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Tonart | Beitrag vom 24.10.2018

Psychotherapie für Popstars Wenn Rapper meditieren

Kathryn Frazier im Gespräch mit Dirk Schneider

Ein Mann steht auf einer rot ausgeleuchteten Bühne. (Unsplash / Banter Snaps )
"Einem sehr bekannten Rapper habe ich transzendentale Meditation nahegebracht", sagt Coach Kathryn Frazier. (Unsplash / Banter Snaps )

"Die Musikmaschinerie läuft verdammt schnell", sagt Kathryn Frazier. Sie coacht Popstars, die unter psychischen Problemen leiden oder Angst haben im Musikbusiness auszubrennen. Zu ihren Klienten gehören Stars wie Justin Bieber, Daft Punk oder Lauryn Hill.

Kathryn Frazier: Ich glaube, Popmusiker leiden an denselben Dingen wie andere Menschen auch. Aber ihre Probleme vergrößern sich dadurch, dass ihnen die ganze Welt dabei zuschaut, ihr Handeln und ihren Zustand kommentiert. Ängste, Depressionen und Verzweiflung werden durch die sozialen Medien verstärkt. Und der Kampf damit endet oft in der Sucht. 

Dirk Schneider: Diese Leute haben aber eigentlich kein normales Leben. Ein stressiges Leben auf Tour, sie stehen in der Öffentlichkeit, was diese Probleme noch verstärkt, von einem normalen Alltag kann man bei Musikern ja eigentlich nicht sprechen.

"Dieses Leben kann einen auch zerreißen"

Kathryn Frazier: Sicher ist das Leben von Popstars ein anderes. Wir sehen den Glamour und glauben, es sei leicht, berühmt zu sein. Aber dieses Leben kann einen auch zerreißen, alleine dadurch, dass man keinen regelmäßigen Schlaf bekommt. Heute ist man in Dubai, morgen in Brasilien, dann in New York. Es gibt kein Zuhause und keinen geregelten Tagesablauf. Ich habe beobachtet, dass es den Künstlern wesentlich besser geht, wenn sie zuhause sind anstatt auf Tour. Menschen brauchen einfach Stabilität und Routine. Und vieles davon fehlt, wenn sie auf Tour sind.

Dirk Schneider: Und wie können Sie diesen Leuten helfen? Diese Stabilität im Leben können Sie ihnen ja nicht geben.

Kathryn Frazier: Ich helfe meinen Klienten dadurch, dass ich ihnen Werkzeuge in die Hand gebe, mit denen sie sich selbst helfen können. Einem sehr bekannten Rapper habe ich transzendentale Meditation nahegebracht. Wir sprechen darüber, wie wichtig Routinen sind und wie er sie auch auf Tour aufrecht erhalten kann – etwa mit einem Stundenplan, auf dem feste Zeiten fürs Musikmachen und das tägliche Workout festgehalten sind.

Achtsamkeit statt "sex, drugs and rock'n'roll"

Dieser Musiker führt auch ein Tagebuch über seine Ängste und Depressionen und die Zusammenhänge mit seiner Herkunft und Kindheit. Wenn er nun auf Tour geht, führt er ein ganz anderes Leben als früher, als er die ganze Zeit betrunken und auf Drogen war und Sex hatte. Es geht um Achtsamkeit und einen anderen Lebensstil. 

Dirk Schneider: Müssen die Leute ein bestimmtes Alter erreicht haben, um sich an Sie zu wenden, um überhaupt Hilfe zu verlangen?

Kathryn Frazier: Ich habe inzwischen so etwas wie einen Radar für diese Probleme ausgebildet. Ich arbeite gerade mit einem 21-jährigen Künstler, auch ein Rapper, unter Vertrag bei einem Majorlabel. Darüber, wie er spricht, was er auf Instagram postet, kann ich sehen, welche Kämpfe er durchmacht. Er ist depressiv und ganz klar drogenabhängig. Also gehe ich direkt auf ihn zu und sage: Hey! Ich sehe, was los ist, wenn du darüber sprechen möchtest, ich bin da. Fast immer reagieren die Leute mit Erleichterung, wenn ich sie auf ihre Probleme anspreche. Viele der Menschen, die ich coache, sind sehr jung, und darum geht es mir ja auch, von Anfang an mit ihnen auch an ihren Problemen zu arbeiten, damit sie nicht erst ins Straucheln geraten. 

Dirk Schneider: Das spielt sich natürlich alles noch in einem sehr geschützten Rahmen ab. Nun hat sich Kanye West in diesem Jahr zu psychischen Problemen bekannt. So etwas war lange tabu, vor allem im Hip-Hop. Ändert sich da auch etwas in der Branche?

Psychische Erkrankungen sind immer noch ein Tabu

Kathryn Frazier: Ich glaube, das Bewusstsein für psychische Probleme verändert sich, jedenfalls in Amerika. Kanye West hat ein Album gemacht, in dessen Titel das Wort "bipolar" vorkommt. So etwas ist auf jeden Fall wichtig: Je mehr die Leute öffentlich über ihr Leiden sprechen, desto mehr verliert es seinen Tabu-Status. Es ist schon irgendwie lächerlich, dass psychische Erkrankungen wie ein Geheimnis behandelt werden. Durch meine Offenheit mache ich meinen Klienten klar, dass sie die Wahl haben: Willst du weiter leiden oder möchtest du, dass es dir besser geht? Du kannst dir Hilfe holen, und wir müssen das nicht der ganzen Welt mitteilen. Unglücklicherweise kommt es in Fällen wie dem von Kanye West unfreiwillig an die Öffentlichkeit, wenn die Leute sich nicht behandeln lassen und die ganze Welt Zeuge ihres erratischen Verhaltens wird.

Dirk Schneider: Ich stelle mir diesen Job für Sie auch sehr anstrengend vor, Sie müssen ja sicher auch in Notlagen für Ihre Klienten erreichbar sein. Machen Sie das ganz alleine, oder haben Sie auch KollegInnen, die Sie in Ihrer Arbeit unterstützen?

Kathryn Frazier: Ich arbeite mit Kliniken zusammen, an die sich meine Klienten in Notsituationen wenden können. Ich bin nahe dran an meinen Klienten, und wenn mir bestimmte Dinge auffallen, die gefährlich werden können und in denen ich selbst nicht weiterhelfen kann, schlage ich ihnen vor, sie mit Fachleuten zusammenzubringen. 

Dirk Schneider: Wäre es nicht auch die Aufgabe von Plattenfirmen, sich auch um die psychische Gesundheit ihrer Künstler zu kümmern, oder geschieht das auch bereits? Es klingt jetzt so, als seien Sie eine der wenigen Anlaufstellen.

Die Plattenfirmen kümmern sich kaum

Kathryn Frazier: Von Seiten der Plattenfirmen sehe ich da sehr wenig Engagement, darum habe ich auch selbst angefangen, mich um diese Probleme zu kümmern. Ich hatte es satt zu sehen, wie diese Menschen leiden, und niemand kümmert sich um sie. Es gehört natürlich zum Klischee des Rockstars und Rappers, dass sie jung und wild sind, Drogen nehmen, zu wenig schlafen, feiern, düster und nachdenklich sind. Und für die Musikindustrie ist dieses Klischee zur Normalität geworden, wo meiner Meinung nach professionelle Hilfe gefordert ist, oder wenigstens jemand, mit dem man über diese Dinge sprechen kann. Aber es gibt auch ein paar gute Manager, die erkennen, wann ihre Schützlinge Hilfe brauchen. Ganz oft kriegen die Menschen, die mit den Künstlern arbeiten, auch deren Probleme mit, aber sie wissen nicht, was sie tun sollen. Und die Musikmaschinerie läuft verdammt schnell.

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