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Echtzeit | Beitrag vom 19.09.2020

Psychose nach dem Dauer-High Schluss mit Cannabis

Von Gesine Kühne

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Eine Person entzündet einen Joint. (imago images/Hans Lucas/Martin Bertrand)
Aufhören mit Folgen: Ein Cannabisentzug ist begleitet von innerer Unruhe, Albträumen und Schwitzen. (imago images/Hans Lucas/Martin Bertrand)

Eine Sucht zu beenden, braucht viel Kraft, Willensstärke und nicht selten Hilfe von außen. Alex Henske war cannabissüchtig, wurde paranoid und landete schließlich in der geschlossenen Psychiatrie.

"Die Freunde, mit denen ich im Raum saß, ich habe angefangen, mir einzubilden, dass die über mich reden. Schlecht über mich reden. Sodass ich mich spät abends ins Auto gesetzt habe, in diesem Zustand und wollte quasi weg."

Das berichtet Alex Henske. Der Leipziger erinnert sich an seine Sucht zurück. Er war abhängig von Marihuana und Haschisch, also THC-süchtig.

"Die Droge war Herr über mich und meine Situation. Das Erste, was ich früh gemacht habe, wenn ich aufgestanden bin, habe ich erst mal einen Eimer geraucht. Bevor ich auf die Toilette gegangen bin oder etwas gefrühstückt habe, musste ich erst mal davor eine Dosis verabreichen."

Bei Henske geht es los, wie bei vielen Jugendlichen: ab und zu mal ein Joint. Da ist er 15. Mit 17 raucht er schon täglich, vernachlässigt die Schule, schafft sein Abitur erst beim zweiten Anlauf. Seine Freunde, alles Kiffer

"Ich kann dir nur sagen, dass ich angefangen habe, in größeren Mengen einzukaufen, um einen günstigeren Grammpreis zu bekommen, um dann das Ganze durch Weiterverkauf zu refinanzieren."

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Seine Eltern wissen nichts von der Sucht, manchmal hat Alex Henske klare Momente, in denen er sogar die Suchtberatung aufsucht. Mehrmals. Mit dem Kiffen hört er trotzdem nicht auf. Bis besagtem Abend.

"Wollte quasi weg, wollte die Stadt verlassen. Das Problem war aber, dass alle Autos, die hinter mir herfuhren oder mir entgegenkamen, waren dann für mich in meinem Wahn dann Zivilpolizisten, die mich verfolgen. So dann ich immer wieder von der Autobahn runtergefahren bin, angehalten habe, bis das entsprechende Auto, das ich für mich als Zivilpolizei ausgemacht habe, vorbeigefahren ist, um dann wieder auf die Autobahn raufzufahren."

An einem Autobahnkreuz fährt Alex Henske so lange im Kreis, bis das Benzin alle ist. Beim Tanken erregt er dann so viel Aufsehen, dass die Tankstellenangestellte die Polizei holt und die letztlich einen Krankenwagen. Mit angelegten Handschellen und einer Beruhigungspille intus kommt Alex in die Klinik. Psychiatrie. Geschlossene.

Kiffen kann eine Psychose auslösen

Ortswechsel. In der Oberhavelklinik Hennigsdorf arbeitet Timo Krüger. Der Psychiater ist Oberarzt und leitet hier die Suchtstation. Kiffer mit Psychosen kennt er auch aus seinen Therapien.

"Immerhin ist Cannabis inzwischen zugelassen als Medikament. Das heißt, für einige mag es sogar hilfreich sein, aber für einige wenige ist es, glaub ich, wirklich gefährlich. Und ob das gefährlich ist für jemanden, das ist letztlich abhängig von der genetischen Prädisposition, diese ganzen Nebenwirkungen zu entwickeln."

Außerdem sei es sehr schädlich, als Jugendlicher anzufangen. So wie es etwa der Leipziger Alex Henske getan hat. Der randaliert damals erst mal, als er in die Psychiatrie ankommt. Wird dort erst mal ans Bett geschnallt, um, wie er selbst sagt, runterzukommen. Bei ihm dauert das ein paar Tage. Um mit dem Kiffen aufzuhören, sagt Psychiater Krüger, braucht es aber nicht unbedingt eine stationäre Behandlung. Das ist bei Alkohol, GHB und Benzodiazepinen anders, trotzdem sei ein Aufenthalt auf der Suchtstation von Vorteil.

"Canabis – der Entzug ist relativ unproblematisch. Die Leute haben schon damit zu tun: Innere Unruhe, Albträume, Schwitzen, die sind leicht reizbar, die sind nicht gut drauf. Und es macht auch Sinn, das zum Teil in der Klinik zu machen, weil die zu Hause diese Zustände gar nicht aushalten können und dann doch wieder kiffen. Aber es ist sicherlich nicht lebensbedrohlich."

Mit dem Kiffen soll für immer Schluss sein

Alex Henske hat sich allerdings mit seiner bekifften Wahnfahrt in Lebensgefahr begeben. Die Paranoia, dass alle ihm etwas Böses wollen, auch die Ärzte in der Klinik lässt mit der Ausnüchterung nach. Er startet Gruppen- und Einzeltherapie, nimmt Psychopharmaka. Nach zwei Monaten verlässt er die Geschlossene. Mit dem festen Willen: Mit dem Kiffen ist für immer Schluss.

"Ich habe in der Psychiatrie damals zwei entscheidende Sätze mitgenommen von dem Psychologen damals für mein Leben. Der erste Satz war: Hier kann Ihnen nichts passieren, hier sind sie an einem sicheren Ort. Sobald sie rauskommen, können wir nicht mehr auf sie aufpassen. Dann sind sie für sich selbst verantwortlich. Der zweite Satz war, der mich noch mehr geprägt hat. Solche Fälle wie sie haben wir hier ganz oft und 90 Prozent landen früher oder später wieder hier und in dem Moment habe ich mir geschworen, ok, dann will ich zu den zehn Prozent gehören, die nicht mehr hierherkommen."

Der Ex-Kiffer ändert sein Umfeld, fängt mit Zivildienst an, schafft sich eine Struktur. Alles Punkte, die das Aufhören erleichtern.

Alex Henske wird auch nicht mehr rückfällig, trinkt aber vermehrt, als die Psychopharmaka ausgeschlichen sind. Heute konsumiert der 41-Jährige gar nichts mehr: keinen Alkohol, kein Nikotin, kein THC.

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