschaften und eine allgemeine Verflachung des Journalismus seien gefährliche Entwicklungen, meint Prantl. Dennoch seien die Zeitungen noch immer in erstaunlich guter Verfassung – es gebe aber eine gewisse Weinerlichkeit der Journalisten, man schreibe sein eigenes Produkt schlecht – nicht zuletzt wegen der Konkurrenz des Internets:

"Man sollte endlich damit aufhören, Gegensätze zu konstruieren, die es nicht gibt: Also hier Zeitung und klassischer Journalismus, dort Blog mit einem angeblichen unklassischen Journalismus. Man sollte damit aufhören, mit ökonomischem Neid auf die Blogs zu schauen: Mit und in den Blogs wird sehr viel weniger Geld gemacht als mit den Zeitungen. Man sollte aufhören mit dem Gerede, dass der klassische Journalismus in einem Bermuda-Dreieck verschwände. Der gute klassische Journalismus ist nichts anderes, als der gute digitale Journalismus. Die Grundlinien laufen quer durch diese Raster, es gibt guten und schlechten Journalismus in allen Medien."

Der Strukturwandel der Branche sei aber angesichts des Internets unausweichlich, meint "Freitag"-Verleger Jakob Augstein, und das bedeute: Weniger Journalisten werden in Zukunft womöglich mehr Inhalte liefern müssen bei insgesamt sinkenden Einnahmen. Das Internet bedeute auch, die Leser, Hörer und Zuschauer stärker einzubinden:

"Sie brauchen aber sehr wohl hochprofessionelle Journalisten, die das ordnen, sortieren, zusammensammeln, und ich glaube, Strukturwandel bedeutet, dass es nachher echt anders ist, als vorher. Ich habe bei diesen ganzen Debatten das Gefühl, dass alle glauben, es wird nur so ein bisschen anders."

Trotz des Strukturwandels, der ja schon in vollem Gange ist, gibt es in einigen Redaktionen erstaunliche Entwicklungen. Bei der Süddeutschen Zeitung hat man vor einigen Monaten eine Redaktion für Recherche und investigativen Journalismus gegründet. Dessen Ressortleiter, Hans Leyendecker, ist höchst erfreut über mehr Möglichkeiten und
Ausreichende Personal- und Finanzausstattung – zumal mitten in der Wirtschaftskrise. Allerdings, so Leyendecker, müsse sich die Erkenntnis, dass exklusiv recherchierte Geschichten auch zum Erfolg einer Zeitung oder Zeitschrift beitragen, weiter durchsetzen.

Leyendecker:

"Die Erkenntnis ist da, also Zeitungen werden nur dann überleben können, wenn sie dem Leser etwas bieten, was er sonst nicht bekommt. Ich weiß nicht, ob man sich auch entschließen kann, das dann auch so umzusetzen, nämlich guter Journalismus braucht Geld, muss gereist werden, manchmal ist es dann auch keine Geschichte wenn man das gemacht hat, da werden die Verleger Einsicht brauchen. Ich habe mit Kollegen gesprochen, die sich überhaupt nicht mehr bewegen dürfen, nicht mehr reisen dürfen ,keine Telefonkosten verursachen dürfen, die irgendwie versuchen, das Blatt zuzumachen, das halte ich für eine Gefährdung der Blätter, andere Blätter wie die FAZ, die Süddeutsche haben da sehr viel mehr Möglichkeiten, und ich glaube, die braucht eigentlich jedes Blatt, um am Ende überleben zu können."

Auch beim Fernsehen tut sich in einigen Sendern etwas: Beim Südwestrundfunk besteht seit anderthalb Jahren das Ressort für Reportage und Recherche, das Kompetenzen bündelt und exklusiv für den SWR und die ARD Themen recherchiert. Diese neugeschaffenen Teams sind jedoch nicht stellvertretend für die gesamte Branche, meint auch SWR-Chefreporter Thomas Leif:

"Also ich glaube, das sind die Blüten, die Seerosen auf dem Teich, ... , aber es ist ein Trend, den einzelne Regionalzeitungen schon verstanden haben: Wenn exklusive Nachrichten und Storys reinkommen, steigt der Wert der Zeitung, oder auch des Mediums Hörfunk und daraus leiten sie ab, dass sie ihre Kräfte bündeln, mehr ist es ja nicht, erfahrene Leute an die Sitze nehmen und jüngere Talente so hegen und pflegen, und vor allen in die richtige Richtung platzieren, die gute Storys reinholen – die wiederum haben einen Mehrwert durch die Nachrichtenagenturen durch die Nennung des Mediums, des Absenders, insofern ist es eine Win-Win-Situation, die noch selten in Deutschland praktiziert wird, noch sind es Ausnahmeerscheinungen, aber ich glaube, zunehmend werden im Zuge der Marktanalyse andere Verleger auf diese Idee kommen oder auch Sendeverantwortliche."

Seit letztem Jahr geistern mehrere Rettungsmodelle für investigative Recherche durch die Branche: Stiftungen könnten eine Möglichkeit sein, den Zeitungen mehr Geld für Recherche zu verschaffen, in den USA funktioniert das zum Teil schon recht gut. Auch über die Unterstützung seitens des Staates wird schon nachgedacht – doch die meisten Medienmacher lehnen dies ab: Die Unabhängigkeit der Presse sei das höchste Gut, und nur wer unabhängig ist, kann auch guten Journalismus machen.

Dieser Gedanken steckt auch hinter der alljährlichen Verleihung der "Verschlossenen Auster" – ein Preis mit Widerhaken: Die Auster wird verliehen an Personen oder Organisationen, die besonders ungenügend mit der Presse zusammengearbeitet haben, Otto Schily etwa bekam den Preis schon verliehen. In diesem Jahr ging die Auster an den Bundesverband der Banken. Laudator Rudolf Hickel bescheinigte dem Verband nicht nur eine schlechte, sondern sogar eine bewusst irreführende Öffentlichkeitsarbeit während der Finanzkrise, und forderte eine öffentliche Entschuldigung. Der Vertreter des Verbands, der nach Hamburg gekommen war, entschuldigte sich nicht, gelobte aber immerhin Besserung und künftig eine - noch - bessere Öffentlichkeitsarbeit.

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