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Kompressor | Beitrag vom 08.01.2015

Publizist Michel Friedman zu Massaker in Paris"Freiheit heißt auch, daneben zu greifen"

Moderation: Max Oppel

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Michel Friedman: Rechtsanwalt, Kolumnist, Fernsehmoderator, Politiker (CDU) und ehemaliger stellvertrender Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland - hier in der Sendung Menschen bei Maischberger (Imago / Revierfoto)
"Lieber einmal zu viel reingebissen, als gebisslos", sagt der Publizist Michel Friedman. (Imago / Revierfoto)

Es könne sein, dass sich die französische Satire-Zeitung Charlie Hebdo - auf die am Mittwoch ein Anschlag mit zwölf Todesopfern verübt wurde - mit ihrem Humor verrannt habe, sagt der Publizist Michel Friedman. Doch in unserer Kultur bedeute Freiheit auch, daneben greifen zu können.

Die französische Satire-Zeitung Charlie Hebdo, auf die am Mittwoch ein Anschlag mit zwölf Todesopfern verübt wurde, ist "radikal, teilweise grenzüberschreitend, provokativ, mal intelligenter, mal weniger intelligent", sagte der Journalist und Publizist Michel Friedman im Deutschlandradio Kultur. Er ist in Frankreich aufgewachsen und kennt somit die französische Satire-Tradition. Mit ihrer Satire wolle Charlie Hebdo vor allem diejenigen provozieren, "die Macht haben oder sich einbilden, Macht zu haben". Das sei der Sinn dieser journalistischen Gattung Satire. Sie sei immer grenzwertig, überschreite Grenzen. Wenn sie das nicht täte, wäre sie zahnlos. "Dass sie manchmal die falschen Gebisse dabei anziehen, ist ein Bestandteil des Risikos", so Friedman. "Aber lieber einmal zu viel reingebissen, als gebisslos die Macht anmachen zu wollen." 

In unserer Kultur könne man sich aber dagegen wehren, könne ebenso rhetorisch und polemisch dagegen angehen oder vor der Tür der Redaktion demonstrieren. erklärte Friedman. Der Streit auf so eine Provokation sei vielleicht sogar erwünscht. "Der Streit mit Kalaschnikow ist nie erwünscht."

Feuerwehrleute und Polizisten vor der Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" (AFP /Kenzo Tribouillard )Bei einem Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" sind zwölf Menschen getötet worden. (AFP /Kenzo Tribouillard )

Dabei sei aber sehr wichtig, festzustellen, dass Charlie Hebdo keine Satire-Zeitung sei, die sich ausschließlich mit Islam auseinandersetze, sondern mit allen Weltreligionen, betonte Friedman. "Das müssen wir in einer Gesellschaft aushalten, in der das Grundprinzip heißt: Freiheit heißt auch, daneben zu greifen."

"Das hatten wir auch, bis die Nazis gekommen sind"

Dabei könne es sein, dass sich Charlie Hebdo auch ein Stück verrannt habe, das wolle er jetzt gar nicht beurteilen. Dabei sei auch immer der "so genannte Empfängerhorizont" entscheidend, also, dass jemand sehr Frommes unter Umständen sage, dass geht gar nicht, während ein Atheist danach frage, wo das Problem sei.

"Es ist ja auch ein so genannter Empfängerhorizont entscheidend. Der eine, der sehr fromm ist, sagt: Das geht gar nicht. Jemand, der ein Atheist ist, sagt: Das würde ich so nicht tun, aber wo ist denn wirklich das große Problem, haben wir nicht größere Probleme."

In Deutschland gebe es eine ganz andere Gesetzgebung als in Frankreich, beispielsweise zur Verumglimpfung religiöser Symbole. Frankreich habe seit der Französischen Revolution eine ganz andere Satirekultur. "Das hatten wir auch, bis die Nazis gekommen sind. Diese Kultur ist bei uns überhaupt nicht mehr präsent." Hierzulande lasse die Pressefreiheit in Bezug auf das, was in Worten gesagt werde, sehr vieles zu. 

Es dürfe nicht sein, dass die Forderung aus dem Attentat sei, eher zu untertreiben als zu übertreiben, sagte Friedman. "Dann sind wir da, wo uns der Terrorismus hinbringen will."

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