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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.06.2009

Quälende Suche nach Identität

Antonio Di Benedetto: "Zama wartet", Manesse Verlag, München und Zürich 2009, 381 Seiten

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Gefangen in der Ödnis von Busch und Fluss. (Seynsche)
Gefangen in der Ödnis von Busch und Fluss. (Seynsche)

Diego de Zama, Beamter im Vizekönigreich Río de la Plata, wird Ende des 18. Jahrhunderts in die Ödnis versetzt. Er hofft auf Beförderung, doch das Provinznest - Asunción im heutigen Paraguay - erweist sich als Endstation. Antonio Di Benedettos erstmals 1956 erschienenes Buch ist jetzt in einer Neuauflage auf Deutsch erschienen.

Gäbe es eine Galerie vergessener Prosa-Meister, würde darin auch sein Bild hängen: Antonio Di Benedetto, Jahrgang 1922. Die Biographie des Argentiniers ab Mitte der Siebziger war typisch für sein Land. Während der Diktatur wurde der Journalist verhaftet, man hat ihn gefoltert, unter anderem mit fingierten Erschießungen; erst nach anderthalb Jahren und auf internationalen Druck hin (auch Heinrich Böll engagierte sich) kam er wieder frei. Er lebte in Paris, Madrid, ab 1984 erneut in Buenos Aires, dort starb er zwei Jahre später arm und einsam.

Der Erzähler hinterließ ein schmales Werk; von prominenteren Kollegen wurde es hoch geschätzt. Jorge Luis Borges etwa äußerte sich "tief berührt". Beim heimischen Publikum hingegen waren seine Bücher lange vergessen, doch seit Ende der Neunziger gibt es Neuauflagen. Auf deutsch existiert bislang nicht einmal eine Handvoll Benedetto-Texte. Nun erscheint das bekannteste Buch, als Leinenband in Taschenformat.

"Zama wartet": Diego de Zama, Beamter im Vizekönigreich Río de la Plata, wird Ende des 18. Jahrhunderts in die Ödnis versetzt. Er hofft er auf Beförderung, doch das Provinznest – Asunción im heutigen Paraguay – erweist sich als Endstation. Oft steht der Protagonist am Fluss, dem Río Paraguay, und wartet auf ein Schiff, "ohne zu wissen, wann es kommen würde" – ein Schiff mit Post von daheim, mit dem Lohn für die letzten Monate, ein Schiff, das ihn fortbringen könnte. Er wartet und verpasst dabei sein Leben.

In Ich-Form erzählt dieser Zama vom eigenen Niedergang. Er berichtet von den Zumutungen eines nur subalternen Amtes, von Zänkereien mit Untergebenen, von jähzorniger Rebellion und stumpfer Resignation, auch von den schalen Abenteuern mit verheirateten Damen. Später beschreibt der Held die Unbilden einer als feindlich wahrgenommenen Natur: Buschwald und Wilde auf drei Seiten der Stadt, zur vierten liegt träge der Fluß. Aus diesem Verlies kommt er nicht mehr heraus; die Hauptstadt und die Familie fern im Norden wird der Mann nie wiedersehen. Zunehmend vermischen sich Reales und Fiktives in seinem Bericht. Am Ende übergibt er dem Río Paraguay noch eine Flaschenpost an die Ehefrau – "Marta, ich bin nicht gescheitert", so spricht sein Trotz –, dann stirbt der Held im Busch durch die Hand von Banditen.

Das Werk hat eine eigentümliche Editionsgeschichte. Erstmals erschien es 1956, 1967 dann noch einmal, in einer revidierten Variante. Im selben Jahr kam eine deutsche Fassung von Maria Bamberg heraus, nun hat die Übersetzerin ihre Version revidiert.

Man darf dankbar sein für die Neuausgabe, denn dies ist ein besonderer Roman. Die historisierende Anmutung erweist sich als Maske; Di Benedetto schreibt von einer sehr heutig wirkenden Reise ins eigene Ich. Spielerisch streift der Autor große Lehren des 20. Jahrhunderts, etwa Existenzphilosophie und Tiefenpsychologie. Gleichermaßen spielerisch interpretiert er zwei Topoi der argentinischen Literatur – die quälende Suche nach einer amerikanischen Identität (in Abgrenzung zu den Kolonialreichen in Europa) und "Barbarei versus Zivilisation". Der Busch, die Natur mit ihren wilden Bewohnern, steht für Barbarei. Doch die Kolonialbeamten aus der Spätzeit des spanischen Imperiums, gefangen im Dickicht aus Akten und Vorschriften, wirken auch nicht eben zivilisiert.

Es gibt weitere Paradoxa in dieser Prosa: Das Buch ist tragisch, aber nicht trist, es handelt nur vom Warten und liest sich doch ungemein spannend. Figuren und Kulisse sind noch vom Barock geprägt, die Sprache aber erreicht jene treffende Kargheit, wie sie zeitgleich mit Di Benedetto der Mexikaner Juan Rulfo perfektionierte. "Zama wartet", dieses kleine Buch, ist ein großer Text. Ein Lesevergnügen.

Besprochen von Uwe Stolzmann

Antonio Di Benedetto: Zama wartet
Aus dem Spanischen von Maria Bamberg
Nachwort von Roland Spiller
Manesse Verlag, München und Zürich 2009
381 Seiten, 19,90 Euro

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