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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 31.07.2019

Psychotherapeut Wolfgang Wendlandt„Stottern verhindert nicht ein glückliches Leben“

Moderation: Katrin Heise

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Ein Filmszene aus dem Streifen "Niagara" mit der Schauspielerin Marilyn Monroe.  (Imago / United Archives)
Vorbilder für junge Menschen: Auch berühmte Schauspielerinnen wie Marilyn Monroe haben gestottert. (Imago / United Archives)

Warum stottern manche Menschen, und wie kann man ihnen helfen? Seit mehr als 50 Jahren beschäftigt sich der Psychotherapeut Wolfgang Wendlandt mit diesen Fragen. Er gilt als Wegbereiter der modernen Stottertherapie.

Die Zahl der Stotterer wird in Deutschland auf 800.000 Menschen geschätzt. "Stottern ist eine sogenannte Redeflussstörung", sagt Wolfgang Wendlandt. "Die Sprache ist gelernt, ist perfekt und voll da, aber das Sprechen selbst, der motorische Vollzug, ist gestört. Und in dem Sinne können alle Stotternden über die Sprache voll verfügen. Aber es wirkt oft, als ob sie zu wenig an sprachlichen Kompetenzen hätten."

Die Forschung hat noch keine abschließende Antwort gefunden, warum Menschen stottern. Aber, so der emeritierte Professor der Berliner Alice-Salomon-Hochschule, man weiß, dass 80 Prozent der Stotternden aus Familien kommen, in denen gestottert wird oder wurde. Erster Schritt bei einer Therapie sei es, sich mit dem Stottern intensiv auseinanderzusetzen. Nur das, was man kennt, kann man auch heilen.

Als Kind selbst gestottert

Seit bald einem halben Jahrhundert behandelt Wolfgang Wendlandt Menschen mit Sprech- und Sprachstörungen. Früher hat er selbst gestottert, bis er 15 Jahre alt war. Damals war es nicht üblich, mit Kindern über ihr Stottern zu reden. Aber, so Wendlandt, dass solle man durchaus behutsam tun.

Als Student der Psychologie machte er 1968 ein Praktikum an der Berliner Poliklinik für Stimm- und Sprachkranke. Wenig später gründet er die erste Selbsthilfegruppe für Stotterer in Berlin. Seine Praxis betreibt der 75-Jährige auch heute noch. Und er spielt Saxophon, macht Improvisationstheater und hat die "Tumoristen" gegründet, eine Improtheater-Gruppe für Krebserkrankte.

"Krebs ist immer noch tabuisiert, darüber zu sprechen ist ganz schwer. Wir sprechen über uns, wir zeigen uns. Und wer auf der Bühne steht, mit Glatze spielt oder mit anderen krebsbedingten Beeinträchtigungen, der muss lernen, wieder zu sich zu stehen, im Leben wieder mutig aufzutreten."

Berühmte Stotterer

Für Stotternde spielt das Gegenüber eine wichtige Rolle. Ist das entspannt und zugewandt, ohne korrigierend einzugreifen, überträgt sich das auf den Stotternden und wirkt sich positiv aus. Als ein Beispiel nennt Wolfgang Wendlandt den Film "The King’s Speech" mit Colin Firth in der Rolle des stotternden britischen Thronfolgers Albert, dem späteren König George VI. Der macht eine Sprachtherapie – mit Erfolg.

"Früher sind Stotterer in Filmen als lustige Figuren eher abwertend in Filmen oder Theater behandelt worden. Zum Glück wissen wir, dass berühmte Schauspieler wie Bruce Willis stottert, auch Marilyn Monroe hat gestottert, Winston Churchill hat gestottert, Joe Biden, der Vizepräsident von Obama hat gestottert. Stottern verhindert nicht ein glückliches Leben, Stottern ist etwas, was man bewältigen kann auf der psychischen Ebene."

(svs)

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