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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.03.2009

Pubertät als Chance

Annegret Noble-Fischer: "Maulende Rebellen, beleidigte Zicken. Der Erziehungscoach für Eltern", München 2009, 192 Seiten

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Grenzen sollen Eltern ihren Kindern nur selten setzen, meint die Therapeutin Annegret Noble-Fischer.  (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Grenzen sollen Eltern ihren Kindern nur selten setzen, meint die Therapeutin Annegret Noble-Fischer. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Anders als der Titel dieses Erziehungs-Ratgebers vermuten lässt, kümmert sich die aus dem Fernsehen bekannte Autorin vor allem um die Eltern und zeigt ihnen mit vielen Übungsvorschlägen, wie sie ihre pubertierenden Sprösslinge fordern und fördern und vor allem in Beziehung mit ihnen bleiben können.

Das ist ein erfreulich ehrliches, deutliches und unterstützendes Buch, das Annegret Noble vorlegt. Dabei ist die Autorin mit ihren Anregungen alles andere als bequem. Bereits auf der ersten Seite konfrontiert sie die Eltern damit, dass sie auf jeden Fall ein Teil des Problems sind, wenn Jugendliche über die Stränge schlagen.

Die Eltern müssen sich also ändern, damit ihr Kind sich ändern kann. Auch wenn es Zeit und Energie kostet - gerade die Zeit der Pubertät ermöglicht es, vieles zu reparieren, was zuvor schieflief. Mit vielen nachvollziehbaren Beispielen beschreibt sie, wie das geht und vor allem auch, was man von Anfang an tun kann, damit solche Probleme gar nicht erst entstehen und die Beziehung zum Kind gelingt.

Annegret Noble-Fischer ist aus einer TV-Dokumentation bekannt. Als Therapeutin mit Cowboyhut forderte sie außer Kontrolle geratene Teenager heraus, setzt ihnen klare Grenzen und bringt ihnen so soziales Verhalten bei.

Klar sagt sie nun als Autorin: Diese Interventionen, die sie in ihrem Buch entwirft, spielen sich nur im Dachgeschoss des Hauses der Erziehung ab. Auch in einem Haus steigt man nur ab und zu mal unters Dach. Ebenso verhalten sollten Eltern auch mit Grenzen und Konsequenzen gegenüber ihrem Kind sein. Denn für ein gutes Zusammenleben genügen verhaltenstherapeutische, teilweise an Dressur grenzende Ansagen nicht, wie sie im Fernsehen zu sehen sind.

Spätestens aber wenn ein Jugendlicher kommt und geht, wann er will, weder für die Schule, noch im Haushalt etwas tut, möglicherweise Drogen nimmt oder kriminell gefährdet ist, sollte man eingreifen. Pointiert und witzig beschreibt die Autorin, wie man sich in diesen nervenraubenden Machtkämpfen mit den Jugendlichen klar und ohne Vorwürfe positioniert. Beispielsweise indem Eltern fragen: Wie möchtest du mich für die Zeit bezahlen, die ich brauchte, das Bad für dich zu putzen.

In jüngster Zeit erschienen mehrere Bücher, die erläutern, wie sich das Hirn von Pubertierenden umstrukturiert, was es für Jugendliche bedeutet, als Kind ins Bett zu gehen und als erwachsene Triebwesen zu erwachen, auch wie Medien den Alltag verändern. Dieses Wissen greift die Therapeutin Annegret Noble-Fischer auf und zeigt, was es für das Verhalten von Eltern – und es sei hinzugesetzt – für Pädagogen bedeutet.

Sie müssen umso klarer als Vorbilder im Erd- und Obergeschoss des Hauses der Erziehung agieren. Wie Eltern im Gespräch ihren pubertierenden Kinder Handlungs- und Entscheidungsfreiheit eröffnen und sie beim Wort nehmen können, ist an vielen Alltagsbeispielen nachlesbar.

Überhaupt ist die Autorin auf der Höhe der Zeit und nutzt beispielsweise Erkenntnisse über das Lernen und aus der Paartherapie auch für Eltern. Nicht nur für die Beziehung zum Liebespartner, sondern auch für den Sprössling kann es entscheidend sein, zu wissen, welche "Sprache der Liebe" das Kind anspricht und wie er die Zuneigung der Eltern merkt: über Geschenke, Anerkennung, Zeit und Aufmerksamkeit, hilfreiche Dienste oder Zärtlichkeit.

Witzige Namen findet die Autorin, um die verschiedene Erziehungsstile zu beschreiben: Sind Sie Hubschraubereltern, ständig im Einsatz und das Kind beschützend? Oder Offiziere, mit Anweisungen für unterwegs? Laissez-faire-Eltern oder doch eher Berater, die fragen, wie die Jugendlichen ein Problem lösen wollen.

Mehr als ein Drittel des Buches dreht sich nur um die Eltern – ob als Paar oder getrennt lebend sowie um Mutter und Vater als Person. Mit vielen Übungen lädt Annegret Noble die Eltern ein, ihre eigene Identität zu ergründen und das zu tun macht Sinn in einem Buch über die Pubertät. Denn die Mädchen und Jungen wollen wissen, wer sie sind und suchen Antworten bei den Erwachsenen, die oft genug vor lauter Sorge um den Alltag sich selbst noch gar nicht fanden. Dafür bietet das Buch keine neuen, aber doch hilfreiche Ideen zur Selbsterfahrung.

Ganz klar ist das Buch deshalb Eltern zu empfehlen, aber nicht nur Eltern mit Kindern in der Pubertät, sondern Eltern und Erziehern überhaupt. Das vor allem deshalb, weil sie durch das Buch angeregt werden, sich selbst als Mutter oder Vater, als Partnerin oder Partner und als Mensch klarer zu sehen und erwachsen zu werden.

Rezensiert von Barbara Leitner

Annegret Noble-Fischer: Maulende Rebellen, beleidigte Zicken. Der Erziehungscoach für Eltern
Ariston Verlag, München 2009
192 Seiten, 16,95 Euro

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