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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 10.07.2020

Psychologische OnlineberatungMit Shalva durch die Pandemie

Von Carsten Dippel

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Ein Passant mit Schutzmaske geht an einem alten Gebäude mit Davidsternen an der Fassade vorbei. (picture alliance / Nur Photo / Artur Widak)
Vereinzelung in der Pandemie: Nicht jeder kann damit gut umgehen. Deswegen ist Hilfe vonnöten. (picture alliance / Nur Photo / Artur Widak)

Das fehlende soziale, familiäre und religiöse Miteinander durch Corona trifft auch die jüdische Gemeinschaft schwer. Deswegen gibt es "Shalva" – ein Projekt, das online schnell und unkompliziert Beratung und Hilfe anbietet.

"Shalva" ist Hebräisch und heißt so viel wie: "Bleib ruhig, bleib gelassen!" Und was könnte besser als Motto zu dieser Initiative von Sozialarbeitern, Therapeuten und Rabbinern passen, die in diesen von "Social Distancing" geprägten Zeiten Distanz überbrücken und Hilfe anbieten wollen? Beratung für Menschen in der jüdischen Gemeinschaft, die nach Halt und vielleicht auch Orientierung suchen.

Die Idee zu "Shalva" kam Flora, einer noch jungen Berliner Psychotherapeutin. Mit vollem Namen möchte sie in diesem Beitrag nicht genannt werden:

"Die Idee ist, kurzfristige Entlastung zu schaffen und die Ängste und Sorgen aufzufangen. Dass viele Menschen, die sonst vielleicht nicht die Möglichkeit haben, jemanden zu sprechen, über ihre Ängste sprechen, dass sie eine kurzfristige Entlastung bekommen können."

Selbstverständliches ging plötzlich nicht mehr

Die Pandemie hat auch für die jüdischen Gemeinden tiefe Einschnitte gebracht. Der Besuch der Synagoge war nicht mehr möglich. Abstand halten das Gebot der Stunde.

Für eine Gemeinschaft, in der das Miteinander, die Familie sehr viel zählt, eine schmerzliche Erfahrung. Die vielen familiären Kontakte in die USA, nach Israel oder nach Südamerika plötzlich gekappt. Großeltern konnten ihre Enkel nicht mehr sehen, die Ungewissheit, Sorgen und Ängste waren groß.

Das zehnköpfige Team von Shalva will hier psychosoziale Hilfe anbieten. In einer außergewöhnlichen Situation, in der auch in der jüdischen Welt die Menschen auf einmal nicht mehr wussten, wie es weitergeht.

"Es ist prinzipiell für alle, die sich gerade überfordert fühlen und das Gefühl haben, nicht klarzukommen und jemanden sprechen möchten, außerhalb des Familien- und Freundeskreises. Oder wenn sie im Familien- und Freundeskreis das Gefühl haben, über bestimmte Themen nicht sprechen zu können. Es ist völlig normal, dass man sich in einer nicht normalen Situation überfordert fühlt. Und da darf man sich auch Hilfe holen."

Sichere Räume schaffen

Wer diese Hilfe sucht, kann sich über Facebook an Shalva wenden und nach einem geeigneten Ansprechpartner suchen. Die ehrenamtliche Initiative Shalva ersetzt dabei keine klassische Therapie. Sie bietet aber die Möglichkeit, in wenigen Einzel- oder Gruppengesprächen Impulse zu bekommen. Die lockere Atmosphäre, der leichte Zugang über ein modernes Medium, nicht erst mit der Krankenkasse oder einer Institution in Kontakt treten zu müssen.

Shalva schafft einen sicheren Raum, sagt die Berliner Kinderärztin und Familientherapeutin Marguerite Marcus. Sie war selbst überrascht, wie intensiv viele der Gespräche waren.

Online-Beratung anzubieten, das habe sie sich lange kaum vorstellen können. Sie habe immer dazu ermuntert, ein Glas Wasser bereitzustellen. Oder ihr Gegenüber am Bildschirm auch einmal zu einer Atemübung eingeladen, zum Umarmen eines Kissens.

"Mir geht es häufig darum, einen Raum zu öffnen, wo Menschen einfach mal durchatmen können und sagen können: Geht es euch auch so? Wir sind ja immer nur Katalysatoren, wir Therapeuten. Wir versuchen nur aufzuzeigen, wo du in dir selbst Hilfe finden kannst. Und das ist eigentlich das Tolle, in dem Moment, wo wir den Chatroom haben, ist es viel klarer, dass wir nicht eingreifen können. Und diese Klarheit ist eigentlich wunderbar."

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